Tank-Tourismus

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— 21.02.2002

Die Sprit-Preis-Flucht

Horrende Benzinpreise treiben Autofahrer ins Ausland. Die deutschen Tankstellen im Grenzgebiet kämpfen deshalb ums Überleben - manch billig betankter Motor allerdings auch.

Grenznahe Tankstellen vor dem Ruin

9,02 - nur eine Zahl. Und doch so grausam: Seit einer Stunde hat Thomas Wanninger (24) vergeblich auf Kundschaft gewartet, jetzt kommt endlich eine BMW-Fahrerin an seine Avia-Tankstelle in Furth im Wald (Bayern). Doch schon bei 9,02 Liter Super bleibt die Anzeige an der Zapfsäule stehen. Das macht 20 Mark und zwei Pfennige. Zum Leben ist das zu wenig. Zum Sterben reicht es.

Wanninger lebt hart an der Grenze. Seine Spritstation steht nur vier Kilometer vom Übergang nach Tschechien entfernt - und damit im Autofahrer-Abseits. "Ich brauchte nicht mehr zu kommen", klagt er, "vom Benzin können wir nicht leben." Die Hälfte seines Umsatzes hat er seit Grenzöffnung verloren. Wer in der Gegend tanken muss, macht rüber.

Nur gute 100 Meter hinter dem Grenzübergang liegen drei tschechische Spar-Stationen. Statt Öko-Steuer gibt es hier Sprit zu Aldi-Preisen: Der Liter Super kostet 1,79 Mark. Wer nicht in D-Mark zahlt, sondern vorher (günstig) wechselt, tankt noch billiger - für 1,71 Mark.

Auf der Strecke bleiben die Pächter auf der deutschen Seite. 2,219 Mark steht bei ihnen an diesem Sonntag im Mai 2001 auf der Tafel, das ist fast 51 Pfennig teurer als im (ganz) nahen Osten. Und der sichere Tod für die Tankstellen. "Die Nächsten, die in Furth zumachen, sind wir", glaubt BP-Kassiererin Sonja Peinkofer, "die Konkurrenz macht uns kaputt." Die 30-Jährige verbringt ihren Arbeitstag vor allem mit Kaffeetrinken und Zeitunglesen. Spaß macht das nicht. Nur böse: "Entweder müssen die Steuern runter - oder die Grenzen geschlossen werden."

Massenauflauf hinter der Grenze

Ganz anders die Stimmung an der tschechischen Agip-Station: Alle zehn Säulen sind besetzt, dahinter warten schon die nächsten Billig-Tanker. Die Wartezeit überbrückt das Radioprogramm von Antenne Bayern aus den Lautsprechern. Eine junge Angestellte putzt unaufgefordert die Scheiben, der Kassierer spricht Deutsch. Gegenüber bei Esso gibt es eine Schaukel für die Kinder. Und die OMV-Station daneben drückt Kunden ein Bonusheft in die Hand. Ist es voll, gibt es zwei Flaschen Wein. Da kommt man gerne wieder.

Bis zu drei Stunden warten die Tanktouristen an manchen Wochenenden im Grenz-Stau. Familie Hofstetter aus Regensburg nimmt zusätzlich 170 Kilometer für Hin- und Rückfahrt in Kauf. "Das lohnt sich immer noch", hat Vater Robert (45) ausgerechnet. "Wir haben gerade zu dritt für 35 Mark gegessen, zwei Stangen Zigaretten für je 14 Mark gekauft und 50 Liter für 85 Mark getankt." Ein paar Säulen weiter sagt Altenpfleger Christian Rupprecht (35) aus Furth: "Ich tanke nicht mehr in Deutschland. Ich kann keinen verstehen, der das noch tut." Und die 19-jährige Tanja Kuchler aus Lam (Oberpfalz) hat gar keine Alternative: "Als gerade ausgelernte Friseurin kann ich mir das deutsche Benzin nicht leisten."

Wobei Sparen teuer werden kann. "Ein bis zweimal pro Woche landet bei mir ein Autofahrer, der in Tschechien getankt hat", berichtet Werkstattbesitzer Peter Mühlbauer (52). Durch undichte Einfüllschächte an tschechischen Tankstellen gelange manchmal Wasser ins Benzin. "Der Wagen beginnt dann zu ruckeln und nimmt kein Gas mehr an." Da hilft nur noch Spritablassen für etwa 100 Mark. Auch an ausgebrannten Auslassventilen hat Mühlbauer schon verdient. "Da müssen wir den Zylinderkopf abbauen und die Ventile tauschen. Macht etwa 1000 Mark."

Um die Herkunft des Tschechen-Sprits ranken sich daher Gerüchte. "Aus Russland", glaubt Tanktourist Hofstetter. "Aus Deutschland, aber zweite Wahl", meint Mühlbauer. Esso-Sprecher Karl-Heinz Schult-Bornemann: "Eine Shell-Raffinerie in Tschechien liefert uns das Benzin nach DIN-Qualifizierung, wir geben unsere Additive dazu." Die waren im Labor-Test zwar kaum zu finden - aber sonst bekam das Billig-Benzin die Note 1. Wie gesagt: Manchmal können Zahlen grausam sein. Zumindest für Wanninger und seine Kollegen.

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