Stressfaktor Auto

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Stressfaktor Auto

— 25.07.2006

Hilfe, mein Auto macht mich fertig!

Der Ärger über Technikpannen kann böse enden. Experten warnen: Zu viel Frust macht krank und kann Zwangsneurosen fördern.

Sanfte Pianomusik wogt durch die kleine Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Ludenberg. Am Klavier hockt ein Mann im cremefarbenen Sakko – Michael Stamm. Die von ihm komponierten Stücke tragen Namen, weich wie Seide: "Ein Flügel in Weiss" oder "Allee im Morgengrauen". Die Musik ist leicht, federleicht. Viel Richard Clayderman, eine Prise Udo Jürgens. "Gegen den Wind" heißt ein Titel, der fast schon fetzig ist.

"Es ist ein Warnsignal, wenn der Job anfängt zu leiden", sagt Psychotherapeut Rudolf Heinz.



Für Michael Stamm ist dieser vor rund zehn Jahren komponierte Song zum Schlachtgesang geworden. Eine Hymne, um sich den Frust über sein Auto von der Seele zu klimpern. Denn Stamm hat Pech gehabt mit seinem jetzt acht Jahre alten Renault Laguna, Riesenpech. Ausgerechnet Heiligabend 2004 ist ihm der Keilriemen geborsten, die Fetzen haben den Zahnriemen heruntergerissen. Um 18 Uhr, als die Menschen hinter den schmucken Häuserfassaden um ihn herum Geschenke auspackten, gab Stamms Motor für immer den Geist auf. Die noch viel schlimmere Bescherung kam später: Die Gebrauchtwagengarantie deckt den Schaden nicht.

Stamm lehnte sich auf, schrieb E-Mails, telefonierte, produzierte einen Stapel Briefe. Vergeblich. "Ich kann bald nicht mehr", schrieb er voller Verzweiflung an AUTO BILD. Ein Hilferuf, denn seit einem halben Jahr frisst sich der Autoärger wie eine hungrige Raupe in sein Leben. Ständig grübelt Stamm: Wo finde ich noch was? Ist da nicht doch noch was zu machen? "Ich kann mich von dem Fall nicht mehr lösen", sagt der sensible Komponist. Sein Autofrust zog sogar Kreise. Michael Stamms 76-jähriger Vater Otto sagt: "Ich musste mir Beruhigungstropfen verschreiben lassen."

Der Fall Stamm ist nur einer von rund 7000 Hilferufen, die den Kummerkasten von AUTO BILD Jahr für Jahr erreichen. In den Kundencentern der Hersteller sieht es ähnlich aus. Auch hier stapeln sich die Schreiben Verzweifelter. Einige von ihnen schreiben immer wieder – obwohl sie längst Prozesse verloren haben. Doch bei Renault ist in der Regel nach dem dritten Brief Schluss: "Wir schreiben dann, dass es keine neuen Erkenntnisse in der Angelegenheit gibt und wir den Fall als erledigt betrachten", teilt eine Sprecherin mit. Auch DaimlerChrysler bricht den Kontakt zu solchen Kunden irgendwann ab: "Manchmal bleiben Wünsche offen, die wir auch nach sorgfältigster Prüfung nicht erfüllen können", sagt eine Sprecherin.

Einige der Frustrierten sind kurz davor, krank zu werden. "Wer sich von dem Ärger über einen langen Zeitraum nicht lösen kann, riskiert zum Beispiel Zwangsneurosen", sagt der Düsseldorfer Psychotherapeut Prof. Rudolf Heinz. Die Arbeitspsychologin Dr. Annette Hoppe von der Technischen Universität Cottbus erforscht seit zweieinhalb Jahren Technikstress. Sie glaubt, dass der technische Fortschritt den Menschen überfordern kann: "Die Betroffenen schlafen schlecht, weil sie glauben, den Fehler unbedingt finden zu müssen. Sie sind in ihrem Handeln, Kommunizieren und Wahrnehmen eingeschränkt."

Holger Faustmann aus Moormerland (Ostfriesland) war so ein Fall. "Ich hatte oft Kopfschmerzen", sagt er. Seinen Angaben zufolge fiel bei seinem Mercedes CLS 350 mehrfach die Automatik aus. Faustmann lieferte sich ein Briefgefecht mit dem Hersteller und steigerte sich in den Streit mit Mercedes hinein, bis er den Wagen endlich zurückgeben durfte. Mehrere Stunden am Tag wurde der IT-Unternehmer zum Sachbearbeiter in eigener Sache, dokumentierte die Technikausfälle mit einer Videokamera, die während jeder Fahrt mitlief. Jetzt fährt der Mercedes-Fan Audi A6 und ärgert sich erneut: "Die Heckklappe schließt nicht immer, Telefonate reißen oft ab."

Peter Wielick aus Lüttich (Belgien) verzweifelte fast an seinem Mercedes CLK Cabrio.



Peter Wielick aus Lüttich (Belgien) verdrängte seinen Frust, indem er sein Mercedes CLK Cabrio nach vielen Technikproblemen (überhitzter Motor, Startprobleme) und zwei verlorenen Prozessen vier Jahre lang in die Garage verbannte. "Ich wollte den Wagen nicht mehr sehen", sagt der 42-Jährige. Heute hat er sich mit dem Auto halbwegs versöhnt. Ein herausgerutschter Stecker war schuld am Desaster. Aber Wielick traut dem Frieden nicht, sein Cabrio fährt er nur ganz selten. "Es ist einfach zu viel passiert", sagt er.

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