Sieben Kastenwagen im Vergleich

— 01.05.2005

Was haben die auf dem Kasten?

AUTO BILD hat Kangoo & Co durch die harte Alltagsprüfung geschickt: leer und beladen, durch die Stadt und über Land.

Handwerkerhobel als mobile Wohnzimmer

Nee, nein, niemals! Kritikern kommt kein Kastenwagen in die Garage. Die andere Fraktion schwärmt: quadratisch, praktisch, gut. Vielseitiger kann man nicht Auto fahren, sagen sie. Klar: Kangoo & Co polarisieren. Die Wahrheit? Endgültige Weisheiten gibt es nicht. Was es gibt, sind Zulassungszahlen. Und die belegen: Das Segment boomt. Knapp 51.000 Neuzulassungen der sieben hier vorgestellten Hochdachkombis registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt 2004.

Die Mischung aus kompakten Maßen, günstigen Kosten und gewaltigem Platzangebot macht sie interessant. Schiebetüren und die riesigen Staufächer über der Windschutzscheibe bieten handfeste Vorteile. Die Deutschen (Opel Combo Tour seit 2001, Ford Tourneo Connect seit 2003 und VW Caddy Life seit 2004) kamen spät auf den Trichter, Handwerkerhobel in automobile Wohnzimmer zu wandeln.

Die ersten waren Citroën Berlingo und Peugeot Partner (1998), doch erst der Renault Kangoo verhalf den tollen Typen zwei Jahre später zum Durchbruch. Noch immer ist er mit 13.427 Neuanmeldungen 2004 der Verkaufsrenner im Segment und Renaults Nummer zwei. Hier tritt er gegen die Kastenkombis von Citroën, Fiat, Ford, Opel, Peugeot und VW mit der stärksten Dieselmotorisierung an. Und genau in diesem Punkt versteht der kultige Kangoo zu glänzen.

Hoher Schwerpunkt macht Probleme

Der Kangoo hat mit 82 PS zwar den schwächsten Motor im Vergleich, ist aber leichter als die anderen und kann bei Beschleunigung und Elastizität mithalten. Außerdem erzielt er mit 6,3 Litern den Bestwert beim Durchschnittsverbrauch – und sein Platzangebot reicht dicke für den Großeinkauf bei Ikea. Leider ist der Kangoo nachlässig verarbeitet. Zu spüren etwa an den hochgestellten Rücksitzen, die äußerst wackelig wirken.

Wegen des hohen Schwerpunkts ist das Fahrverhalten bei Kastenwagen generell ein kritischer Punkt. Hier fällt der Renault besonders negativ auf. Beim Elchtest (doppelter Spurwechsel simuliert Ausweichmanöver in einer Notsituation) schaukelt sich die Karosserie so stark auf, daß der Wagen ab Tempo 60 auf zwei Rädern um die Pylonen schiebt. Hier wäre eine andere Fahrwerkabstimmung zugunsten von mehr Stabilität angebracht. Die indirekte Lenkung und die kutschbockartige Sitzposition erschweren Ausweichmanöver zusätzlich.

Die beiden anderen Modelle aus französischer Produktion zeigen ebenfalls fahrdynamische Schwächen. Für zügige Reaktionen ist auch hier die flachere Lenkradstellung ungünstig. Schiebt das Auto über die Vorderräder, verhärtet die Lenkung und macht Kurskorrekturen unmöglich. Der hohe Schwerpunkt hebelt das Auto so stark aus, daß eine bedrohliche Seitenneigung entsteht.

Fiats Playmobilauto für Erwachsene

Die Überraschung in diesem Vergleich ist der Fiat. Das gute Abschneiden im Kostenkapitel war zu erwarten. Gut präsentierte sich der Doblò aber auch bei Meßwerten sowie Fahreindrücken. Die Lenkung arbeitet präzise, das Ausweichverhalten ist – ob leer oder vollbeladen – unkritisch.

Besonders beim Platzangebot sammelt er Punkte. Sein Laderaum faßt drei Kubikmeter. Mehr schafft kein anderer. Doch die Sache hat einen Haken: Der Italiener darf nur 430 Kilo zuladen. Das ist im Verhältnis zur Größe wenig und macht den Fiat-Fahrer zur Witzfigur, wenn er vorm Baumarkt nur acht Säcke Zement im Stauraum versteckt, während der Caddy-Kollege zwölf Säcke in den Volkswagen wuchtet.

