Supersportwagen im Vergleich

Drei Supersportwagen mit 1506 PS Drei Supersportwagen mit 1506 PS

Supersportwagen im Vergleich

— 12.12.2003

Heute schon gebebt?

Drei Autos, 28 Zylinder, 1506 PS. Macht 373.308 Euro, verteilt auf Mercedes-Benz SL 55 AMG, Lamborghini Gallardo und Viper SRT-10.

Appell an automobile Ur-Instinkte

Wir müssen umdenken, meine Herren. Ab sofort lauten die international homologierten Traummaße nicht mehr 90–60–90, sondern 506–500–500. Womit zum Glück keine Frau, sondern der Leistungswille dreier automobiler Ausnahmeerscheinungen beschrieben ist. Dodge Viper SRT-10, Lamborghini Gallardo und Mercedes-Benz SL 55 AMG versammeln insgesamt 1506 PS unter ihren Hauben. Auf dass die Straße bebt ...

Die zweite Auflage der Dodge Viper setzt auf klassische Anmache, brutale Optik und schwellendes Blech. Der SRT-10 wirkt wie ein einziger großer, homogener Muskel auf Rädern – und appelliert an automobile Ur-Instinkte. Der wichtigste: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen – außer durch noch mehr Hubraum. Und so schenken die US-Cowboys dem vom Lkw entliehenen Zehnzylinder jetzt rekordverdächtige 8,3 Liter ein. Was jedem einzelnen Topf das Format einer ausgewachsenen Konservendose verleiht. Think big, man!

Dieses Motto verdeutlicht auch die endlos lange Schnauze. Wer hinter der wahrscheinlich längsten Motorhaube des Universums Platz nimmt, verspürt unwillkürlich ein Gefühl von Macht. Und genießt einen imposanten Ausblick: Die scharfen Grate auf den Kotflügeln und die feisten Kiemen in der Haube stehen dem Batmobil in nichts nach.

Ein Heckauspuff zähmt die wilde Viper

Also nichts wie rein in den Ofen. Wobei es hilft, vorher die kleine Stoffkapuze abzunehmen. Kofferraum öffnen, Dach von Hand entriegeln und zurückschlagen, Kofferraum schließen – geschafft. Doch der schwierige Teil folgt erst jetzt. Für einen coolen Auftritt grätschen wir möglichst elegant über den extrabreiten Schweller, lassen uns in den figurnah geschnittenen Sportsitz fallen und fädeln die Beine in den schmalen Pedal-Tunnel.

Womit wir zum spannenden Teil der Show gelangen. Mittels Starterknopf erwecken wir die Viper zum Leben. Im Leerlauf schüttelt sie sich unwillig und rasselt mit den 20 Ventilen wie eine Klapperschlange. Doch nur Mut! Ein kurzer Gasstoß – und wir stellen enttäuscht fest, dass der bei uns verordnete Heckauspuff der Schlange akustisch sämtliche Giftzähne zieht. Ab 4000 Touren brüllt das Biest zwar inbrünstig gegen die orkanartigen Windgeräusche an, verkommt gegenüber dem US-Original mit Sidepipes aber zum Knabenchor.

Immerhin stimmt die Leistung. Exakt 506 PS fallen bei Bedarf über die Hinterräder her und tätowieren mit dicken schwarzen Strichen die Viper-Spur in den Asphalt. Solche Markierungsarbeiten funktionieren ohne Probleme auch noch im dritten der sechs hart rastenden Gänge.

Rennatmosphäre im Gallardo

Bis auf das ABS frei von elektronischen Hilfsmitteln, empfehlen wir die Viper ohnehin nur gefestigten Charakteren und erfahrenen Schlangenbändigern. Ungefiltert und unberechenbar nimmt die rote Gefahr die Straße in Beschlag. Nervös schwänzelt das Heck beim Kavaliersstart, wild schlägt die Federung bei 190 Meilen im fünften Gang (sechster reiner Schongang), unruhig laufen die Riesenräder selbst Reifenspuren hinterher. Wird es dann noch nass, braucht die Viper nicht selten die ganze Straßenbreite, schnappt das Heck schneller zu als jede Giftschlange. Und das trotz 100-Prozent-Sperre hinten. Unser Tipp: Saisonkennzeichen 04-10 – und am Heck den Aufkleber "Hubraum statt Spoiler". Schon wird er wahr, der amerikanische Traum vom Fahren.

Bis ein gelber Tarnkappenbomber aus Sant'Agata Bolognese unsere Sinne fesselt. Der kantig-keile und gerade mal 4,30 Meter kurze Gallardo schneidet wie ein Laserschwert durch die Landschaft. Mutig, modern, maskulin – der italienische Macho weckt Verlangen. Schon das erste Probesitzen belegt: Noch nie war ein Lambo so gut verarbeitet – hier passt alles, wackelt nichts, stören sich Feingeister aber am auffälligen Teile-Transfer. Klima- und Radioeinheit wurden direkt von Mutter Audi übernommen. Viel schlimmer aber, dass auf dem Schlüssel unseres Testwagens statt des Stieres die vier Ringe prangten. Wie peinlich. Man stelle sich vor: Blond, bildhübsch, beziehungslos eröffnet das Gespräch mit der Frage: Und was für einen Audi fährst du?

