Spielzeug-Jubiläum

Carrera-Bahnen Carrera-Bahnen

Spielzeug-Jubiläum

— 02.05.2003

40 Jahre am Drücker

Das erfolgreichste deutsche Technik-Spielzeug feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Die Carrera-Rennbahn wird 40 – und ist nach langen Krisenjahren wieder auf der Pole-Position.

Carrera – von Porsche geklaut

Tempo, Tesa, Tetra Pak – Markennamen, die so populär sind, dass wir sie seit Ewigkeiten als Gattungsbegriffe gebrauchen. Und die Rennpisten, auf denen wir schon im Kindesalter den Wohnzimmer-Grand-Prix ausfuhren? Klar, die nennen wir Carrera-Bahnen. Egal, welches Logo sie tragen.

2003 feiert das Original seinen 40. Geburtstag. Glückwunsch, Carrera! Hast dich gut gehalten. Oder besser gesagt: prima erholt. Denn während deines wechselvollen Daseins ging es dir zeitweise ziemlich dreckig. Fürth, 1962. Dr. Hermann Neuhierl, der von seinem Vater eine Fabrik für mechanische Spielwaren (JNF, seit 1920) übernommen hatte, muss umdenken: Statt aufziehbaren Blechs stehen immer öfter elektrisch betriebene Plasik-Modelle auf den Wunschzetteln.

In Amerika entdeckt er "Slot racing": Spielzeug-Renner, die per Leitkeil auf geschlitzten Schienen laufen. So etwas fehlt in Deutschland – da ist Neuhierl sicher. Und geht ans Werk. Bereits zum Weihnachtsgeschäft 1963 ist die JNF-Bahn da. Name: Carrera. Neuhierl findet ihn im Hause Porsche, beim Studieren von Werkzeichnungen für seine Modelle.

Sechs Systeme in vier Klassen

Das System im Maßstab 1:32 schlägt sofort ein. Sportwagen gesellen sich zu den Formel-1-Flitzern, 1966 gibt es fünf Kurvenradien. 1967 debütiert bereits die nächste Bahn: die große "Carrera 124" (1:24), die technisch und preislich auf das "Profi-Lager" zielt. Damit ist das Carrera-Fieber ausgebrochen. Clubs entstehen, Väter und Söhne fahren um die Meisterschaft. Und die Konkurrenz kommt: Fleischmann, Stabo, GAMA, Märklin – alle springen auf.

Doch bezüglich Qualität, Angebot und Vertrieb kann keiner dem Branchenprimus das Wasser reichen. Wenig später ist er praktisch wieder allein auf dem deutschen Markt. Der Rapide wächst. Neuhierl kartet nach, bringt eine Offensive nach der anderen: "1976 kam die winzige 1:60-Bahn dazu, 1978 eine Spurwechsel-Version gleichen Maßstabs (Servo 160) sowie eine im Ur-Format 132, dann die Servo 140.

Ab 1979 bot Carrera sechs Systeme in vier Dimensionen an, der 208-seitige Katalog zeigte rund 130 Autos sowie 300 weitere Artikel", erzählt Henry Smits-Bode (34). Der Sammler, Chronist und Buchautor ("Carrera-Geschichte & -Modellkatalog", Tel. 0 54 02-42 48, www.mekcar.de) sieht die Saison der Rekordumsätze als Wendepunkt: "Das Sortiment überforderte den Fachhandel, er konzentrierte sich lieber auf den Boom der Funk-Automodelle."

Das Ende – Konkurs 1985

Daran ändern auch die Servo-Bahnen nichts. Smits-Bode: "Für Wettbewerbe, bei denen der bessere Fahrer gewinnt, war die Lenkradregelung untauglich – das merkten die Kunden nach kurzer Euphorie. Die Spurwechsel-Autos, die unterm Tannenbaum eingefahren worden waren, parkten schon am Neujahrstag in der Ecke." Anfang der Achtziger bricht das Geschäft endgültig ein.

Erstes Opfer des nötigen Sparkurses: die groß(artig)e 124. Fahrzeuge aus 70 Einzelteilen, 40 originalgetreue Felgentypen – derartige Produktionskosten sind passé. 1983 setzen die Gläubiger einen Zwangssanierer ein, im Jahr darauf stirbt auch die legendäre 132 Universal. Der Konkurs folgt im Januar 1985. Käufer der maroden Reste: der branchenfremde Kurt Hesse.

Zur Zusammenarbeit mit Dr. Neuhierl kommt es nicht mehr. Am 6. Februar leitet der 57- Jährige die Abgase seines Opel Senator in den Innenraum ... Die mittlerweile reifen Fans dürfen erst 1989 wieder hoffen: Hesse legt die 124 als "Exclusiv" neu auf. Gleichzeitig bringt er "Car Racing"; eine Billig-Bahn, die auch bei Aldi zu haben ist. "Qualitativ nur noch Schatten der alten Boliden, der Tiefpunkt der Marke", beschreibt Smits-Bode die Autos dieses Systems.

Neuanfang aus Österreich

1994 wird Hesse, der Boss mit zweifelhaftem Ruf, inhaftiert. 1997 folgt der nächste Sanierer, die Herstellung zieht nach China. Seit 1999 am Steuer: Stadlbauer, seit 1968 Carrera- Vertreiber in Österreich. Endlich geht es wieder steil bergauf. "Mein Vater war mit Dr. Neuhierl eng befreundet, wir beide sind Carrera-Freaks", erzählt der 36-jährige Andreas Stadlbauer: "Die Renaissance des Labels ist für uns eine Herzenssache und historische Verpflichtung."

Und eine riesige Aufgabe. Denn längst zeigen Marken wie Scalextric (1957 Slot-racing- Pionier), Fly und Ninco, was zählt: liebevoll detaillierte Renner in hoher Qualität. Stadlbauer weiß das. Und handelt: Servo und Car Racing sind Vergangenheit, mit den jüngsten Festspur-Modellen ist Carrera wieder auf Pole-Position.

Und die Zukunft? "Die hat schon begonnen. Mit echtem Hightech: Autos mit Computerchips ermöglichen originalgetreue Qualifyings, mehrere Renner können gleichzeitig in einer Spur laufen", sagt der Junior stolz. Kein Wunder: Stadlbauer vertreibt nebenbei Nintendo. Für Smits-Bode ist jedoch klar: Die aufwändige Mechanik der Sechziger kommt nie wieder. "Unterm Strich hat nur ein Detail die 40 Jahre der Berg-und-Tal-Fahrt überlebt", seufzt er, "der grafisch unsaubere Carrera-Schriftzug."

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