Supertest VW Golf, 4. Folge

Supertest VW Golf 1.4 Trendline Supertest VW Golf 1.4 Trendline

Supertest VW Golf, 4. Folge

— 29.07.2005

So weit, so gut ...

Halbzeit für den VW Golf V im Supertest. Nach 18 Monaten hat er den 100.000-km-Marathon geschafft. Und fährt jetzt Richtung 200.000.

Je oller, je doller

Die Rettung kam beim Flurgespräch. Um Himmels willen, meinte Kollege H., einen so tollen Typen dürfe man doch nicht schlachten. Selbst wenn seine Zeit abgelaufen sei. Kollege G. nickte, auch Kollege A. stimmte zu. Als Kollege F. sein Okay gab, war klar: Die Schlachtung wird vertagt, der Typ darf erst mal weiterleben. Statt Totaldemontage also nur eine Teilzerlegung mit Endoskop-Untersuchung.

Gemeint ist der AUTO BILD-Supertest-Golf. Eineinhalb Jahre alt, 100.000 Kilometer gelaufen, vier Türen, graumetallic. Kein Auto, an das man spontan sein Herz verliert. Warum also soll er bleiben, statt wie sonst beim Dauertest bis zur letzten Schraube zerlegt und analysiert zu werden? "Er wird immer besser", sagt Kollege M. "Setzt euch mal rein, wie frisch der wirkt."

Stimmt! Sieht man mal davon ab, daß es im Innenraum müffelt und an den Türgriffen der Softlack abblättert. Die Sitze zeigen keinerlei Verschleiß, die Schaltung ist präzise wie am ersten Tag, nichts klappert oder knarzt. Wer mit verbundenen Augen fährt, könnte meinen, einen Neuwagen zu bewegen. Dabei ließ der Kandidat die nötige Reife anfangs vermissen und brachte als Sorgenkind im AUTOBILD-Fuhrpark so manchen Schrauber ins Schwitzen.

Zu viele Kinderkrankheiten

Der erste Ärger stellte sich im Februar 2004 ein, als Volkswagen quasi über Nacht allen Modellen eine Gratis-Klimaanlage "als Geschenk zum 30. Golf-Geburtstag" spendierte. In Wahrheit war Wolfsburg wegen des schleppenden Serienstarts in Panik geraten und mußte die Verkäufe mit dieser Maßnahme stützen. Frühkäufer, die 1225 Euro für dieses wichtige Extra gezahlt hatten, guckten in die Röhre.

Einigermaßen überrascht waren die AUTO BILD-Techniker auch, als sie sich die Golf-Karosserie ansahen: Farbabweichungen, schief eingepaßte Türen, Spaltmaß-Toleranzen um bis zu drei Millimeter, Ebenenversatz zwischen Stoßfänger und Kotflügel – das hätte es unter Ferdinand Piëch nicht gegeben. Die Leserzuschriften zeigen, daß solche Qualitätsprobleme durchaus üblich sind.

Derlei Mängel machte der Golf mit seinen überragenden fahrdynamischen Qualitäten wett. Im Sommer 2004 schickte ihn die Redaktion auf große Europa-Tour. Schnell spulte der Golf viele tausend Kilometer ab. Trotz des 1.4-Liter-Basismotors mit 75 PS ließ es sich in dem Kompaktwagen komfortabel reisen. Fahrwerk, Sitze, Lenkung und Getriebe gehören zum Besten, was es in dieser Klasse gibt.

Liebloses, aber funktionales Cockpit

AUTO BILD stattete seinen europäischen Schwesterblättern einen Besuch ab, um zu erfahren, wie die fünfte Generation des deutschen Millionensellers im Ausland ankommt. Ergebnis: so lala... Den Briten war der Golf zu teuer, die Franzosen fanden ihn zu spießig, die Italiener vermißten Variabilität und Innovationen, die Tschechen votierten für den Skoda Octavia als dem größeren und billigeren Auto, und den Polen waren die VW-Garantieleistungen zu niedrig und die Wartungskosten zu hoch.

Gekauft haben sie ihn am Ende doch alle. Wegen seiner Klassenlosigkeit, seines Wiederverkaufswertes, seiner inneren Werte. Wobei die Meinungen, welche Werte denn wirklich zählen, auch in der Redaktion auseinander drifteten. "Skoda-Materialien – und das bei dem Preis", giftete Kollege E. im Fahrtenbuch. "Quatsch", konterte Kollege M., "die Kunststoffe sind in Ordnung, nur das Cockpitdesign ist entsetzlich öde."

