Spritpreis und Spekulanten

Citroën 2 CV Smart fortwo

Spritpreis und Spekulanten

— 09.04.2010

Viel Luft im Benzinpreis

Alles reine Spekulation? Von wegen. Eine neue Studie belegt erstmals mit Zahlen: Zocker an den Rohstoffbörsen treiben den Benzinpreis künstlich in die Höhe. Den deutschen Autofahrer kostet das pro Tankfüllung mehrere Euro.

(dpa/cj) Das österliche Aufstöhnen ist gerade verklungen, da kündigt sich schon die nächste Wucherrunde an. Der Benzinpreis treibt den deutschen Autofahrern an den Tankstellen derzeit die Zornesröte ins Gesicht. Als Schuldige gelten mal die Steuern, mal die hohe Nachfrage. Der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold vom unabhängigen Informationsbüro EnergyComment kommt nun in einer Studie im Auftrag der Grünen-Bundesfraktion zu einem ganz anderen Ergebnis: Internationale Spekulanten blasen viel Luft in den Preis, die den Autofahrer an der Zapfsäule teuer zu stehen kommt.

Auf einen Blick: Die Dienstwagen der deutschen Politiker

Die Kurve ist leicht gesunken: Seit Ostern fiel der Benzinpreis in Deutschland - vorläufig. (Quelle: ADAC)

Seit Monaten steigt der Ölpreis und hat mittlerweile die Marke von 80 Dollar pro Barrel (159 Liter) deutlich hinter sich gelassen. Rund ein Drittel des Anstiegs ist nach der Hamburger Studie allein auf Spekulation zurückzuführen. "Der Ölmarkt ist eine Mischung aus Rohstoffmarkt und Finanzmarkt“, erklärt Bukold. An den beiden großen Ölbörsen in New York und London würden täglich 13 Mal so viele Ölkontrakte (Paper Barrels) gehandelt, wie tatsächlich an Öl gefördert wird. Finanzinvestoren wie Investmentfonds, Banken und Hedgefonds wetteten in großem Stil auf den Ölpreis, und zwar meistens auf steigende Preise, so der Experte. "Der Ölmarkt ist dafür besonders gut geeignet", sagt Bukold. "Er ist sehr groß und er schwankt besonders stark."

Hier geht es zu den Spritsparern

Der derzeitige Preis ist mehr als doppelt so hoch wie zu Beginn des vergangenen Jahres und bedeutet für die Verbraucher in Deutschland enorme Kosten für Benzin und Heizöl. Gleichzeitig ist die Ölproduktion hoch, die Lager sind gut gefüllt, es gibt reichlich freie Förderkapazitäten und die Nachfrage hat noch nicht so richtig angezogen. Kein Grund also für hohe Preise. Den Berechnungen in der Studie zufolge zahlt der Autofahrer in Deutschland für jeden Liter Benzin, Diesel oder Heizöl 14 Cent zu viel. Bei einer Tankfüllung von 50 Litern macht das schon sieben Euro. Allein für die Autos in Privathaushalten in Deutschland ergeben sich jährlich Mehrkosten von fünf Milliarden Euro, wie der Hamburger Energieexperte ausrechnete – im Schnitt 136 Euro.

Alle Marken, alle Modelle

"Der Schaden fällt beim Konsumenten an", sagt Bukold. Der Nutzen jedoch nicht nur beim Spekulanten. Die Gewinne an den Rohstoffbörsen lassen sich nicht beziffern, denn die Akteure handeln ebenso mit Weizen, Nickel, Kupfer oder Kakao und weisen das nicht einzeln aus. Zudem geht nicht jede Spekulation auf; es kommt auch zu Spekulationsverlusten. Gewinner sind auf jeden Fall die Ölförderländer, denn sie erzielen für ihr reales Öl ebenfalls die hohen Preise, die auf den Finanzmärkten entstehen.

Experten stimmen zu – Detailberechnung schwierig

Andere Branchenexperten stimmen Bukold im Grundsatz zu, sind aber im Detail skeptisch. "Es ist richtig, dass sich der Preis von den Fundamentaldaten abgekoppelt hat", sagt Karin Retzlaff vom Mineralölwirtschaftsverband (MWV) in Berlin. Die Versorgung der Märkte sei gut, der Preis steige trotzdem. Ähnliches sei auch auf den Aktienmärkten zu beobachten, die ebenfalls steigen. Vermutlich suche Kapital nach Anlagemöglichkeiten. Klaus Matthies vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), der seit Jahrzehnten die Ölmärkte beobachtet, sieht ebenfalls einen klaren Einfluss der Spekulation auf den Ölpreis und andere Rohstoffpreise. "Ich sehe aber keine Möglichkeit, das zu quantifizieren." Dazu müsse zunächst einmal der "richtige" Ölpreis ermittelt werden, und das sei kaum möglich.

Zwei Euro pro Liter absehbar

Die Spekulation wirkt zudem in beide Richtungen. Als nach der Preisspitze von 149 Dollar im Sommer 2008 der Ölpreis auf unter 40 Dollar abstürzte, da wetteten die Spekulanten auf sinkende Preise. "Das zeigt sehr schön den Einfluss der Spekulanten, denn der Preis fiel teilweise unter die Förderkosten", sagt Bukold. Die sind sehr unterschiedlich, liegen für konventionelles Öl jedoch meistens zwischen 10 und 40 Dollar je Barrel. Für die Zukunft rechnet der Hamburger Forscher mit deutlich steigenden Preisen. Im Aufschwung wird das Öl wieder knapper und die Finanzmärkte bleiben liquide und treiben den Ölpreis mit in die Höhe. Neue Rekordpreise oberhalb von 150 Dollar je Barrel und Benzinpreise von zwei Euro je Liter seien absehbar.

Mehr zum Thema: • Merkel zum Thema Spritsteuer • "Benzin-Wut" gerechtfertigtDas kostet eine TankfüllungKöhler: Benzinpreis rauf!Gas nehmen statt gebenDeutschlands beste Tankstelle Die zehn besten SpritsparerWege aus der Benzinpreisspirale

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.