Stellenabbau beim Spezialisten

Karmann auf der Kippe Karmann auf der Kippe

Stellenabbau beim Spezialisten

— 13.02.2006

Karmann auf der Kippe

Der Osnabrücker Traditionsfirma droht eine existenzbedrohende Schieflage. Rund 1000 Jobs könnten dem Stellenabbau zum Opfer fallen.

1000 Jobs auf der Kippe

Der Karmann-Turm mit dem Firmensymbol an der Spitze stemmt sich gegen die schlechte Großwetterlage: Schnee, Kälte, keine Besserung in Sicht. Um 13:15 Uhr beendet eine Sirene die Frühschicht in der Osnabrücker Autofabrik. Arbeiter hasten zu den großen Parkplätzen. Ingo Dierkes schleicht fast. Seit der Kfz-Mechaniker vom geplanten Stellenabbau beim traditionsreichen Cabrio-Spezialisten weiß, nimmt er Alltägliches viel bewußter wahr als früher. Das Durchziehen der Stempelkarte, das Zusammenbauen von Verdecken, selbst den Heimweg. "Man weiß ja nicht, wie lange man das alles hier noch erleben darf", sagt der 31jährige und streicht sich die schneenassen Haare aus der Stirn.

Starr wie ein Arbeiterstandbild steht er vor dem Hauptportal. Dierkes will kämpfen – wie seine 5300 Kollegen im Osnabrücker Stammwerk, die von den Stellenstreichungen betroffen sein werden. Wie viele gehen müssen, will die Geschäftsführung nicht verraten. Der Betriebsrat rechnet mit 1000 Jobs, die in Osnabrück gestrichen werden. Vielleicht der Anfang vom Ende der traditionsreichen Cabrio- und Sportwagenschmiede. Karmann Ghia, Käfer Cabrio, Golf Cabrio, Scirocco, der offene Mercedes CLK – alles Autos made by Karmann, gebaut für blauen Himmel und viel Fahrspaß.

Betriebsrat Gerhard Schrader sitzt im Gasthof Rahenkamp vor den Toren der Stadt. Im Festsaal stellt die alte Wirtin steife Stoffservietten für eine Geburtstagsfeier auf die Tische. Der IG-Metaller denkt an die guten alten Zeiten, als es noch gutlief mit den offenen Autos. Jetzt sagt er: "Das schöne Wetter ist vorbei."

Zu viele Aufträge nicht verlängert

Die Osnabrücker Job- und Wohlstandsmaschine Karmann ist ins Stocken geraten. Die Produktionszahlen des Chrysler Crossfire (Coupé und Roadster) stürzten dramatisch ab, von 35.700 Fahrzeugen (2004) auf 12.500 im vergangenen Jahr. Eine Zahl, die sich laut IG Metall in diesem Jahr nochmals halbieren könnte. Hauptgrund für die Misere: Chrysler bezahlt Karmann in Euro, verkauft seine Modelle in den USA aber in Dollar. Pro Auto verlieren die Amerikaner wegen des für sie ungünstigen Wechselkurses mehr als 20 Prozent ihres Einkaufspreises. Die Folge: Der Wagen kommt überteuert zu den US-Händlern, steht dort wie Blei.

Zwar laufen außer dem Crossfire noch das Audi A4 Cabrio und der offene Mercedes CLK von den Karmann-Bändern, weitere Aufträge fehlen jedoch. VW, früher Karmann-Stammkunde, kann seine Werke selbst nicht auslasten und baut den Golf-Cabrio-Nachfolger Eos deshalb in Eigenregie. Mercedes läßt bislang offen, ob das neue CLK Cabrio wieder aus Niedersachsen kommen soll.

Die Autofabrik ohne eigene Marke hängt am Tropf der Großen. In den 90er Jahren war das ein Vorteil. Die Autoindustrie lief auf Hochtouren, Karmann galt als Stoßdämpfer, um Produktionsspitzen abzufedern (Peak Breaker). 80.928 Golf III Variant wurden so zwischen 1997 und 1999 in Osnabrück gefertigt. Doch jetzt ist Ebbe im einstigen Überlaufbecken. Willi Diez, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Nürtingen, rät Karmann, die Rolle der verlängerten Werkbank aufzugeben: "Sie müssen mit eigenen Konzepten etwa für Cabrios oder für Kleinserien Kunden akquirieren." Doch das ist teuer. Und daß die Konzeptautos je gebaut werden, ist oft ungewiß.

Arbeiter Ingo Dierkes ist zu Hause angekommen. Mit Ehefrau Julia (29) und Töchterchen Jana (2) blättert er in der Jubiläumsschrift des Unternehmens. Nur fünf Jahre ist es her, als er, wie alle Karmänner, ein Exemplar des Buches geschenkt bekam. Auf Seite 119 glänzt ein giftgrünes Golf III Cabrio. Ein Bestseller damals. Und wehmütig schaut Ingo Dierkes zurück: "Ich dachte, der Wagen sichert mir die Rente."

Autor: Claudius Maintz

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