Test Bentley Azure

Test Bentley Azure

— 14.07.2006

Komischer Kauz

Ein uralter Motor, nur vier Gnge und kein festes Dach ber dem Kopf. Humor ist, wenn man ber 325.000 Euro fr den Bentley Azure trotzdem lacht.

Motor in den Grundzgen von 1959

Mal ehrlich: Was wrden Sie ausgeben fr ein nagelneu entwickeltes Auto, das zwar fast fnfeinhalb Meter lang ist und vier Sitzpltze unter freiem Himmel bietet, aber nur einen ziemlich kleinen Kofferraum besitzt, mit einer elektrischen Teleskop-Antenne ausgerstet ist, ber ein Vierganggetriebe nicht hinauskommt und dessen Zweiventil-Motor in seinen Grundzgen aus dem Jahr 1959 stammt? Wirklich 50.000 Euro? Oder gar 100.000? Ja, wo leben Sie denn? So was kostet heutzutage 325.000 Euro, in Worten: dreihundertfnfundzwanzigtausend!

Seltene Vgel sind nun mal teuer. Erst recht, wenn sie das geflgelte "B" auf der Nase tragen und Bentley Azure heien. Herrlich british spleenig, bis in die letzte Niete verschroben und doch ein perfekter Gentleman der ganz alten Schule. Der Kaufpreis ist da nur das i-Tpfelchen auf dem ach so schwarzen britischen Humor. Ganz im Ernst: Der neue Bentley Azure (der alte wurde von 1995 bis 2002 gebaut und wegen neuer Crashvorschriften nach 1311 Exemplaren eingestellt) ist wohl das lteste neue Auto, das zur Zeit eine Fabrik verlt vielleicht abgesehen von einem Morgan. Denn sein Herz, der 6,75-Liter-Biturbo-V8 mit 456 PS, tat seine ersten

Dampfmaschine la Bentley: 456 PS in ansprechender Form, auch optisch.

Schlge bereits vor 49 Jahren im Bentley Continental SII damals allerdings ohne Turbos, mit weniger Hubraum und 230 PS.

Alt mag das Layout sein, doch Kraft hat der im Lauf der Zeit immer weiterentwickelte Dinosaurier reichlich. Sobald sich das Aggregat nach dem Kickdown erst mal kurz gesammelt hat, strmt es vehement los. Vom Getriebe sind fast keine Schaltrucke fhlbar, und berraschend schnell ist die Drehzahl schon wieder im roten Bereich. Das liegt aber auch daran, da der rote Bereich schon bei 4600/min beginnt weit entfernt von allen grassierenden Hochdrehzahlkonzepten dieser Welt. "Wir haben auch so Kraft genug", beruhigt uns Entwicklungsvorstand Dr. Ulrich Eichhorn und meint damit das Drehmoment von gewaltigen 875 Newtonmetern.

2,7 Tonnen schweres Kraftpaket

Die Kapitne solcher Schiffe genieen so viel Power am liebsten unaufgeregt. Well, knapp 2,7 Tonnen Luxus mssen eben standesgem bewegt werden. 2,7 Tonnen? "Allein eine der vier massiven Luftaustrittdsen im Armaturenbrett wiegt schon 300 Gramm", sagt Eichhorn, und er ist stolz darauf. Auch die Bentley-typischen Schieberegler machen einen massiven Eindruck es lebe die Tradition.

Weniger aus Traditions- und Gewichts-, dafr mehr aus Stabilittsgrnden verbaut Bentley erstmals Carbon im Wagenboden. Das soll den Plan aller arglistigen Schlaglcher durchkreuzen, die meterlange Kutsche zum Erzittern zu bringen. Das klappt, solange die Schlaglcher nicht allzu tief sind. Ansonsten lt sich ein Zittern des Aufbaus auf einer Lnge von knapp 5,5 Metern offenbar nicht ganz vermeiden. Immerhin soll der neue Azure viermal steifer sein als der alte.

Das Fahrwerk des Azure ist identisch mit dem der Schwester-Limousine Arnage: doppelte Dreiecklenker und ein computergesteuertes elektrohydraulisches Dmpfersystem lassen das Auto fast schweben. Auf Knopfdruck strafft sich das Fahrwerk, die Gnge werden etwas schneller gewechselt. Am besten kommt das rber bei sportlicher Fahrweise ohne ESP, zum Beispiel auf engen Gebirgsserpentinen. Da faucht der Motor, da verschwindet das jeweils entlastete hintere Antriebsrad im Gumminebel, die Wastegates pfeifen munter vor sich hin. So hnlich wie wir mu sich Firmengrnder Walter Owen Bentley gefhlt haben, als er damals selbst seine Autos durch die Alpen scheuchte und dabei versuchte, seinem Image als Erbauer schneller Lastwagen zu entkommen.

