Streetkart

Streetkart

— 20.11.2002

Kart an der Grenze

Abgefahren, durchgedreht, total verrckt: ein Kart mit Straenzulassung und 150-PS-Motorradmotor.

Ein Motorrad-Antrieb macht die Musik

Der Motorradfahrer schaut sich belustigt um, dann gibt er Gas. Wir bleiben dran. Die Rennmaschine vor uns gewinnt nicht einen Meter Vorsprung. Lange gibt der wackere Kmpfer alles, dann lsst er uns vllig entnervt vorbeiziehen.

Solche Triumphe sind im Streetkart nicht ungewhnlich, sondern die Regel. Der quietschbunte Streetkart sieht aus wie ein Spielzeug, ist aber sauschnell. Der Name verspricht nicht zu wenig. Das merkwrdige Gefhrt besteht aus nicht mehr als einem Rahmen in grellem Rot, ein paar Verkleidungsteilen in tiefem Blau, einem Motor und zwei Sitzen. So wenig Auto war selten. Sitzheizung, Klimaanlage, elektrische Fensterheber? Dieses Ding hat noch nicht mal Scheiben. Geschweige denn ein Dach. Eigentlich fehlt alles, was dem modernen Autofahrer das Leben so unertrglich angenehm macht.

Wer fragt schon nach dem Bose-Soundsystem, wenn der Motor die Musik macht?! Der stammt aus einem Motorrad, einer Honda CBR 1100 XX. Logisch: Was einer reinrassigen Rennmaschine gut tut, muss auch fr einen Kart das Richtige sein. Die 150 PS haben mit den 440 Kilogramm Leergewicht leichtes Spiel.

Von 0 auf 100 km/h in nur 3,9 Sekunden

"Wir wollten echtes Kartfeeling mit Straenzulassung. Nicht mehr und nicht weniger", erklren die Gebrder Schumann, die Erfinder des Streetkarts. Karl-Heinz (39) und Manfred Schumann (31) besitzen eine Kfz-Werkstatt. Im normalen Leben fahren sie Audi A8 und TT. "Viel zu langsam, weil viel zu schwer. Und deshalb viel zu langweilig. Wir waren auf der Suche nach mehr Spa."

Sie haben ihn gefunden: Der Streetkart ist so atemberaubend schnell, dass im Krper dieses eigenartige, nervse Kribbeln entsteht, das sensiblen Gemtern Angst macht. Der Vortrieb endet erst bei sagenhaften 11.500 Umdrehungen der Streetkart dringt in Drehzahlbereiche vor, die jeden Auto-Motor in Rauch aufgehen lassen. Nur 3,9 Sekunden dauert der Sprint auf 100 km/h laut Schumann. Ich glaube ihm aufs Wort.

Eine Fahrt im Ferrari scheint auf einmal so spannend und reizvoll wie Kaffeekrnzchen bei Oma. Ein Trip im Streetkart fhlt sich hingegen an wie Mnchhausens Ritt auf der Kanonenkugel. Auch was die Gnadenlosigkeit anbelangt, mit der die Passagiere der Witterung ausgesetzt sind.

Kampf gegen die Urgewalten der Natur

Von Regen wollen wir dabei gar nicht reden, bei Nsse drfte der Streetkart ungefhr so viel Spa machen wie pickliger Ausschlag. Denn schon ein ganz normaler sonniger Tag reicht aus, um im Streetkart einen Kampf gegen die Urgewalten der Natur auszutragen, den der Fahrer als schwchstes Glied in der Kette unweigerlich verliert. Ohne Helm sind die orkanartigen Sturmben berhaupt nicht zu ertragen.

Der Motor liegt direkt hinter den Passagieren. Vllig ungedmmt, unter einer klitzekleinen Metallabdeckung versteckt, darf er seinen Dienst verrichten. Was er natrlich, in seiner extrovertierten Art, nicht etwa leise, unauffllig und zurckhaltend tut. Er brllt, er stampft, er schreit. Er sthnt, er chzt, er jault. Unruhig, nervs, stndig auf dem Sprung. Bereit, auf die kleinste Herausforderung des Gaspedals mit einer Aggressivitt zu reagieren, die Sorgen macht. Kann das gut gehen? Ja, es geht gut. Verdammt gut sogar.

Natrlich gibt es Traktionsprobleme, natrlich brennen bermtige Gesellen schwarze Streifen in den Asphalt. Trotzdem haben Kart und Besatzung die Leistung erstaunlich gut im Griff. Auch ohne die fast obligatorischen elektronischen Helferlein namens ESP und ABS.

