Spezial: 60 Jahre Ferrari

Spezial: 60 Jahre Ferrari

— 18.04.2007

Mit 2140 Pferden durch Fiorano

Mit 40 Zylindern blasen wir Ferrari einen Marsch zum 60. Geburtstag. Fahrbericht vom Mittelpunkt der Sportwagen-Welt.

Es ist kein Sommer wie jeder andere. Spätestens im Juni sehen Millionen von Automobil-Enthusiasten in allen Erdteilen Rot. Genauer: Rosso Corsa, Rosso Scuderia, Rosso Monza – egal, Hauptsache, unter der Farbe steckt ein Ferrari. Anlass für die Alarmstufe Rot ist der 60. Geburtstag des italienischen Nationalheiligtums. So lange wollten wir nicht warten und besuchten die umschwärmteste Automarke der Welt in ihrer Heimat-Kleinstadt Maranello. Das Programm: Blicke hinter die Kulissen der Traumfabrik, ausgiebiges Testen der aktuellen Modelle – und Studium der Farbmusterkarten.

Denn natürlich muss ein Ferrari nicht rot sein. So fährt der F430 als Coupé in Quietschgelb vor, das ihm unglaublich gut steht und im Original deutlich eleganter Giallo Modena heißt. Der Spider schmückt sich mit einem dezenten Silbergrau namens Grigio Alloy. Wie der dunklere Farbton Grigio Titanio nicht aufregend, dafür wunderbar diskret. Egal: Wer erst mal im Auto sitzt, vergisst die Außenwelt sowieso. Sie wird nebensächlich wie die bescheidenen 250 Liter Kofferraum. Tief falle ich in die aufpreispflichtigen Carbon- Rennschalen. Die Sitzposition passt sofort. Auch wenn meine etwa 30 Zentimeter kleinere Kollegin über die fehlende Höhenverstellung sowie schlechte Rundumsicht klagt und nach einem Kissen verlangt, kenne ich kaum einen funktionelleren Arbeitsplatz.

Hätte ich nicht irgendwann ein sehr menschliches Bedürfnis verspürt – wahrscheinlich säße ich noch heute in „meinem“ 430. Der Blick fällt auf den zentral angeordneten, gelb (wahlweise rot) hinterlegten Drehzahlmesser, der die Zahl 10.000 weder aus Spaß- noch aus Showgründen trägt. Allein dieses Signal reicht, um vor meinem geistigen Auge die schwarz-weiß karierte Fahne und jede Schranke fallen zu lassen. „Drück mich!“, fordert der rote Startknopf, der in diesem Auto nicht peinlich wirkt, und das Gaspedal stimmt mit ein. Doch vorher müssen wir den Spielmodus bestimmen – mit dem Manettino, dem magischen Lenkradschalter zur Auswahl der passenden Abstimmung. Bloß nicht den Modus ICE: Damit mimt der F430 den Biedermann. Gut bei Glätte, aber kreuzlangweilig. LOW GRIP funktioniert ganz ähnlich, taugt für Regen und schlechte Pisten, aber nicht zum Vergnügen.

Erst SPORT macht die Sache interessant. Der Fahrer darf sich schon über leichte Ansätze eines Drifts freuen, aber auch auf die Hilfe des CST vertrauen (controllo di stabilità e trazione, Italienisch für ESP). RACE hält, was der Name verspricht. Alles geht noch mal schneller, und das ESP versucht dem Fahrer erst zu helfen, wenn er eigentlich schon verzockt hat. CST mit einem Strich mittendurch kappt schließlich jede elektronische Hilfe, abgesehen von ABS und Bremskraftverteilung, steht also für Ferrari ohne Filter. Und entspricht damit genau dem, wonach wir auf der Pista di Fiorano lechzen. Also Knopf drücken und Kopf gerade halten. Der 4,3-Liter-V8 hinter uns brüllt los, dass die Glückshormone im Großhirn Purzelbäume schlagen und das Trommelfell vor Entzücken eine Gänsehaut auflegt. Jetzt schnell die rechte Lenkradwippe der automatisierten Formel-1-Schaltung gezogen – und Start frei.

Als wolle er die Hinterräder im Format 285/35 ZR 19 schon auf der ersten Runde in Slicks verwandeln, stürmt der F430 davon und steigert das aufgeregte Schnauben der 490 PS in ein heißblütiges Wiehern. Vor Kurven wird der ungestüme Vorwärtsdrang ebenso herzhaft unterbrochen. Das brutale Anbremsen trainiert die Nackenmuskeln, die messerscharfe Lenkung seziert die Ideallinie, die dank des Mittelmotors leicht hecklastige Gewichtsverteilung (43:57) erlaubt ab dem Scheitelpunkt hemmungsloses Gasgeben. Doch Vorsicht: Wer beim Anbremsen schon in der Kurve steckt oder sie beim Beschleunigen noch nicht verlassen hat, der legt mit dem 430er auch gern mal einen unfreiwilligen 360-Grad-Dreher hin. Wobei es ziemlich egal ist, ob man im Spider oder Coupé sitzt. Beim geöffneten Spider fällt die Aussicht aus dem Cockpit allerdings deutlich spektakulärer aus.

