Fahrbericht Tatra 8x8

Tatra 813 8x8: Fahrbericht

— 27.02.2017

Schweres Kaliber

Alternative zum Spaßbaggern gefällig? Den Tatra 8x8 zu fahren, erfüllt
einen Männertraum – ein frischer Satz Unterwäsche ist mitzubringen.

Wäre ich cool wie James Bond, würde ich beim Anblick dieses Monsters jetzt die Augenbraue heben und Sprüche wie "Man wächst mit den Aufgaben" loslassen. Angesichts von 8,80 m Länge, 14 Tonnen Leergewicht, acht Rädern, 17,6 Liter Hubraum und nicht vorhandenem Lkw-Führerschein ist mir eher nicht danach zumute, die lässige Bonmot-Schleuder zu geben. "Männer mieten den Tatra gern, um ihre Frauen sprachlos zu machen", weiß Ulrich Hausmann, Chef des Offroadparks Berlin-Brandenburg.

Das Design verströmt eine gewisse Sportlichkeit

Erstaunlich elegant, fast sportlich mit seinem flachen Aufbau: Der Tatra wirkt kleiner, als er tatsächlich ist.

Für einen Lkw wirkt dieser Militärtransporter von 1973 erstaunlich elegant, sportlich geradezu mit seinem flachen Aufbau über acht Riesenrädern. Nach Erklimmen des Fahrersitzes wird's erst recht respektheischend: Ein V12-Diesel sitzt so raumgreifend im Innenraum, dass darin selbst hoffnungslos zerstrittene Paare aneinander vorbei leben können. Das Lenkrad ist riesig und schwergängig, die Schaltung ebenso. Alles am Tatra ist so entschieden männlich wie Llagavulin-Whisky oder die Kommissar-Darstellungen eines Götz George. Nach der Implosion des Ostblocks waren diese 260 PS starken, in großer Zahl gebauten 8x8-Kolosse zu symbolischen Preisen zu haben. Unter Geländesportlern sprach sich ihre Kletterfähigkeit schnell herum, entsprechend erfreulich ist die Ersatzteillage. Dieses Exemplar diente einem Berliner Unternehmer nach der Wende als Abschleppwagen, bis ihm Knieprobleme den Spaß am kraftzehrenden Tatra vergällten.

Im Gelände kennt der Tatra kaum Hindernisse

Über Stock und Stein: Die Geländegängigkeit des Tatra überzeugt, wird aber von Nerds gerne diskutiert.

Das West-Gegenstück zum Tatra hieß MAN gl 8x8. Welcher mehr im Gelände kann, darüber können sich Nerds lange die Köpfe heißreden. Der Tatra hat den längeren Frontüberhang, ergo den schlechteren Böschungswinkel vorn, dafür fällt der Rampenwinkel klar besser aus – Ansichtssache. Bei der Startprozedur wäre ein vierarmiger Alien im Vorteil: Erst den Kippschalter über den Instrumenten umlegen, dann steht Strom zur Verfügung. Mit der linken Hand in den Fußraum greifen, um den Spritpumpen-Knopf zu ziehen, zugleich mit rechts den Zündschlüssel eine Etage höher drehen, Vollgas geben, mit links den dürren Standgashebel mit Gefühl nachjustieren – und wie ein Bison schnaubend meldet sich der V12 zum Dienst. Der riesige Gangwählhebel erinnert an Bierzapfhebel in britischen Pubs und birgt eine Tücke: Der erste von fünf Gängen und der Rückwärtsgang liegen beide hinten links. Um den ersten zu treffen, sollte der Fahrer so tun, als wolle er den Rückwärtsgang einlegen und den Hebel mit Verve nach links hinten werfen, dann wieder ein Stück nach rechts, bis ein leises Klicken zu vernehmen ist.

Ein Artikel aus AUTO BILD ALLRAD

Das Getriebe sagt so: "Ich bin bereit." Hebel nochmal nach hinten ziehen, und der erste Gang ist drin. Erster und zweiter Gang sind nicht synchronisiert, also: doppelkuppeln und Zwischengas geben beim Zurückschalten! Der zweite und dritte Gang lassen sich mal mit größter Selbstverständlichkeit, mal gar nicht einlegen – je nachdem, wie die Zahnräder gerade stehen. Robert Hausmann, Fuhrparkmeister im Offroadpark, mag trotz seiner jugendlichen 32 Jahre die elektronikfreie 70er-Jahre-Technik, macht alles selbst. "Wenn eine der Achsmanschetten undicht ist, müssen wir bis zu drei Sektionen des Zentralrohrrahmens ziehen – aufwendig!"

Der Vierachser braucht viel Bewegungsfreiheit beim Rangieren

Für die Stadt absolut ungeeignet: Um den Tatra in einem Zug zu wenden, braucht man 21 Meter Platz.

Der Tatra steckt voller genialer Ideen. Nicht ganz den richtigen Gang gewählt? Kein Problem: Einfach die Nase unter dem Schaltknauf nach links, Fuß vom Gas, einkuppeln, und das Splitgetriebe schaltet elektropneumatisch einen halben Gang höher. Untersetzung und Splitgetriebe machen aus fünf Vorwärtsgängen 20, aus einem Rückwärtsgang vier – sinnvoll bei einem Fahrzeug, das 14 Tonnen leer wiegt und 8 zuladen darf. Der V12-Diesel lässt sich auch mit anderen Kraftstoffen betreiben. Die motorgetriebene Seilwinde liegt zentral zwischen Rahmen und Aufbau; Windenzug wahlweise nach vorn oder hinten – man kann damit locker 20 Tonnen bergen! An der Lenkung, schwergängig trotz Servo, muss ich kurbeln wie ein Schiffs-Steuermann: fünfeinhalb Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag. Wendekreis? Nautische 21 Meter! Steilhänge nimmt der 8x8 mit zahnradbahnartiger Traktion. Die Drehzahlen erfreuen das Herz jedes Binnenschiffers: 1500/min.

Nach den Fotofahrten springe ich verschwitzt, aber glücklich hinaus. Lust, den 8x8 mal zu fahren? Kostet 200 Euro die Stunde in einem schönen Abenteuerspielplatz in Zossen-Kallinchen bei Berlin. Info: www.offroadpark-berlin-brandenburg.de.
Technische Daten Tatra 813 8x8 (1973)
Motor V12-Zylinder, Saugdiesel, luftgekühlt
Hubraum 17.640 cm³
Leistung bei 1/min 191 kW (260 PS)/2000
Drehmoment bei 1/min 990 Nm/1250
Aufbau Zentralrohrrahmen
Radaufhängung vorn, hinten Pendel-Halbachsen an Blattfed.
Vmax 80 km/h
Getriebe 5-Gang manuell, Splitgetriebe, Untersetzung
Traktionshilfen 100%-Sperren längs und quer
Länge/Breite/Höhe 8800/2500/3355 mm
Bodenfreiheit 425 mm
Wattiefe 1,40 m
Wendekreis 21,0 m
Böschungswinkel v/h 35,0°/37,0°
Tankvolumen/Verbrauch 2x 260 l / ca. 42-55 l/100 km
Leergewicht/Zuladung 13.800/8200 kg
Wert heute 20.000 bis 30.000 Euro

Autor: Rolf Klein

Stichworte:

Lkw

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