Kurvengeschwindigkeiten jenseits von Eden

Irrwitzig hohe Kurvengeschwindigkeiten sind kein Problem. Auch dank der eng geschnittenen Vollschalensitze. Bei Bedarf lsst sich der Kart vorzglich mit dem Gaspedal um die Kurven zirkeln. So extrem schmal wie in einem echten Kart ist der Grenzbereich glcklicherweise nicht geraten.

Im Straenverkehr wre eine giftige Original-Kart-Abstimmung auch eindeutig fehl am Platze. "Wir haben das Fahrverhalten entschrft, der Streetkart muss auch ohne mehrmonatiges Rennstreckentraining beherrschbar sein", erklrt Karl-Heinz Schumann. Aus diesem Grund wurde auch auf eine ultradirekte Lenkung verzichtet, nicht jedes nervse Zucken am Lenkrad zieht gleich eine 180-Grad-Kehrtwende nach sich. So hat auch der normal begabte Fahrer die Chance, den Streetkart zu fahren und nicht kaputtzufahren.

Ganz unproblematisch gestaltet sich die Fahrt im Kart aber trotzdem nicht. Kupplung und Getriebe erfordern volle Konzentration. Neben dem Motor haben die Gebrder Schumann auch den kompletten Antriebsstrang vom Motorrad verpflanzt. Gekuppelt wird nach wie vor, geschaltet durch simples Hoch- und Runterdrcken des Schalthebels im Smart-Stil.

Einzelradaufhngung soll fr Komfort sorgen

Die Kupplung hat es dabei in sich. Sie trennt so ruckartig, dass nur ein flinker Fu dem Streetkart den pltzlichen Tod durch Abwrgen erspart. Die Schaltpausen sind superkurz, eine Unterbrechung des Kraftschlusses ist nicht wahrnehmbar. Sechs Gnge stehen zur Verfgung, das sequenzielle Getriebe quittiert jeden Gangwechsel mit lautem Klacken. Kaum zu glauben: Allein der metallische Klang der einrastenden Gnge macht schtig.

Der Streetkart ist nur fr ganz Harte. Dementsprechend prsentiert sich das Fahrwerk. Den Streetkart als straff oder sportlich zu bezeichnen, wre die Untertreibung des Jahres. Er ist so knppelhart, dass in das Duett aus Windgetse und Motorenklang schnell eine Kakophonie der Schmerzensschreie einfllt.

Jeder Kiesel macht sich sofort in den Bandscheiben bemerkbar, der selbstfedernde Rahmen bietet null Komfort. Kleine Schlaglcher fhlen sich an wie riesige Mondkrater, Straen zweiter Ordnung wie der "Highway to Hell". Das soll aber nicht so bleiben: "Der Streetkart wird noch deutlich komfortabler. Bis nchstes Frhjahr bauen wir auf Einzelradaufhngung um", erklrt Karl-Heinz Schumann.

Preis und Technische Daten

Einen Rckwrtsgang soll der kleine Flitzer dann auch bekommen. Momentan heit es noch: vorwrts fahren, rckwrts schieben. So niedrig die Alltagstauglichkeit, so hoch der Aufmerksamkeitsfaktor. Der Streetkart zieht Bewunderer an wie das Licht die Motten. Bei jedem Halt kommt es zu gewaltigen Menschenauflufen. Das tollkhne Gefhrt erfhrt so viel Zuneigung wie ein Rudel Hundewelpen. Die Gefahr, dass die Hinguckerqualitten durch eine inflationre Verbreitung verloren gehen, erscheint zum Glck gering.

Dafr sorgt der Preis. Der ist hoch. Aber sehr viel Spa kostet eben sehr viel Geld: rund 45.000 Euro nmlich. Momentan existiert lediglich ein einziges Exemplar des Streetkarts, ab 2003 soll die Serienfertigung anlaufen. Geplant ist eine Stckzahl von maximal 40 Exemplaren im Jahr. Gefertigt natrlich in Handarbeit. Motorrder werden leider nicht in Zahlung genommen.

Technische Daten Vierzylinder-Reihen-Motorrad-Mittelmotor vier Ventile pro Zylinder Hubraum 1137 cm3 Leistung 110 kW (150 PS) bei 9500/min maximales Drehmoment 117 Nm bei 7500/min Hinterradantrieb sequenzielles Sechsganggetriebe selbstfedernder Rahmen gelochte Scheibenbremsen, vorn innenbelftet Reifen 195/45 VR 13 vorn, 245/35 ZR 15 hinten Lnge/Breite/Hhe 3400/1795/1115 mm Radstand 2370 mm Leergewicht 440 kg Tankinhalt 30 l Beschleunigung 0100 km/h in 3,9 s Hchstgeschwindigkeit 210 km/h Leistungsgewicht 2,9 kg/PS Literleistung 132 PS/l Preis ca. 45.000 Euro

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