Test Bentley Brooklands/Rolls-Royce Phantom Coupé

Bentley Brooklands Bentley Brooklands

Test Bentley Brooklands/Rolls-Royce Phantom Coupé

— 25.02.2008

Luxus-Coupés für 770.000 Euro

Wahrer Überfluss ist, wenn selbst die Superreichen schwärmen. Für diesen Zweck halten Rolls-Royce und Bentley zwei überaus exklusive Coupés bereit. AUTO BILD durfte darin Platz nehmen – und, ja: auch Gas geben.

Es war eine lange, harmonische Liaison. Noch als hochbetagtes Paar gingen die beiden Hand in Hand bis zur Zwangsscheidung 2002. Ihre Ehe dauerte Jahre. Und jetzt sind sie in anderen Händen. Zwischen den vornehmen Ex-Partnern ist ein Konkurrenzkampf entbrannt. Schneller, höher, weiter, und nur nicht die Contenance verlieren – eine harte Aufgabe für Bentley und Rolls-Royce. Ihr vornehmstes Duell tragen sie in der Coupé-Klasse aus. Bentley Brooklands contra Rolls-Royce Phantom Coupé. Das heißt: 2655 gegen 2590 Kilogramm. 5,41 gegen 5,61 Meter. Und: 345.100 gegen 425.000 Euro. Aber Zahlen spiegeln nicht wider, worum es geht. Die wahre Frage ist: Welcher von beiden schafft es überzeugender, aktuelle Leistungsansprüche und höchste traditionelle Werte gleichermaßen zu erfüllen?

Bentley: Höllischer Durchzug mit 1050 Newtonmeter Drehmoment

Leistung im Überfluss: Das fliegende B bringt 537 PS und 1050 Newtonmeter maximales Drehmoment auf die Straße.

Bentley, heute VW-Tochter und mit der Continental-Reihe per leistungsgesteigerter Phaeton-W12-Technik erfolgreich, sichert sich als Erbverwalter einen Vorsprung. Das fliegende B bewohnt nicht nur das einst gemeinsame Werk in Crewe, sondern führt parallel zur Moderne der Wolfsburger Gene auch die Basis der alten Modellreihen weiter. Auf diesem Fundament, das 1998 mit den nahezu baugleichen Limousinen Bentley Arnage und Rolls-Royce Silver Seraph entstand, basiert der neue Brooklands. Sein Motor aber geht demnächst ins sechste Jahrzehnt: 1959 löste der Alu-V8 den archaischen Reihensechser mit stehenden Auslassventilen ab, 1970 wurde der Hubraum von 6,25 Liter auf 6,75 Liter vergrößert. Und dabei blieb es dann. Bis heute. Die lange Tradition fehlender Leistung und Leistungsdaten ist jedoch Geschichte. Aus gutem Grund: Statt ehemals geschätzter 200 PS liegen beim ewigen Sechsdreiviertelliter heute dank zweier Turbolader (von Mitsubishi) 537 PS an. Und die annonciert Bentley gern und stolz. Nicht minder selbstbewusst wird das Drehmoment genannt: 1050 Newtonmeter, einsamer Rekordwert für einen V8. Wer so viel Durchzug braucht? Aber bitte, meine Herrschaften – wollen wir über Sinn und Notwendigkeit solcher Autos reden? Wer Mercedes SLK fährt, weiß ja auch, dass ein Opel Corsa 1.0 viel vernünftiger wäre.

Turbo? Wie schnöde! Der Rolls-Royce fährt ohne Zwangsbeatmung

Einen Porsche weniger Durchzug: Rolls-Fahrer müssen sich mit nur 720 Newtonmetern arrangieren.

Aber lassen wir das. Und kommen lieber zum Rolls-Royce. Dass die große Marke seit Anfang 2003 zu BMW gehört, ist bekannt. Weniger, dass für sie der BMW-V12 mit modernster Direkteinspritzung auf eben jenes Sechsdreiviertelliter-Maß wuchs. So viel Symbolik darf ein Scheidungsopfer bemühen, wenn es schon auf den ganzen Werkzeugkeller verzichten muss. Richtig seriös wirkt das Rolls-Herz ohne Zwangsbeatmung. Turbo? Wie ordinär. So kann man denken, muss sich dann aber mit 720 Newtonmetern arrangieren. Anders ausgedrückt: mit einem Kraftverlust im Porsche-911-Carrera-Bereich gegenüber dem Bentley. So viel als Seelenbalsam für die Sinnzweifler von vorhin.

Gefühlter Gleichstand bei gerechter Gunstverteilung herrscht beim Auftritt der bei den Ganz-ganz-oben-Coupés. Distinguiert, eine Spur blasiert, opulent und würdevoll, dennoch sensationell elegant – dumm nur, dass kein Foto die wahre Aura dieser Wagen übermitteln kann. Eigentlich wirkt ihre Ausstrahlung nur live. Ein Vergleich vielleicht, um wenigstens die Größenordnungen zu verdeutlichen: Der Rolls, dem eine schlanke Linie attestiert werden kann, ist in der Tat nicht flacher als ein Opel Zafira mit Sportfahrwerk. Verzeihung. Das sollte keine Majestätsbeleidigung sein. Das Unentschieden in der Kategorie Auftritt und Wirkung ist umso bemerkenswerter, als dass die aristokratischen Zweitürer durch völlig unterschiedliche Taktiken zur Höchstwertung gelangen. Der Bentley Brooklands: stilistisch eine übervorsichtige Evolution seiner Ahnen aus der Frühzeit der Pontonform – nur die Chromstoßfänger fehlen. Obwohl: Wir vermissen sie nicht. Dagegen das Rolls-Royce Phantom Coupé: Zwar wird hier noch immer die kaum verkleinerte Replik eines hellenischen Tempels als Kühlergrill verbaut, auch der Abwärtsschwung des Achterdecks lässt ein gewisses Geschichtsbewusstsein erkennen.

