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So machen Profis Autos auf

— 18.03.2002

Autoknacker mit Diplom

In zwei Tagen zum Profi: Eine Werkzeugfirma macht selbst Laien zu Schlösser-Spezialisten. Reporter Cohrs hat den Knacker-Kurs besucht.

Per Crash-Kurs zum Profi-Knacker

Jetzt haben sie mich so weit: Ein kleiner, böser Gedanke schleicht sich in den Kopf. Es ist mein zweiter Tag in dieser einstöckigen, weiß gestrichenen Halle im Gewerbegebiet von Bergheim bei Köln. Und schon denke ich: "Mensch, wärst du doch Ganove geworden." Pfui, pfui, pfui! Ein schamroter Kopf, eine hastige Bewegung: Schnell weg mit dem Werkzeug, einem "TLP-C Modell B Standard Diameter". Aber mal ehrlich, es ging auch so einfach. Zu einfach. Viel zu einfach sogar!

In weniger als einer Minute habe ich Laie eben ein "Tubular-Schloss" geöffnet, könnte jetzt Lenkradkrallen knacken. Oder die Bremsscheibenschlösser von Motorrädern. Oder den Schlüsselkasten vom Gebrauchtwagen-Höker um die Ecke. Oder... "Jaja, im Grunde sind wir alle lizensierte Einbrecher", scherzt Adalbert Wendt. Ein kleiner bulliger Mann mit Igelfrisur und Bart, irgendwie der Prototyp des fröhlichen Rheinländers und überzeugten Karnevalisten (was er übrigens auch tatsächlich ist).

Vor allem aber ist der 53- Jährige Gründer und Chef der Werkzeugfirma "Wendt Sicherheits- und Aufsperrtechnik". Die verkauft nicht nur über 1500 Produkte rund ums Aufbrechen und Aufmachen. Sondern zeigt ihren Kunden für 434,60 Euro auf zweitägigen Seminaren auch, wie man damit umgeht.

1500 Produkte zum Aufbrechen

"Da sitzen lauter zwielichtige Gestalten herum", dachte ich auf der Fahrt ins Rheinland. Und blickte mich dann morgens um neun irritiert im Seminarraum um: Elf Männer hockten da - und wirkten so nervös wie 17-Jährige vor der ersten Fahrstunde. Der blonde Kerl rechts neben mir wippte ständig mit den Füßen, der Kollege hinten an der Heizung auch. Ein anderer im Karohemd blätterte hastig in den Seminar-Unterlagen. Wie Verbrecher sahen die nicht aus.

Sind sie auch nicht, sondern Handwerker: Tischler, Schlüsseldienst-Mitarbeiter, Sicherheitstechniker, Schlosser. Wer zum Knacker-Kurs will, muss schon einen guten Grund haben. Und einen Gewerbeschein. Und seinen Personalausweis kopieren lassen. "Wenn jemand mit seinem hier gewonnenen Wissen etwas Kriminelles anstellt, kriegen die Ermittler von uns jede gewünschte Auskunft", droht Herr Wendt. Da kennt er nichts. Die Werkzeuge, die er verkauft, sind deshalb auch registriert. Kriminelle kaufen im Ausland.

Aber los jetzt, Autos knacken! Von wegen: Erst kommt Ausbilder Theo (Haare vorn kurz und hinten lang, Schnäuzer, riesige Brille à la US-Cop) mit einem Vortrag über Schloss-Historie. Dann sind Haustüren dran. Nach sieben Stunden kann jeder von uns Schließzylinder herausziehen, auffräsen oder wegbrechen. Nach weiteren vier Stunden das Gleiche ohne Gewalt - nur mit einem "Pick" (diesen Teilen aus Detektiv-Filmen, die wie Zahnstocher aussehen). Dann, endlich: Autos!

Nach einer Minute ist (fast) jedes Auto auf

Ober-Türen-Knacker Wendt holt seinen "Little Joe" raus. Klingt obszön. Meint aber (grob gesagt) ein Schraubenzieher-ähnliches Werkzeug für 461,61 Euro. Ein paar Handbewegungen (die ich hier nicht beschreiben möchte) mit dem Teil im Schließzylinder - und dann erschrocken feststellen: Nach spätestens einer Minute ist das Auto auf! Und zwar jedes.

Je nach Marke muss nur ein anderer Aufsatz an den "Little Joe", lediglich für einen Ford oder Jaguar braucht man ein anderes Werkzeug namens "Tibbe-Decoder Deluxe" - und ein bisschen mehr Zeit, so vier bis fünf Minuten. Mit dem Auto abhauen geht übrigens nicht mehr: Die modernen Wegfahrsperren knacken nur Profis.

Nach zweitägigem Kurs bekomme ich mein Diplom. Und versuche mich zu Hause auf unserem Test-Parkplatz. Mit "Little Joe", den Wendts Thüringer Partner Thomas Pfannenstiel erfunden hat. Ergebnis: Nicht so schnell wie die Profis, aber am Ende sind alle Türen auf. Selbst unser ungeschulter Fotograf knackte einen Audi A6. Hoffentlich hat er jetzt nicht auch kleine, böse Gedanken.

Adalbert Wendt: "Kein Auto ist sicher"

Kurzinterview mit Adalbert Wendt (53), Chef der Firma Sicherheits- und Aufsperrtechnik

Herr Wendt, warum sind selbst moderne Autos noch so leicht zu knacken? Das liegt am Kostendruck der Hersteller. Wenn eine komplette Schließanlage für alle Türen höchstens 25 Euro kosten darf, kann man keine Sicherheit erwarten. Außerdem haben die Hersteller eine Hemmschwelle, um Rat zu fragen. Wenn die uns in der Entwicklung hinzuziehen würden, wäre vieles besser.

Sind teure Autos sicherer? Von wegen: Einen Porsche mache ich Ihnen mit einem Kleiderbügel auf, einen Ferrari mit einem alten Stück Draht.

Gibt es positive Ausnahmen? Das kommt auf die Art des Aufbruch-Versuches an. Bei Ford und bei Jaguar zum Beispiel dauert es etwas länger, die Türen ohne Gewalt zu öffnen. Aber richtig sicher ist kein einziges Auto. Deshalb haben Wertsachen darin nichts zu suchen.

Was raten Sie Autofahrern? Eine vom Schließsystem unabhängige Alarmanlage. Und bloß keine Aufkleber mit dem Anlagen-Typ an den Seitenscheiben anbringen lassen: Das schreckt Autoknacker nicht ab, das erleichtert ihnen nur die Arbeit.

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