Land-Rover-Übernahme

Tata: AUTO BILD ALLRAD in Indien

— 16.06.2008

Wer ist eigentlich Tata?

Verkehrte Welt: Ein indischer Konzern kauft Land Rover und Jaguar – automobile Kronjuwelen der einstigen Kolonialherren. Was ist vom neuen Mutterkonzern Tata zu erwarten? AUTO BILD ALLRAD unterwegs in Indien.

Land Rover hat wieder mal eine neue Mutter: Nach BMW (1994-99) und Ford (1999-2008) ist es nun der indische Tata-Konzern mit Sitz in Mumbai. Der kaufte Land Rover Ende März 2008 für 2,3 Milliarden US-Dollar von Ford, im Doppelpack mit Jaguar. Ford hatte für beide Marken in den 90er-Jahren insgesamt mehr als das Doppelte gezahlt – ein gigantisches Minusgeschäft für Ford, vor allem, wenn man die Entwicklungsausgaben von über zehn Milliarden Dollar mitrechnet. Land Rover ist nicht schuld, denn die 4x4-Ikone verdient Geld. Der Verlustbringer heißt Jaguar, wegen enttäuschender Absatzzahlen der großen XJ-Limousine in den USA und des X-Type.

Der indische Industrie-Konzern verfügt über einen langen Atem

Wer ist eigentlich Tata, und was stellt dieser Industriekonzern her? Antwort: so ziemlich alles. Wenn der indische Stahlarbeiter Rajiv Singh im Werk von Tata Steel in Jamshedpur auf seine Tata-Uhr schaut und den Feierabend kommen sieht, lässt er sich anschließend in einem Tata-Bus nach Hause fahren. Dort entspannt sich Rajiv bei einem Tata-Tee und greift zum Tata-Telefon, um seinen nächsten Urlaub in einem Tata-Hotel an der Küste zu buchen. Tata ist seit der Vorstellung des minimalistischen 1700-Euro-Kleinstwagens Nano als Pionier der Massenmotorisierung bekannt – und ist doch viel mehr: ein verzweigter Mischkonzern mit 200.000 Beschäftigen in 96 Tochterfirmen, ähnlich wie Mitsubishi in Japan oder Hyundai in Korea. Weshalb aber kauft Tata zwei britische Nobelmarken? Geht es um Prestige, Profit oder um Technologietransfer? Letzteres, sagen Land-Rover-Insider hinter vorgehaltener Hand.

Tata ist als Pionier der Massenmotorisierung bekannt.

AUTO BILD ALLRAD hätte Tata-Motors-Chef Ravi Kant gern selbst gefragt. Die Inder aber gaben sich zugeknöpft und lehnten ein Interview ab. Tata-Motors-Sprecher Debasis Ray versicherte nur eilfertig, man werde den Briten ihre Selbstständigkeit lassen, auch die Produktion bleibe komplett in England und werde nicht etwa nach Mumbai abgezogen. Das gelte auch für den Defender. Man wolle weder Jobs in den Werken streichen noch Köpfe in den Führungsetagen rollen lassen. Bei den 16.000 Beschäftigten von Land Rover und Jaguar sorgte der Tata-Deal für ein Aufatmen. Motto: Lieber ein gesunder indischer Mischkonzern als Finanzinvestoren, die gern überhöhte Gewinnausschüttungen aus ihren Erwerbungen herauspressen oder das Unternehmen gar zerschlagen und in Teilen verkaufen, wenn die Teile mehr wert sind als das Ganze.

Tata hingegen ist der sechstgrößte Nutzfahrzeugbauer der Welt und verfügt über einen langen Atem. Vor acht Jahren hatten sich die Inder schon eine andere britische Ikone einverleibt, die Tee-Marke Tetley. 2004 kauften sie die Lkw-Sparte von Daewoo in Korea, 2007 den Stahlgiganten Corus – der hieß früher British Steel. Tata vertreibt zudem Fiat-Fahrzeuge in Indien. Die Allradpalette von Tata Motors umfasst fünf Baureihen: den Sumo (kantiger Starrachs-Offroader alter Schule mit 70 PS aus einem 3,0-Liter-Diesel), den nobleren Sumo Grande, zwei verschiedene Pickup- Modelle und das an diverse Zuschalt-Allradler der 90er-Jahre erinnnernde Topmodell Safari – immerhin mit moderner Common-Rail- Direkteinspritzung (zugeliefert von Delphi) und wahlweise 115 oder 140 PS. Safari und Pick-up sind bereits in Italien und Spanien zu haben. Wie lange die Verträge mit Ford über die Lieferung von Motoren und anderen Komponenten laufen, will Land-Rover-Sprecher Simon Warr nicht sagen. Nach AUTO BILD ALLRAD vorliegenden Informationen laufen sie bis 2018. Ford liefert bis dahin auch neue Motorvarianten.

Interview mit Land-Rover-Pressesprecher Simon Warr

AUTO BILD ALLRAD: Der Defender wird mit viel Handarbeit gebaut – wäre es nicht sinnvoll, die Produktion nach Indien zu verlagern? Warr: Es gibt keine Pläne, die Produktion zu verlagern.
Fast alle Land-Rover- Modelle sind zu schwer, um künftige EU-Emissionsgesetze zu erfüllen. Gewichtsparen ist teuer – ist Ihr neuer Mutterkonzern Tata zu solchen Investitionen bereit?
Land Rover/Jaguar investiert umgerechnet rund eine Milliarde Euro, um die Kohlendioxidemissionen seiner Fahrzeuge zu reduzieren. Mit den von uns verwendeten Technologien werden wir diese Emissionen um zwanzig Prozent senken – das ist mehr, als die bislang bekannten EU-Pläne den Autobauern auferlegen wollen.
Der Defender kann die verschärften EU-Fußgängerschutzrichtlinien ab 2010 nicht erfüllen. Wie wollen Sie den Klassiker über 2010 hinaus retten?
Die Defender-Produktion werden wir bis mindestens 2010 fortsetzen. Wir prüfen derzeit alle Möglichkeiten, ihn weiter anbieten zu können.
Beim Wechsel von BMW zu Ford brach zeitweilig die Ersatzteilversorgung zusammen. Kann sich das wiederholen?
Wir erwarten keine für den Kunden spürbaren Veränderungen.
Wie lange bekommen Sie noch Motoren und andere Komponenten von Ford?
Ford wird weiterhin Motoren, Karosserieteile und andere Komponenten liefern. Die Details der Vereinbarung sind aus Konkurrenzgründen vertraulich.

Autor: Rolf Klein

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