Science-Fiction am und im Rolls-Royce Phantom Coupé

Leuchtet der Rolls nun aus den unten liegenden Projektoren oder aus den darüber liegenden LED-Schlitzen?

Aber der Rest – und das ist eine ganze Menge – erinnert an Science-Fiction, die vermitteln soll, wie ein herrschaftliches Gefährt nach fünf weiteren Modellwechseln aussehen könnte. Allein das unkonventionelle Scheinwerfermotiv: Leuchtet der Rolls nun aus den unten liegenden Projektoren oder aus den darüber liegenden LED-Schlitzen? Allein der Windschutzscheibenrahmen, der seitlich die Dreieckfenster umarmt und nach vorn hin mit der Motorhaube zerfließt: handgebürsteter Edelstahl. Nur eine Verblendung, klar. Aber darunter wohnt das Spaceframe-Gerüst aus Aluminium, kaum weniger exotisch. Man muss den Phantom nicht klassisch schön finden. Aber man darf respektieren, dass mit ihm eine eindrucksvolle Neuinterpretation eines gewachsenen Markenbildes geschaffen wurde. Radikal anders und doch spontan wiedererkennbar – das ist es, was hochklassiges Design ausmacht.

Kaminzimmer-Atmosphäre ist hier Pflicht

Verschwenderisch: 16 Kühe mussten für dieses Ambiente ihr Leder lassen.

Innen herrscht bei beiden die gleiche konservative Note. Wobei der Brooklands im Detail die berühmten Rennwagen der 30er-Jahre zitieren will, während es der Phantom bei Anekdoten über die Limousinen der 60er belässt. Unterm Strich haben beide Designteams recht: Jede Innovation würde hier deplatziert wirken, und ein Rest Kaminzimmer-Atmosphäre ist einfach Pflicht. Schon klar, warum der Rolls sein Navi auf der Rückseite der – bei Bedarf rotierenden – Uhr versteckt. Allemal stilsicherer als der Bentley-Bildschirm, der oben aus dem Armaturenbrett wächst. Wenn es um die Verspieltheit der Details geht, ist der Phantom dennoch weit vorn. Wobei die Frage erlaubt ist, ob viel wirklich viel hilft. Beispiele: die Prozentanzeige ungenutzter Motorleistung. Oder der Dachhimmel als 1000-Lichtpunkte-Sternenmeer. Sehr neureich. Wir hätten so was eher in US-Stretchlimos vermutet. Da kommt der Brooklands nicht mit. Und will es auch gar nicht, was ihm wiederum einen gewissen Seriositätsvorsprung sichert. Mit den landestypischen Regenschirmen, die aus den Türrahmen ausfahren, beweist Rolls-Royce wiederum das glücklichere Händchen: Beim Bentley warten sie im Gepäckraum auf die (dort bereits nassen) Nutzer.

Schade: Fahren durfte AUTO BILD-Autor Blaube den Vorserien-Rolls nicht.

Wie die deutsch-britischen Super-Coupés fahren? Nun, erste Komfortklasse bieten beide. Aber der Bentley erhebt sich mit seinem Drehmomentgebirge tatsächlich über alles, was auf den Straßen fährt. Und schweigt dabei immer vor sich hin. Der Rolls-Royce dagegen lässt es erheblich milder angehen. Endlosen Überfluss bietet er nicht. Das wissen wir genau – vom Cabrio namens Phantom Drophead. Das entsprechende Coupé auf diesen Bildern, das erste und bislang einzige Vorserienauto, durften wir im Werk Goodwood nur Probe sitzen. Aber das als erste Journalisten weltweit. Die Auslieferung beginnt Ende 2008, jetzt darf bestellt werden. Und das ist entscheidend für kauflustige Kunden, die bisher noch schwankten. Denn der auf 550 Stück limitierte Brooklands ist bereits ausverkauft. Bis auf 20 Exemplare, die für "gute Kunden" reserviert sind. Es lohnt also, mal schnell noch ein paar profanere Bentley zu kaufen, um sich diesen Status zu sichern. Sonst bliebe nur der Rolls-Royce. Und wer kann mit dessen schütterem Drehmoment schon leben?

Fazit: Luxus ist Luxus ist Luxus

Wer dieses Duell gewinnt? Ganz klar: die deutschen Konzerne Volkswagen und BMW. Mit viel Fingerspitzengefühl schaffen sie es, dem höchsten Niveau britischen Automobilbaus neuen Glanz zu verleihen. Und die Coupés selbst? Wir plädieren für ein Unentschieden. Einfach deshalb, weil keines die Schmach des zweiten Platzes verdient.
Technische Daten Bentley Brooklands RR Phantom Coupé
Motor/Hubraum V8 Twinturbo/6761 cm3 V12/6749 cm³
Leistung 395 kW (537 PS) 338 kW (460 PS)
Drehmoment bei U/min 1050 Nm/3200 720 Nm/3500
0–100 km/h 5,3 s 5,6 s
Höchstgeschwindigkeit 296 km/h 250 km/h
Verbrauch (Liter/100 km) 19,5 Liter Super plus 15,7 Liter Super plus
Länge/Breite/Höhe 5411/2080/1473 5609/1987/1592
Leergewicht 2655 kg 2590 kg
Preis ab 345.100 Euro ab 425.000 Euro*
* Preis steht noch nicht endgültig fest

Autoren: , Georg Kacher

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