Studie Faurecia Premium Attitude

Prototyp Faurecia Premium Attitude Prototyp Faurecia Premium Attitude

Studie Faurecia Premium Attitude

— 18.12.2007

Wirklich gutes Design ist zeitlos

Ein Konzeptauto für die inneren Werte: Der Zulieferer Faurecia zeigt einen Tatra 603, ein fast vergessenes Nobelauto, mit neuem Namen und Innenleben. Ziel der Designer ist es, sich als Premium-Ausstatter einen Namen zu machen.

Verrückte Zeiten: Eine engagierte Designertruppe holt eine seit Jahrzehnten vergessene Luxuslimousine aus der automobilen Mottenkiste, hübscht sie auf und zeigt das frisch kreierte Monster stolz den Medien. Das Ergebnis ist beeindruckend: Die automobile Öffentlichkeit überschlägt sich vor Begeisterung. Nur: Natürlich transportiert dieses Design-ConceptCar nichts und niemanden, außer den Selbstdarstellungsabsichten seiner Schöpfer. Es hat keinen Motor, bleibt ein Unikat und wird in Kürze wieder dahin geschoben, wo es her kam: ins Museum. Das Auto wird immer mehr zum Retromobil: Der Trend begann vor ein paar Jahren mit rollenden Zitaten der goldenen Zeiten beginnender Massenmobilität – die Kugelform des New Beetle machte uns weiß, er hätte etwas mit dem guten, alten Käfer gemein. Der Chrysler PT Cruiser, der neue Mini, der Fiat 500 und zuletzt der neue 3er BMW flirteten mit den unerreichbaren Formen der Vergangenheit.

Tatra hat Idealmaß

Nun schaltet Faurecia, einer der größten Autozulieferer der Welt, noch einen Gang höher: Die Ausstatter von Modellen wie dem BMW X5 oder der Mercedes S-Klasse zeigen ihre Designkünste gleich in einem alten Auto, das äußerlich nur mit ein paar Blenden auf neu umgemodelt wurde. Überdies handelt es sich um ein Fabrikat, das bereits Geschichte ist: Tatra. Der 607 wurde in den 60-er Jahren gebaut, um tschechoslowakische Bonzen zum nächsten Parteitag zu kutschieren. Privatpersonen konnten die einstige Luxuslimousine, die ein Achtzylinder mit erst 95, später 105 PS auf bis zu 165 km/h antrieb, nicht erwerben. Kaum 20.000 Stück wurden produziert. Doch Faurecia, ein internationaler Konzern, der sich vor allem in der Herstellung von Autositzen und Innenausstattungen einen Namen gemacht hat, fand den Saurier vor allem wegen seiner Abmessungen interessant: Rund fünf Meter lang ist der Tatra, und 1,895 Meter breit. Da passt viel hinein, was die Ideenschmiede glänzen lässt.

Klassik trifft High-Tech

Die selbst tragende Instrumententafel soll Platz und Gewicht sparen.

Und es ist absolut mit dem Heute kompatibel: Ein S600 etwa misst 5,20 mal 1,87 Meter. Was also die Kommunisten-Kutsche von damals durchaus zeitgemäß erscheinen lässt. Faurecia legt denn auch Wert auf die Feststellung, dass sämtliche eingebauten Features entweder Serienausstattung sind oder jederzeit als Serie realisierbar wären. Der neutrale Zuschauer fragt sich, welches Design ihm besser gefällt: Das schon fast klassische Exterieur der späten 60er-Jahre oder das neue Interieur von Faurecia. Die Deutschland-Premiere des 603 neuer Aufmachung, von Faurecia in "Premium Attitude" (Premium-Gesinnung) umgetauft, begann in Berlin vor rund 100 europäischen Autojournalisten mit einer netten Geschichte: In einem Video stellte das Unternehmen die Aktion als harmlose Bastelei dar: Ein junges Designer-Pärchen erbt von einer liebenswürdigen Tante einen Tatra (wobei man sich fragen muss: War die alte Dame dann also hohe Funktionärin der Kommunistischen Partei der CSSR?) und beschließt, daran einfach mal so zum Spaß seine Kunst zu proben.

Eine durchgearbeitete Nacht später ist die Animation schon fertig: unter dem alten Blech, mit ein paar Blenden notdürftig an Windkanal-Erfordernisse und den Zeitgeschmack der Gegenwart angepasst, erstreckt sich Mobiliar vom Feinsten, und das hübsche Paar fällt sich selig vor Glück um den Hals. Eben alles "Premium", und darum geht es Faurecia: sich als Hersteller von hochklassigem Equipment zu platzieren. "Während der Automarkt in vielen Ländern stagniert oder sogar sinkt, ist der Bereich der Premium-Fahrzeuge eines der am stärksten wachsenden Marktsegmente weltweit", hieß es auf der Präsentation. Und bei Premium-Modellen wie dem Mini, dem Renault Laguna oder anderen ist Faurecia dabei mit seinem exklusivem Innenraumdesign, hochwertigen Materialien und ausgeklügelten Komfort-Ideen.