In der Tat erwiesen sich die Kunststoffe im Golf V als kratzfest und widerstandsfähig, etwa gegenüber Staubsaugerattacken. Das speckige Glänzen der Armaturentafel hat VW nach heftiger Kritik im Zuge der Modellpflege entschärft. Der deutsche Autokäufer verlangt – warum auch immer – genarbte, weiche Oberflächen, in die er hineinkneifen kann.

Technische Daten

Fast nur Lob gab es für die 75-PS-Maschine. Von "völlig ausreichend" bis "Die Entdeckung!" lauten die Eintragungen im Fahrtenbuch. Wer seinen Golf nicht ständig voll beladen über die Kasseler Berge scheucht, kann mit dem Basismotor wunderbar leben.

Die Meßwerte bestätigen dabei den subjektiven Eindruck: Der Wagen wurde mit der Zeit immer spritziger – und sparsamer. 7,2 Liter im AUTO BILD-Testzyklus sind ein passabler Wert. Auch die 7,9 Liter über die 100.000-Kilometer-Distanz können sich angesichts häufiger Autobahn-Vollgasetappen sehen lassen.

Kosten und Wertverlust

Wer Innovationen sucht, findet sie beim Golf unterm Blech: Die Karosseriesteifigkeit wurde gegenüber dem Vorgänger um 80 Prozent verbessert und sorgt für ein noch solideres Fahrgefühl. Die aufwendige, mitlenkende Hinterachse reduziert typische Fronttrieblerschwächen und verfeinert das Handling. Die elektromechanische Servolenkung spart gegenüber einer hydraulischen Sprit und arbeitet extrem präzise. Wer vom Golf IV in den Golf V umsteigt, kann all dies eindrucksvoll erfahren.

Leider regierte an anderen Stellen der Rotstift: Die Konstruktion der Hutablage etwa wirkt deutlich billiger als beim Vorgänger. Bei Kilometer 4280 riß dann auch prompt das Halteband der Laderaumabdeckung aus der Verankerung. Außerdem löste sich kurz vor Testende am Schaltknauf eine Abdeckkappe aus Plastik. Das Problem abfallender Türdichtungen habe man inzwischen im Griff, versichert VW.

Mieser Service macht miese Laune

Das alles aber sind Peanuts im Vergleich zum Dauerärger mit inkompetenten und unflexiblen VW-Betrieben. Weil Fehler nicht im ersten Anlauf abgestellt werden konnten oder gängige Teile nicht vorrätig waren, mußte der Kunde die Werkstatt oft zwei, drei Mal anlaufen. Vor allem an die ersten Wartungstermine, als der AUTO BILD-Langläufer noch inkognito zum Service rollte, erinnern sich die Testfahrer mit Schaudern.

Nur ein Beispiel: Weil die Firma Raffay in Hamburg beim zweiten Inspektionstermin (wie bereits beim ersten!), keinen Pollenfilter für den Golf auf Lager hatte, versuchte man, dem Kunden den Filterwechsel auszureden. Der bestand aber auf den Wechsel, schließlich gehöre er ja zum Wartungsplan. So wurde vereinbart, ihn in ein paar Tagen anzurufen, sobald das Teil wieder vorrätig sei. Der Kunde zahlte den Pollenfilter zwar im voraus, wartete aber vergebens auf den versprochenen Anruf. Als er nach vier Wochen nachhakte, hieß es, der Filter sei jetzt vorrätig. Wie lange schon, wollte der Servicemann nicht verraten. Statt dessen mahnte er, die Inspektionsrechnung zum Nachtermin mitzubringen – als Beleg, daß der Filter bezahlt ist.

Ein weiteres düsteres Kapitel hat AUTO BILD bereits ausführlich in Heft 50/2004beschrieben. Eine gelb leuchtende Warnlampe mit einem Motorensymbol brachte den Golf diverse Male in die Werkstatt und die Schrauber fast um den Verstand. Monatelang laborierten sie an dem Problem herum. Ohne Erfolg. Dies, teilte VW jetzt mit, sei ja auch kein Wunder. Die Serviceanweisung, welche den Austausch eines defekten Kühlerlüfters samt Steuergerät vorsieht, hätten die Betriebe nämlich erst im Oktober 2004 bekommen.

Die Zuverlässigkeitswertung

So verhagelten diverse kleine Mängel und schlechter Werkstatt-Service dem ansonsten zuverlässigen Golf die Bilanz. Auf den nächsten 100.000 Kilometern kann es eigentlich nur noch besser werden. Denn die Kinderkrankheiten sind kuriert.

Hier ist Ihre Meinung gefragt

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst – also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten für den VW Golf 1.4 Trendline. Den Zwischenstand sehen Sie direkt nach Abgabe Ihrer Bewertung.

Autoren: Wolf Gudlat, Manfred Klangwald, Matthias Moetsch

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