Neuartiger Stoff frs Soft-Top

Vom vorderen Stofnger bis zur A-Sule ist der Azure ein Arnage durch und durch, ab dort eine komplette Neuentwicklung. Die Damen der Gesellschaft knnen auf den Rcksitzen bequem die Beine bereinanderschlagen (von Bentley getestet), whrend die Drehbewegung des Autos subjektiv unter ihren hochwohlgeborenen Hintern stattfindet "ein Trick der Achseinstellung, damit sich die Fondpassagiere auch auf kurvigen Straen komfortabel fhlen", sagt Eichhorn.

Und das ist wichtig, denn Ablenkung anderer Art gibt es nicht: Bildschirme in den Frontkopfsttzen zur Unterhaltung der Hinterbnkler, Ablagetische fr den Schampus, Steckdosen frs Laptop alles Fehlanzeige. Die Spielereien hinten beschrnken sich auf die Fenster rauf oder runter , die Heizung warm oder kalt , die Lftung an oder aus. Ob da noch die Tatsache interessiert, da sich die Klimaanlage ihre Voreinstellung fr die Fahrt bei geschlossenem und offenem Dach merkt?

Auch sonst halten sich die Spielereien in Grenzen. Die groe Kofferraumklappe hilft beim Zuziehen nur auf den letzten Zentimetern, das ESP ist abstellbar fertig. Bentley fahren hie und heit eben hauptschlich fahren. Und jetzt auch endlich wieder ganz weit offen. Das vom deutschen Zulieferer Edscha gebaute Softtop ist eine hchst aufwendige Konstruktion aus sieben Spriegeln und sechs Lagen. Der Dachhimmel besteht aus der von Bentley entwickelten Textilie "Eliade", einer Art Microfaser-Alcantara: Edel, teuer, und was am wichtigsten war innen bekommen die Passagiere bei geschlossenem Verdeck den Eindruck eines festen Daches ber ihren Kpfen, was durch den guten Lrmschutzeffekt noch unterstrichen wird.

Verdeckkasten mit tieferem Sinn: Notfalls kann man auch darauf sitzen.

In 25 Sekunden verschwindet der Wetterschutz auf Knopfdruck mitsamt beheizbarer Glasheckscheibe im gepolsterten Verdeckkasten, was sogar bei Geschwindigkeiten bis 30 km/h funktioniert. Und dann wird mit der Kappe eine Cabrio-Weltneuheit versenkt, nmlich die in den Dachhimmel integrierte Innenbeleuchtung. Ist der Verdeckkastendeckel geschlossen, knnen sich zwei 50 Kilo schwere Cheerleader auf das plankenfrmig aufgenhte Leder setzen (von Bentley getestet) schlielich werden diese Wagen gern bei Konfettiparaden in amerikanischen Grostdten eingesetzt.

Kontakt und technische Daten

274 km/h soll der Azure bei geschlossenem Verdeck rennen, immerhin noch 266 km/h offen. Tatsache ist: Hinten zieht es den Insassen (bei versenkten Fenstern) die Luft aus der Nase wie im Caterham ohne Tren, komfortabler ist es mit hochgefahrenen Scheiben. Um die 200 km/h sitzen auch die Frontpassagiere gut im Luftwirbel. Natrlich ist kein Windschott im Programm. Denn man kann Bentley-Fahrern ja vieles nachsagen aber Weicheier waren sie noch nie ...

Ja, und wo stecken nun wirklich die 325.000 Euro des Kaufpreises, die rund 300 Vorbesteller verbindlich ausgeben wollen? Vielleicht in den unglaublichen 650 Arbeitsstunden pro Auto. Vielleicht in der Tatsache, da nur alle zwei Tage ein Exemplar fertig wird. Vielleicht im wunderschn und aufwendig verarbeiteten Holz. Oder vielleicht auch nur in der Tatsache, da ein Bentley eben ein Bentley ist.

Technische Daten Bentley Azure V8, vorn lngs eingebaut zwei Turbolader mit Ladeluftkhlung zwei Ventile pro Zylinder Hubraum 6761 cm Leistung 336 kW (456 PS) bei 4100/min max. Drehmoment 875 Nm bei 3250/min Viergang-Automatik doppelte Dreiecklenker rundum computergesteuertes, adaptives elektrohydraulisches Dmpfersystem Scheibenbremsen Reifen 255/45 R 19 rundum Rder 8Jx19 Lnge/Breite/Hhe 5411/1908/1486 mm Radstand 3116 mm Leergewicht 2695 kg Kofferraum 310 l Tank 96 l Zuladung 340 kg 0100 km/h in 6,3 s Hchstgeschwindigkeit 274 km/h (geschl.), 266 km/h (offen) Preis 325.000 Euro

Autor: Roland Lwisch

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