Wo der F430 mit riesigen Lufteinlässen ganz ungeniert auf Muskel-Macho macht, zieht der 599 GTB Fiorano den feinen Degen des subtileren Designs. Aggressiv und dennoch anmutig, verdreht uns das große Coupé die Sinne und lässt staunende Betrachter zurück: Wie kann ein Auto von immerhin 4,67 Meter Länge nur so sinnlich aussehen? Und wie geht es an, dass sich dieser Zweisitzer mit fast 1,7 Tonnen Leergewicht und seinen luxuriösen Bordbeigaben fährt, als säße man in einem Rennwagen? Die Antwort gibt der Enzo, von dem sich der 599 den Sechsliter-V12 borgt – wenngleich der Zwölfzylinder hier leicht gezähmt mit 620 statt 660 PS auskommen muss und hinter der Vorderachse, aber vor dem Fahrer steckt.

Mit an Arroganz grenzender Leichtigkeit zoomt sich der Zweisitzer von einer Kurve zur nächsten, lässt im reinen Sprintduell selbst den F430 hinter sich und schüttelt immer mindestens 100 PS mehr aus seinen zwölf Halbliter-Pötten, als sein Fahrer glauben mag. Dabei klingt der Dynamiker im Designerdress auch noch so unverschämt potent und prachtvoll, als stünde er nicht überwiegend in klimatisierten Privatgaragen, sondern in benzingeschwängerten Boxengassen. Nicht mal enge Kehren bereiten dem 599, der das Setup von Fahrwerk, Schaltung und ESP ebenfalls zentral über das Manettino verwaltet, echte Schwierigkeiten. Eher schon unverschämte Lust und beinah kindlichen Spaß – in der feinen 200.000-Euro-Liga keine Selbstverständlichkeit.

Wer seinen Ferrari lieber gerührt und nicht geschüttelt wünscht, greift besser zum 612 Scaglietti. Das 4,90-Meter-Coupé setzt mehr auf reisetaugliches Format und kommoden Komfort als auf schnelle Rundenzeiten. Das Manettino suchen wir hier jedenfalls vergeblich, in unserem Testwagen ersetzt eine offene Schaltkulisse die Wippen am Lenkrad. Doch dafür finden wir im derzeit teuersten Ferrari (ab 222.630 Euro) zwei zusätzliche Sitze im Fond und einen alles andere als schwächlichen Zwölfzylinder unter der vorderen Haube. Dank 540 PS schickt er den Scaglietti mit markengerechter Lässigkeit durch die Welt der Schönen und Schnellen. Auf der Rundstrecke schlägt sich der große Wagen zwar ebenfalls beachtlich, dem höllischen Tempo von F430 oder 599 GTB kann er aber nicht ganz folgen. Muss er auch nicht. Für feuchte Hände und rasenden Puls reichen die Kurvenkünste des 612 Scaglietti jederzeit, die elegante Optik und die heisere Zwölfzylinder-Musik sowieso. Nicht nur Ferrari- Fans dürften selbst bei einem grauen 612 Rot sehen.

Fazit


Wenn Maranello vom 21. bis 25. Juni in einem Meer aus Rot versinkt und Ferraris 60. Geburtstag feiert, werden wir zumindest innerlich mitjubeln. Kaum eine andere Marke besitzt eine derart hypnotische Wirkung. Von den vier aktuellen Modellen hat es uns besonders der 599 GTB Fiorano angetan. Die Mischung aus scharfer Schale und kraftstrotzendem Kern macht ihn zu unserem Favoriten.

Interview mit Ferrari-Chef Jean Todt

"Ein SUV steckt nicht in unserer DNS"

AUTO BILD:Herr Todt, mit welchem Auto sind Sie heute morgen zur Arbeit gefahren?
Jean Todt: Mit meinem Maserati Quattroporte, wie jeden Tag.

Sie haben aber nicht nur einen Wagen, sondern einen Fahrzeugpark.
Ich liebe Autos, seit ich ein kleiner Junge bin. Der Unterschied zwischen einem Mann und einem Jungen ist der Preis des Spielzeugs. Ich habe das Glück, einige Ferrari zu besitzen.

In diesem Jahr feiert Ferrari sein 60. Firmenbestehen. In der Vergangenheit gab es zu besonderen Anlässen besondere Autos. Kommt ein F60?
Den Geburtstag feiern wir mit einem limitierten Modell des Scaglietti, dem 612 Sessanta – 60 einzigartige Stücke. Sie sind bereits verkauft.

Ist es denkbar, dass Sie einen SUV bauen?
Nein. Das steckt nicht in unserer DNS.

Selbst Porsche hat seine Sportwagen-Palette um den Cayenne erweitert.
Ich respektiere, was Porsche macht. Sie machen ihre Sache wirklich gut. Aber wir sind kleiner, exklusiver.

Wie sieht denn die Zukunft von sportlichen Luxus-Autos aus? Gerade im Hinblick auf C02 und Feinstaub?
Wir arbeiten an einem Spritspar-Programm, außerdem zusammen mit Shell an einem neuen Kraftstoff.

Kommt ein Ferrari mit Hybrid-Antrieb?
Im Moment nein. 2009 führen wir in der Formel 1 die Rückgewinnung von Bremsenergie ein. Unsere Ingenieure für die Straßen-Ferrari verfolgen diese Entwicklung auch.

Könnte auch Diesel eine Option sein?
Nein!

Seit letztem Jahr sind Sie nicht mehr nur Sportchef, sondern auch der Geschäftsführer von Ferrari. Eine ähnliche Position hatte bislang nur Enzo Ferrari selbst.
Enzo Ferrari war eine einzigartige Persönlichkeit. Er hat eine Firma gegründet. Er hat sein eigenes Geld in dieses Geschäft gesteckt. Und er hat eine Marke entwickelt, die eine der Top-Marken in der Geschichte ist. Ich bin nur ein Manager in dieser Firma.

Autoren: Gerald Czajka, Margret Hucko

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