Stauberater

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Stauberater

— 11.07.2002

Engel im Stau

Wenn nichts mehr geht und alles steht, dann drehen sie durch, die Menschen auf der Autobahn. ADAC-Stauberater beruhigen, trösten, raten.

Lollis für Kinderseelen

Jetzt geht nichts mehr. Keine Minute mehr hält es Lilli im Wagen aus. Das sieben Monate alte Baby quengelt, zieht die Mundwinkel nach unten – dann heult es los wie ein Sirene. Vater Marco Edler (36) hat genug. Er parkt seinen Kia-Geländewagen auf dem Seitenstreifen. Ein Fall für Torsten Falinski (38), Engel vom Dienst. Der blonde ADAC-Stauberater rangiert seine 300-Kilo-BMW auf die Standspur. Als ADAC-Berater kümmert er sich mit Kollegin Miriam Ungermann-Voß (29) um staugestresste Menschen. Auch um ganz kleine wie Lilli. Kinderseelen trösten sie mit Lollis, größere mit Landkarten. "Halt mal die Decke", sagt Torsten Falinski. Ich passe auf, dass das Wolltuch nicht von der Motorhaube rutscht, während Vater Marco Lilli die Nuckelflasche gibt. Ein Seelchen ist getröstet. Nur Mutter Diana (34) bleibt skeptisch: "Wie lange stehen wir denn bloß noch?"

Hinter Hamburg löst sich der Stau langsam auf. In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und in Schleswig-Holstein haben am Freitag (5.7.2002) die Sommerferien begonnen. Nun wollen alle gleichzeitig in den Süden oder nach Dänemark. Bettenwechsel in den Touri-Hochburgen. Familie Edler will mit Lilli an den Strand. Wir müssen in den Stau. Wer ins Lenkrad beißt, wird mit Engelszungen beruhigt. Die Seelen-Massage ist gratis. Zum Glück: Als Sozia brauche ich die anfangs auch. "Einfach nur ruhig sitzen bleiben", sagt Stauberaterin Miriam. Und gut festhalten, denke ich. Geschickt dirigiert sie ihre schwere Maschine im Schritttempo durch die Blechlawine. Hoffentlich macht keiner die Tür auf!

Seit 1982 gibt es den Stau-Service des ADAC. Acht Berater schickte der Autoclub damals an den Wochenenden auf die Straße. Heute sind 140 Männer und Frauen in ihren gelbschwarzen Goretex-Anzügen deutschlandweit unterwegs. Und es werden immer mehr. Der ADAC in Hamburg denkt darüber nach, im nächsten Jahr einen neuen Engel einzustellen. Mit 11,25 Euro pro Stunde ein netter Nebenverdienst für Motorradliebhaber wie Miriam.

Schwätzchen beim Kriechtempo

"Von unseren sieben Stauberatern in Hamburg sind fünf Polizisten", sagt Vinzenz Supplieth (25) vom ADAC. "Die kennen sich am besten auf der Autobahn aus." Miriam Ungermann-Voß ist Bauingenieurin und eine Ausnahme. "Ich arbeite für den ADAC, weil ich Spaß am Motorradfahren habe." Mit unserer Maschine, einer BMW 1150 RT (95 PS), schlängeln wir uns durch die Blechmassen. Auf der Mittelspur und dem Seitenstreifen. "Wir haben eine Sondergenehmigung", sagt Miriam. Mit ihrer privaten Kawasaki ZR 75 darf sie das nicht. "Leider!"

Der Stau auf der A 7 zwischen Hannover und Hamburg zieht sich zusammen wie eine Raupe, dehnt sich wieder und kommt nur im Kriechtempo vorwärts. Das nervt. Die Autofahrer nehmen es gelassen und freuen sich über ein Schwätzchen aus dem Seitenfenster mit den Stauberatern. Kinder lieben unsere Lollis. "Die meisten wissen, dass wir den Stau nicht wegzaubern können", sagt Torsten Falinski. Auf dem Rasthof Brunautal steht die Zentrale der Stauberatung. Ein schlichter Baucontainer, von außen gelb, von innen weiß.

Hauptkommissar Jürgen Tillot (49) liest alle zehn Minuten die aktuellen Staumeldungen vom Computerbildschirm. Driing, driing. Es klingelt. Das Fax druckt neue Meldungen der Verkehrsüberwachungszentrale aus. Das bedeutet nichts Gutes. Ein tödlicher Motorradunfall auf der A 7 zwischen Egestorf und Garlstorf. Auto- und Lkw-Fahrer müssen warten, bis die Polizei den Unfall aufgenommen hat; für uns heißt das: Helm auf und ab auf die Straße. "Was ist da los?", fragt ein Lkw-Fahrer mit Schnäuzer und Ohrring. "Da ist ein Motorradfahrer gestorben. Das dauert", antwortet Falinski. Kollegin Miriam hat die Geschichte offenkundig mitgenommen. Sie zieht ihre Augenbrauen zusammen und starrt ins Leere. "Wie ist der Unfall passiert?", fragt sie sich selbst. Dann steigt sie auf ihre BMW und gibt gaaanz vorsichtig Gas. Sie wird gebraucht. Denn im Stau wartet das Leben.

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