Bei der Innenraumgestaltung waren barocke Baumeister am Werk. Verspielt, verschnörkelt und mit gewagter Farbgebung versucht der Fiat zu signalisieren: Hallo, ich bin ein bunter Hund. Auch das Karosseriedesign hat was von einem Playmobilauto für Erwachsene. Der 105-PS-Diesel verbraucht einen Tick zuviel und könnte elastischer sein. Daran wird leider auch der überarbeitete Doblò nichts ändern, der im Oktober 2005 kommt und nur optisch retuschiert wird.

Kantiger Kumpel Ford, agiler Opel

Besser macht es der Ford Tourneo Connect. Obwohl nur 90 PS stark, hat er mehr Drehmoment und damit den besseren Durchzug. Allerdings arbeitet der 1,8-Vierzylinder sehr geräuschvoll. Der Kölner Klotz macht auf Kumpel: kantig, knuffig, kompromißlos. Er glänzt weder durch interessante Vorzüge, noch zeigt er nennenswerte Schwächen.

Mit mäßiger Komfort- und Sicherheitsausstattung ist er ein archaisches Angebot, das die größte Nähe zu Malermobilen und Klempnerkutschen aufweist. Bei den Fahrversuchen beeindruckte er mit präziser Spurhaltung dank straffer Federung, die Wankbewegungen schnell beruhigt.

Souveräner kann das nur Opel. Da der Combo auf der Corsa-Plattform aufbaut, hat er zwar weniger Zuladung als der vom Golf abgeleitete Caddy Life, doch glänzt er dafür mit hoher Agilität. Der Opel erzielt Höchstwerte bei Motor, Lenkung und Fahrverhalten. Im Fond hat er den besten Komfort. Wer viel und gern zu viert reist, findet im Opel das richtige Auto; Abstriche sind dann allerdings beim Kofferraum hinzunehmen.

Sachlicher Perfektionismus beim Caddy Life

Der Caddy Life zeigt die wertigste Verarbeitung, hinterläßt aber einen zwiespältigen Eindruck: viel Platz, bequeme Sitze, riesiger Stauraum und gewaltige Zuladung. Diese komplett auszureizen, empfiehlt sich indes nicht. Denn vollbeladen wird der VW in Notsituationen schwer kontrollierbar; und das selbst, wenn das aufpreispflichtige ESP (389 Euro) an Bord ist. Bei Ausweichmanövern reagiert die Elektronik spät, und die hintere Starrachse schwenkt nach außen. Beruhigend: Bei normaler Beladung reagiert er gutmütig und verfügt über die besten Bremsen. Der Pumpe-Düse-Motor läuft rauh, sorgt aber für gute Fahrleistungen.

VW-Fahrer fühlen sich sofort zu Hause. Das Cockpit ist aufgeräumt, die Verarbeitung wertig. Der Caddy verströmt soliden Charme. Da werden beispielsweise die hochgeklappten Rücksitze nicht mit einem simplen Fangband gesichert, sondern durch solide Metallstreben abgestützt.

Außerdem bietet er Einklemmschutz für die E-Fenster (sonst nur Opel Combo Tour), was für Familien mit Kindern wichtig ist. In der Summe seiner Eigenschaften hat der Volkswagen am meisten auf dem Kasten. Ob sein sachlicher Perfektionismus aber jeden anspricht, ist eine andere Frage.

Der Berlingo ist der bessere Partner

Ein Hersteller, zwei Marken, zwei Hochdachkombis: Peugeot Partner und Citroën Berlingo (Foto) stammen beide aus dem PSA-Konzern und sind weitgehend identisch. Trotzdem gibt es Unterschiede, die bei der Bewertung dazu führen, daß der Berlingo im Vergleich Fünfter, der Partner sogar Letzter wird. Wie kann das sein?

Bei Platzangebot, Fahrleistungen und Sicherheitsausstattung herrscht Gleichstand. Die Verbrauchsdifferenz kommt durch Streuungen bei den Meßfahrten zustande. Citroën bietet unbegrenzte Mobilitätsgarantie, Peugeot nur zwei Jahre. Im Berlingo ist die Klimaanlage serienmäßig. Der Testwagen war darüber hinaus mit dem Modutop-Paket (1640 Euro) ausgerüstet, das den Platz unterm Dach mit Staufächern und -klappen optimal nutzt.