Diesen Fehlstart kann dann nur noch eine ausgiebige Testfahrt wettmachen. Sobald ausladende Türen und breite Schweller überwunden sind, herrscht Rennatmosphäre, harte Federung und gewisse Unzulänglichkeiten im Alltag inbegriffen. Du sitzt so tief, als wolltest du den Asphalt aufreißen, die Sitze passen wie ein Paar Sneakers, und erstaunlich große Rückspiegel ersetzen die gegen null gehende Sicht nach hinten.

Der gelbe Stier ist konkurrenzlos schnell

Doch der Gallardo kennt ohnehin nur eine Richtung: nach vorn, und das so schnell wie möglich. Nach dem Anlassen verschluckt sich der V10 heiser röchelnd und röhrend noch ein, zwei Mal, um dann in einen stabilen Leerlauf zu verfallen. Friedlich summt der 5,0-Liter-Zehnzylinder vor sich hin. Doch nur ein Zucken im rechten Fuß später bricht direkt hinter uns die Hölle los, schaltet die Startampel auf Grün.

Lustvoll kreischend und schreiend jagt der Lambo durch die sechs Gänge, die wir über fest stehende Paddel hinterm Lenkrad blitzschnell nachlegen. E-Gear nennt Lamborghini dieses automatisierte Schaltgetriebe (9280 Euro Aufpreis), das beim Runterschalten so verheißungsvoll Zwischengas gibt. E wie Emozione. Oder doch eher Ekstase? Jedenfalls schnalzt der Lambo dabei so verführerisch mit der Drosselklappe, dass es uns pausenlos Schauer über den Rücken treibt.

Die Konkurrenz treibt der italienische Stier eher zum Wahnsinn, denn in allen Sprint- und Spurtdisziplinen zeigt ihnen der Lambo den markanten Rücken. Inklusive Spoiler, der ab 130 km/h ausfährt und den Gallardo auf die Piste heftet, als sei er mit dem Belag verwachsen. Kein Hexenwerk, sondern Vorsprung durch Technik. Unter der leichten Aluminiumkarosserie (Audi Spaceframe) sorgen Allradantrieb und Sperrdifferenzial hinten (bis 45 Prozent) für optimale Traktion. Was wir auf der Rennstrecke deutlich zu spüren bekommen. Schnell ist der gelbe Blitz mit der rasiermesserscharfen Lenkung unterwegs. Verdammt schnell sogar. Zu schnell auf jeden Fall für die Reifen, die schon nach wenigen Runden abbauen. Scusi, Signore – wir fordern Semi-Slicks für alle Lambos.

SL mit erotischer Stimmlage

Und den Klang des Mercedes-Benz SL 55 AMG für alle Achtzylinder. Aus den Tiefen von 5,5 Liter Hubraum generiert der V8-Roadster einen derart fetten Sound, dass selbst amerikanische Muscle-Cars vor Ehrfurcht verstummen. Böse, biestig, bollerig – der SL 55 tönt so unverschämt erotisch, da hält die Gänsehaut mehrere Tage.

Passend zum gewaltigen Geräusch, geht der AMG-Benz dann auch wie die Feuerwehr. Unwiderstehlich schiebt das Kompressor-Kraftwerk den Zweitonner nach vorn, gönnt sich und uns keine Verschnaufpause. Allein das ESP (Serie) bremst allzu übermütige Hobby-Schumis zuverlässig aus. Begeisterung ruft außerdem das perfekte Zusammenspiel mit der wieselflinken Fünfstufenautomatik hervor. Jeder Einsatz passt, die Anschlüsse stimmen, die Wechsel erfolgen fast unbemerkt – bravo!

Nur im AMG ist bei Tempo 250 Schluss

Dem Lambo kann der Sternen-Kreuzer zwar trotzdem nicht ganz folgen, zumindest die Viper lässt er aber immer knapp hinter sich. Oder besser fast immer. Denn leider legt Mercedes-Benz auch den SL 55 AMG an die elektronische Leine. Bei 250 km/h kommt für den schnellen Stuttgarter die rote Kelle, während Lambo und Viper fröhlich bis über 300 km/h weiterstürmen. Frustrierend, besonders weil dieser SL wie im Zeitraffer auf Tempo 250 schießt und sich dann plötzlich im Begrenzer verfängt. Auf Wunsch liefert AMG den Baller-Benz aber auch offen – was wir dringend empfehlen.

Doch auch wer lieber reist als rast, muss beim SL keine Abstriche machen. Allein für das geniale Klappdach könnten wir die Mercedes-Benz-Ingenieure knutschen. Ein Knopfdruck genügt, schon geht die Sonne auf. Oder wieder unter. Schnelles Reise-Coupé oder offener Szene-Cruiser? Brutale Power oder brave Praxistauglichkeit? Egal, beim SL gibt es alles in einem. Und genau in dieser Vielseitigkeit liegt sein besonderer Reiz. Motto: Beben und beben lassen.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Gerald Czajka Dodge Viper, Lamborghini Gallardo, Mercedes-Benz SL – jeder für sich schon ein absolutes Traumstück, alle drei zusammen aber schlicht umwerfend. Dabei setzt jeder das Thema Supersportwagen auf ganz eigene, faszinierende Art um. Brutal, bombastisch, brandgefährlich die Viper – eine puristische Fahrmaschine ohne Kompromisse. Rassig, reizvoll, renntauglich der Gallardo – ein professionelles Sportgerät mit Klasse. Potent, perfekt, präzise der SL 55 AMG – ein gewaltiges Kraftpaket ohne Fehler. Wenn ich die Wahl hätte, müsste es der Lamborghini sein. In ihm verbinden sich technische Höchstleistung und italienische Rasse. Was will man mehr!

Autor: Gerald Czajka

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