Test Audi R10 TDI

Fahrbericht Audi R10 TDI Fahrbericht Audi R10 TDI

Test Audi R10 TDI

— 21.12.2006

Im schnellsten Diesel der Welt

Ein Selbstzünder hat die Motorsportwelt auf den Kopf gestellt. Der 650 PS starke Audi R10 TDI ist der erste Diesel, der die 24 Stunden von Le Mans gewann. AUTO BILD-Redakteur Oliver Hilger durfte als erster Journalist ans Steuer.

Da steht er nun vor mir, der schnellste Diesel der Welt. Der Motor ist warmgelaufen, die Reifen sind angefahren – der Audi R10 ist bereit für eine exklusive Testfahrt. Als erster Journalist weltweit darf ich das Siegerauto des berüchtigten 24-Stunden-Rennens von Le Mans mit Chassisnummer 102 einer Nagelprobe unterziehen. "TDI Power" prangt in großen Lettern überall auf der silbernen Kohlefaserkarosserie.

Erst mal reinkommen: Der Einstieg in den R10 TDI ist eine Turnübung.

Kein leeres Versprechen, denn der 5,5 Liter große V12-Common-Rail-Diesel mit über 650 PS und mehr als 1100 Newtonmeter Drehmoment flößt schon beim Blick auf das Datenblatt Respekt ein. Doch vor den ersten Tritt aufs Gaspedal haben die Audi-Designer einige Turnübungen gesetzt. Denn der offene Sportprototyp hat keine Türen. Um ins Cockpit zu gelangen, muss ich mit beiden Füßen erst auf den linken Seitenkasten und dann in die Sitzschale steigen, mich anschließend wie am Barren mit beiden Händen auf der Cockpitumrandung aufstützen. Zuletzt noch die Beine in die Tiefen des engen Fußraums gleiten lassen – nur wer das schafft, darf auch Gas geben.

Fast wie in einer Formel-1-Flitze: das Cockpit des Superdiesels.

Abgesehen von den vorderen Kotflügeln unterscheidet sich der R10 aus Fahrersicht kaum von einem Formel-1-Wagen. Das Lenkrad ist zu einem Computerdisplay mit vielen Knöpfen und zwei ergonomisch geformten Griffen mutiert. Inklusive Drehzahlmesser, Warnleuchten und den beiden Schaltwippen für das halbautomatische Fünfganggetriebe. Sechs oder gar sieben Gänge wie in der Formel 1 braucht der Ingolstädter Kraftprotz nicht. Beeindruckend. Doch wie fährt sich nun eine 925 Kilogramm leichte Kohlefaser-Flunder mit über 650 PS?

Auf den ersten Metern erstaunlich brav. 1500 Umdrehungen, Kupplung langsam kommen lassen, und schon setzt sich der R10 ruckfrei in Bewegung. Viel leichter ist das Anfahren in einem Audi RS4 auch nicht. Doch bei Vollgas zeigt der Le-Mans-Sieger sein wahres Gesicht. Wie eine Achterbahn beim Sturz in die Tiefe nimmt der Renn-Diesel Fahrt auf.

Wie ein Projektil im Gewehrlauf schießt der R10 TDI nach vorne.

Vom direkten Ansprechverhalten eines hoch drehenden Saugmotors ist der V12 TDI jedoch Welten enfernt. Knapp eine halbe Sekunde brauchen die beiden Garrett-Turbolader, um 2,94 Bar Druck aufzubauen. Bei jedem Rausbeschleunigen aus engen Ecken spüre ich den früher turbotypischen Tritt ins Kreuz. Begleitet von einer Mischung aus hartem Diesel-Nageln und lautem Pfeifen der Lader, schnellt der R10 nach vorn wie ein Projektil im Gewehrlauf. Beim Raufschalten genügt ein kurzer Zug an der rechten Schaltwippe. Ohne Schub zu verlieren, wird der Audi immer schneller. Vom Motor ist ab dem dritten Gang praktisch nichts mehr zu hören. Bei fast 300 km/h am Ende der Geraden in Barcelona dringen nur noch Windgeräusche durch meinen Helm.

Das 100-Meter-Schild fliegt heran. Höchste Eisenbahn, mit dem rechten Fuß auf das große Bremspedal zu treten. Das Ergebnis entbehrt jeglicher Vorstellungskraft. Die Art und Weise, wie sich die wuchtigen Sechs-Kolben-Bremszangen an die pizzatellergroßen Kohlefaser-Scheiben pressen gleicht einem gefühlten Crash an einer Gummiwand. Trotzdem lässt sich die Bremse auf Anhieb perfekt dosieren. Zusätzlich helfen blaue Leuchtdioden in der Mitte des Cockpits, die das drohende Blockieren eines Rades anzeigen.

Der 1,03 Meter hohe Audi klebt in Kurven förmlich auf dem Asphalt.

Die größte Überwindung kostet es mich, am Eingang schneller Kurven auf dem Gas zu bleiben. Denn die ausgefeilte Luftführung am vorderen Unterboden und der riesige Heckflügel erzeugen einen schier unglaublichen Anpressdruck. Selbst in Tempo-200-Kurven klebt der Le-Mans-Sieger auf der Piste. Nur bei Regen wird der Gentleman aus Ingolstadt zur Diva. Dann lässt dich der R10 nur noch mit einem sanfteren Motorkennfeld und einer Traktionskontrolle beherrschen. Die erweist sich auf der noch leicht feuchten Piste in manchen Kurven als Spielverderber. Doch die Angst der Audi-Ingenieure um ihr Baby ist verständlich. Allein der Materialwert der drei bisher gebauten R10 beträgt jeweils knapp 1,5 Millionen Euro. Der Sammlerwert von Chassis 102 dürfte im zweistelligen Millionenbereich liegen.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Oliver Hilger

Redakteur Hilger ist vom Handling und den Bremsen schwer beeindruckt.

Wenn über 1100 Nm auf nur 925 kg treffen, dann geht natürlich so richtig die Post ab. Doch mindestens genauso beeindruckend Wenn über 1100 Nm wie das Drehmoment des R10 sind das superagile Handling und die fantastischen Bremsen.

Technische Daten Audi R10 TDI

V12-Diesel, Mittelmotor • Common-Rail-Einspritzung, zwei Turbolader mit Ladeluftkühler • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 5500 cm³ • Leistung über 480 kW (650 PS) • max. Drehmoment über 1100 Nm • Hinterradantrieb • Halbautomatik mit Schaltwippen am Lenkrad, 5 Gänge • vorn und hinten Einzelradaufhängung an Doppelquerlenkern, Pushrod-System mit Drehstabfedern • Reifen 33/68-18 vorn, 37/71-18 hinten • Gewicht 925 kg

Autor: Oliver Hilger

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