Beide Modelle haben eine angenehme Federung, die einen entspannten Fahrstil ermöglicht. Beim Partner in Escapade-Version ist der dringend anzuraten. Dieses Modell macht nicht nur mit vergitterten Scheinwerfern und Rückleuchten auf rustikale Offroad- Optik, sondern rollt auch auf Conti-Allradreifen mit T-Index. Folge: Bei den Bremsmessungen liegt der Peugeot 6,3 Meter hinter seinem Schwestermodell mit H-Reifen von Michelin und verliert mit einem Katastrophenwert von 44,9 Metern nicht nur das konzerninterne Bremsduell, sondern auch die Gesamtwertung. Darum: Der Berlingo ist in diesem Fall der bessere Partner.

Fazit und Wertung

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Jörg Maltzan Keine Qual der Wahl: Wer einen Kastenwagen will, hat besondere Ansprüche und oft auch reichlich Erfahrung. Und so schwingt bei Kangoo-Käufern wohl auch oft ein wenig R4-Romantik mit. Sie werden kaum für einen Caddy zu begeistern sein. Er ist der Beste, weil er meßtechnisch und subjektiv alle übertrumpft. Er ist viel näher an einem Touran als an der rustikalen Erscheinung, mit der ein Ford Tourneo nutzwertorientierte Kunden ködert. Ein interessanter Typ dazwischen (und mein Favorit) ist der Doblò: riesig, günstig und gut zu fahren. Sein auffälliges Design ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber müssen Kastenwagen gut aussehen?

Den kompletten Vergleichstest mit allen technischen Daten können Sie gleich hier für 1,00 Euro downloaden. Über diesen Link gelangen Sie direkt ins Heftarchiv, wo Sie nur noch den Download-Button klicken müssen.
Die Wertung
max. Punkte Citroën Fiat Ford Opel Peugeot Renault VW
Testwerte
Platzangebot vorn 20 15 17 16 18 15 16 19
Platzangebot hinten 15 9 12 10 15 9 9 10
Kofferraum min./max. 15 9 15 7 5 9 9 14
Zuladung/Anhängelast 25 18 13 19 15 19 13 23
Variabilität 15 11 11 12 10 11 12 11
Beschleunigung 15 6 7 3 10 5 6 7
Elastizität 20 11 10 12 15 11 13 14
Vmax 10 5 7 5 7 5 4 7
Bremsen 35 21 1 10 17 4 7 24
Geräusche innen/außen 10 4 4 2 2 5 2 4
Wendekreis 10 3 3 4 2 3 5 5
Grundfläche/Raumnutz. 10 7 7 5 7 7 10 3
Zwischenergebnis 200 119 107 105 123 103 106 141
Test-Eindrücke
Motoreigenschaften 20 15 15 14 18 15 16 15
Getriebe/Schaltung 20 13 13 16 15 13 13 16
Fahrverhalten 30 16 22 21 25 15 15 20
Lenkung 20 14 16 16 18 14 14 16
Fahrkomfort 30 24 23 21 23 24 25 24
Sitze/Sitzposition 20 14 15 17 16 14 13 16
Raumgefühl 10 8 10 10 8 9 9 10
Bedienbarkeit 20 15 14 13 14 15 15 17
Rundumsicht 10 8 8 7 8 8 8 7
Qualitätseindruck 20 14 13 13 15 14 12 15
Zwischenergebnis 200 141 149 148 160 141 140 156
Kosten
Preis (Grundpreis) 80 51 64 62 63 57 65 51
Verbrauch 20 16 15 17 17 18 19 16
Steuer/Versicherung 20 8 10 8 8 9 8 8
Garantie 20 12 8 9 10 9 12 12
Komfortausstattung 20 12 12 4 10 9 6 13
Sicherheitsausstattung 20 6 7 4 4 6 8 7
Wartung 10 4 4 5 10 5 7 4
Wiederverkaufswert* 10 7 6 6 7 8 8 7
Zwischenergebnis 200 116 126 115 129 121 133 118
Gesamtpunktzahl 600 376 382 368 412 365 379 415
*ermittelt von Bähr & Fess Forecasts/Saarbrücken

Autor: Jörg Maltzan

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