Test Gallardo LP560/4 vs. Corvette Z06

Lamborghini Gallardo LP560/4 Corvette Z06 Lamborghini Gallardo LP560/4 Corvette Z06

Test Gallardo LP560/4 vs. Corvette Z06

— 03.06.2008

Italo-Western mit 1000 PS

Lamborghini schießt scharf: Jetzt kommt der neue Gallardo mit 560 PS. Damit zielt der Asphalt-Cowboy direkt auf die 512 PS starke Corvette Z06. AUTO BILD hat beide in den USA zum Duell gebeten. Wer zieht schneller?

Wir nannten sie "Spaghetti-Western" – die schrillen, stets nach ähnlichem Muster gedrehten Spielfilme von Sergio Leone und Co. Die Helden: einsame Reiter mit unfassbar schnell ziehender Hand. Der Inhalt: Alle sind hinter schmutzigen Dollars her. Die Musik: spektakulärer Chor zu großem Orchester. Das Ende: fast immer ein furioser Showdown in der Wüste. Da versteht man kaum, warum dieses fesselnde Genre ausgestorben ist. Wird Zeit für eine Wiederbelebung, Regie führen wir diesmal selbst. Unser Hauptdarsteller für die packende Fortsetzung 2008: Der neue Lamborghini Gallardo LP560/4. Steckbrief: Neuer V10-Mittelmotor mit 560 PS, in 3,7 Sekunden schießt der Italiener auf Tempo 100. Den bösen Widersacher mimt ein Experte in Sachen amerikanischer V8-Dramaturgie: Die mit 512 PS bärenstarke Corvette Z06 von Chevrolet. Der Amerikaner reagiert nur einen Wimpernschlag langsamer, braucht zwei Zehntel länger, bis der Tachozeiger die 100 erwischt.

Der Lamborghini LP560/4 ist die perfekte Fahrmaschine

Aber trotz ähnlich gefährlicher Treffsicherheit der beiden – auf den ersten Blick wird klar, dass hier völlig unterschiedliche Charaktere aufeinander zielen. Der breitschultrigen und stämmigen, mit langer Haube und knackigem Hintern typisch proportionierten Corvette stellt sich ein sehniger Athlet entgegen. Flach, kompakt, bis in die hinterste Karosseriesicke aerodynamisch ausgefeilt, markiert der Lamborghini die perfekte Fahrmaschine. Italienisch filigrane Eleganz steht gegen wuchtige Präsenz. Was schöner ist? Geschmacksache. Fragt sich, wer schneller zieht. Dem Gallardo hilft dabei das moderne Arsenal eines Supersportlers. Sein 5,2 Liter-V10-Mittelmotor mit Benzindirekteinspritzung und 40 flirrenden Ventilchen macht's über Drehzahl. Auch wenn der Zehnzylinder bereits ab 1500 Touren kräftig zubeißt – ab 4500 Touren wird noch mal nachgeladen. Dann öffnen sich gefühlt – und gehört – Leistungsschleusen und der Lambo hört nicht auf zu feuern, bis die Drehzahlmessernadel über die 8000er-Marke huscht.

Schalten? Pah, damit müssen sich Gallardo-Piloten nicht abmühen, das macht das (sündhaft teure) E-Drive-Getriebe auf Fingerzug am Paddel hinterm Lenkrad – natürlich rasend schnell (120 Millisekunden). Auf Knopfdruck passiert es auch alltagsgerecht automatisch – aber das passt zum Lambo wie Clint Eastwood in die Lindenstraße. Muss nicht sein. So oder so, der vom rasselnden Gebrüll untermalte Vortrieb ist brachial und selbst bis Tempo 200 auch in Zahlen gefasst (11,8 Sekunden) atemberaubend. Aber die Corvette macht trotz weniger hektischer Geräuschkulisse subjektiv noch mehr Druck. Denn der donnernde V8 ist ein Drehmomentriese im Hubraumrausch. Seine 643 Newtonmeter schüttelt der 7,2-Liter-Achtzylinder scheinbar ab Standgas heraus. Aber: Die brutale Kubik-Macht bringt die Antriebsräder an ihre Grenzen. Gegen das traktionsstarke Allradsystem des Gallardo hat die Heckantriebstechnik des Amis klar das Nachsehen. In den unteren Gängen muss die Elektronik der Corvette den Schlupf unerbittlich zügeln – dabei hat der im Vergleich zum Italiener rund 80 Kilogramm leichtere US-Bolide theoretisch das Zeug zum Gegenhalten.

Zum variabel verteilten Allradantrieb des Lamborghini – im Normalfall geht die Kraft über eine Visco-Kupplung zu 70 Prozent nach hinten – kommt noch eine leicht heckbetonte Gewichtsverteilung. Dazu lässt sich der Lambo dank eines Pakets aus feinfühliger Lenkung und straffer Fahrwerksführung  treffsicher dirigieren. Unter dem Strich stehen so: Null Traktionsprobleme, totale Beherrschbarkeit, enorm präzises Fahrverhalten – bei gleichzeitig erstaunlich ausgefeiltem Federungskomfort. Faszinierend – aber auch unspektakulär und irgendwie synthetisch. Dass ist bei der Corvette ganz anders. Sie fordert. Nicht beim lässigen Kreuzen. Aber unter Feuer. Steigt das Kurventempo, muss man sich stärker konzentrieren als im Gallardo, beherzter zupacken, beim Lenken und Schalten in Bewegung bleiben. Die Z06 lässt arbeiten – und arbeitet selbst. Was der enorm verwindungsfeste, aus  verschweißten Aluminiumprofilen montierte Lamborghini unbeeindruckt überfliegt, kann die nicht ganz so steif gebaute Corvette nur unter leichtem Zittern wegstecken.

Aber lieber eine leichte Erschütterung im Auto, als das große Beben beim Preis. Und da spielt die Corvette ganz groß auf. Denn mit 88.150 Euro verlangt der Ami nur die Hälfte der Gage des Italieners. Der agiert ganz nach der klassischen Western-Devise: Für eine Handvoll Dollar mehr ...

Weitere Details zum Lamborghini Gallardo LP560/4 und zur Corvette Z06 gibt's in der Bildergalerie.
Fahrzeugdaten Lamborghini LP560/4 Corvette Z06
Motor/Einbaulage V10 90°, Mitte längs V8 90° vorn längs
Hubraum 5204 cm³ 7011 cm³
Leistung 412 kW (560 PS) bei 8000/min 377 kW (512 PS) bei 6300/min
Drehmoment 540 Nm bei 6500/min 637 Nm bei 4800/min
0–100 km/h 3,7 s 3,9 s
0–200 km/h 11,8 s 12,6 s
Vmax 325 km/h 320 km/h
Verbrauch (EU-Mix) – CO2 13,7l SP – 327 g/km 14,7l SP – 350 g/km
Leergewicht 1410 kg 1440 kg
Gewichtsverteilung v./h. 43/57 % 51/49 %
Leistungsgewicht 2,5 kg/PS 2,9 kg/PS
Bremsen vorn 8-Kolben-Sattel, Scheiben Ø 365 mm 6-Kolben-Sattel, Scheiben Ø 355 mm
Bremsen hinten 4-Kolben-Sattel, Scheiben Ø 356 mm 4-Kolben-Sattel, Scheibe Ø 340 mm
Länge/Breite/Höhe 4345/1900/1165 mm 4459/1927/1246 mm
Grundpreis 173.740 Euro 88.150 Euro

Autor: Jan Horn

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