Edles Gehölz

Damit keine Missverständnisse entstehen, liefert Faurecia die Definition gleich mit: "Premium, das ist guter Geschmack, schönes Design, hochwertige Materialien, erstklassiges handwerkliches Können und hohe Qualitätsanmutung." Das müsse aber nicht teuer sein. Wie viel Geld die Projektteams in "Premium Attitude" gesteckt haben, bleibt unbekannt – doch bei einer Bauzeit von zwölf Monaten und mehrheitlich Handarbeit dürfte der Aufwand beträchtlich gewesen sein. Auf den ersten Blick fällt der Einstieg auf: Die B-Säule ist weg, stattdessen sind die Türen an der vorderen A- bzw. hinteren C-Säule aufgehängt, so dass der Einstieg riesig wurde. Im Innern fällt der Blick vor allem auf Holz: Faurecia hat gemasertes Ahorn eingesetzt, das als ultradünne Schicht, dünner als ein Millimeter, kostengünstig und vielseitig verwendbar ist.

Neue Instrumententafel ab 2008 erhältlich

Innovatives Klimasystem: Hier kommt neueste Luftstromtechnologie aus der Luftfahrt zum Einsatz.

Eine weitere, von dem Unternehmen entwickelte Neuheit ist die selbst tragende Instrumententafel, die Platz und Gewicht spart. Der Beifahrerairbag kommt mit extrem wenig Platz aus und lässt daher viel Platz für ein weiteres Staufach. Diese Konstruktion ist eine Innovation, die ab sofort zur Verfügung steht. Bereits drei Fahrzeughersteller planen für 2008 Modelle mit dieser Technologie. Ein weiterer Kniff wartet im Kofferraum: Dank einer extrem flachen Abgasanlage konnte ein ausziehbarer Kofferraumboden installiert werden. Da Faurecia nicht nur Innenraumdesign, sondern auch Auspuffentwicklung anbietet, konnte dieser nur acht Zentimeter hohe Schalldämpfer selbst konstruiert werden. Dass damit zugleich die Tradition mit Füßen getreten wird – Tatra hat Autos mit Heckmotor gebaut, und wo die Designer ihre Kofferraum-Schiebebühne ansiedelten, säuselte einst der brave Achtzylinder – , mag man Faurecia verzeihen. Es ist eben nur ein Konzeptauto, so hohl wieeine Schaufensterpuppe, die bloß als Kleiderständer dient.

Klimasystem aus der Luftfahrt

Im Cockpit verhindert eine andere Innovation, dass am Fahrersitz die charakteristischen kahlen Stellen vom Ein- und Aussteigen entstehen: Bei geöffneter Tür hebt ein Elektromotor die Mitte des Fahrersitzes automatisch leicht an. Die Rückbank treibt das Spielchen noch ein wenig weiter: Sie passt sich der Statur des Passagiers, der auf ihr sitzt, automatisch hinsichtlich der Größe und der Festigkeit einzelner Abschnitte an. Neben einer drahtlosen Schnittstelle für alle elektronischen Geräte, die sich über eine zentrale Benutzeroberfläche steuern lassen, heizt auch das innovative Klimasystem die Stimmung an: Faurecia hat im Tatra erstmals die Luftstromtechnologie aus der Luftfahrt übernommen.

Zeitloses Design

Besonders geeigent für Ischias-Kandidaten: Bei geöffneter Tür hebt ein Elektromotor die Mitte des Fahrersitzes automatisch leicht an.

Auch was die Beleuchtung angeht, stecken viele trendige Ideen im "Premium Attitude": So wurden viele Staufächer durch LED (Licht ausstrahlende Dioden) erleuchtet. Faurecia spricht ganz zeitgemäß von einem "Lounge-Effekt". Die Bonzen wären baff gewesen, in was für eine coole Karre die Designer ihre Mühle verwandelten. Doch sie werden es ebenso wie die Designer, aus deren Feder der geniale Ursprungsentwurf des Tatra 603 floss, wohl nie erfahren. Und das ist noch so ein Grund, warum das tschechische Mobil veredelt wurde: Faurecia will nicht seine Auftraggeber in Verlegenheit bringen, indem es deren Fahrzeuge ungefragt optimiert – ein Auto, dass es nicht mehr gibt, kann dagegen niemanden verdrießen. Der erste Eindruck: Was vor 40 Jahren über Osteuropas Straßen fuhr, war auch nicht so viel anders als heute. Und genau das will der Zulieferer ja sagen: Wirklich gutes Design ist zeitlos.

Autor: Roland Wildberg

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