Test Lamborghini Gallardo SE

Lamborghini Gallardo SE Lamborghini Gallardo SE

Test Lamborghini Gallardo SE

— 19.01.2006

Angeschwärzt

Auch ein schwarzer Rücken kann entzücken. Der Lamborghini Gallardo SE besticht mit der Technik des Jahrgangs 2006: Ab sofort ziehen den kleinen Stier 520 statt 500 Pferde.

Fahrleistungen und Testverbrauch

Damit hätte der ehrwürdige Ferruccio Lamborghini wohl nie gerechnet: Während die Produktionszahlen seiner Wagen in seiner Amtszeit recht mager waren und auch die späteren Eigner Chrysler und MegaTech den Laden nicht richtig in Schwung brachten, brauchte die aktuelle Konzernmutter Audi weniger als zwei Jahre, um sich über den meistgebauten Lamborghini aller Zeiten zu freuen. Im November 2005 verließ bereits der 3000ste Gallardo das Werk. Ihm am nächsten kommt der Diablo mit 2903 Stück – gebaut innerhalb von zehn Jahren.

Um die gewachsene Kundschaft mit dem kleinen Lambo auch ja nicht zu langweilen, haben die Ingolstädter den erfolgreichen Sproß jetzt ein bißchen überarbeitet. Noch bevor der Gallardo des Jahrgangs 2006 in Serie ging, wurde schnell eine mit dem neuen Modell technisch identische Special Edition (SE) aufgelegt. Auf 250 Stück limitiert, mit besonderer Ausstattung. Grund genug für die solvente Klientel, sich um das Sondermodell zu reißen: Alle Autos wurden noch während der IAA 2005 verkauft.

Unter anderem deswegen, weil der schwarzlackierte Rücken (Dach, Motorhaube, Heckspoiler, Außenspiegel) so unverschämt gut aussieht und ausschließlich dem SE-Modell vorbehalten bleibt. Dazu die titanfarbenen Callisto-Räder, lackierte Bremssättel, innen ein Mix aus normalem und Lochleder in "Nero Perseus" (schwarz), Nähte in Außenfarbe – Lambo-Fan, was willst Du mehr? Sportfahrwerk, Sportlenkrad, Semi-Slicks Pirelli P Zero Corsa und eine Rückfahrkamera? Ebenfalls alles im Paket enthalten. Genau wie der überarbeitete Motor, der samt kürzerer Getriebeübersetzung erst in den künftigen Modellmonaten zum Einsatz kommen wird.

Der Gallardo im Ranking von Oschersleben

Der Zehnzylinder leistet nun 520 statt 500 PS, soll das Auto auf 315 km/h statt 309 km/h beschleunigen und den Sprint auf 100 km/h in glatten vier Sekunden schaffen. Und siehe: Mit gemessenen 4,2 Sekunden liegt der Wert unseres Testwagens mit automatisiertem Getriebe (Option "E-Gear", 9280 Euro) nah an den Werksangaben – und damit ist der Sportwagen erstaunlich schnell. Glaubt man Insidern der Lamborghini-Szene, liegt das nicht nur an den 20 Mehr-PS, sondern auch daran, daß die Kraft früherer Gallardo-Motoren doch recht optimistisch angegeben wurde. Sei's drum – dieser hier beißt richtig.

Der Gallardo SE ist so brachial, wie man das von einem Lamborghini erwartet. Die Schalt-Rucke verdienen ihren Namen: Sie sind deutlich zu spüren und lassen die Power erkennen, die in diesem Stier steckt. Nicht anders beim Runterschalten, wenn die Elektronik Zwischengas befiehlt. Das geschieht ungemein druckvoll und wird von einem heiseren Bellen begleitet. Der ganze Vorgang erinnert an den Ritt auf einem wilden Pferd, bei dem man kräftig an den Zügeln zerren muß, damit der temperamentvolle Gaul wirklich zum Stehen kommt. Wer das automatisierte Getriebe richtig nutzen will, sollte zunächst die lange Betriebsanleitung lesen.

Da steht dann beispielsweise, wann es sich selbständig auf "neutral" stellt (nach fünf Sekunden im Stand), ab welcher Drehzahl es schneller schaltet (ab 5000/min), wann es im Sportmodus beim Überholen automatisch runterschaltet (bei 4000/min), wann man nicht runterschalten kann, weil die Drehzahl dann zu hoch ginge (ab 7600/min), wann es automatisch einen Gang tiefer schaltet (bei 1300/min) – und daß es beim Fahrprogramm "niedrige Haftung" (gemeint ist die Verbindung mit der Straßenoberfläche) bereits bei 3200/min schaltet.

Ausstattung, Preis und technische Daten

Überhaupt: Das Auto ist eine elektrische Wundertüte. Beim Einsteigen in einer stillen Garage hört man es am besten: Erstmal surrt die Pumpe des E-Gear-Getriebes. Kleine Stellmotoren hinterm Armaturenbrett säuseln, nach dem Türzuschlagen fährt die Scheibe hoch. Ab 15 km/h verriegeln die Türen – und wer dann im morgendlichen City-Stau einnickt, wird von den lauten Lüftern im Wagenbug schnell wieder geweckt. Apropos City: Dafür ist dieses Auto wirklich nicht gemacht. Das größte Manko in Sachen Alltagsnutzung ist die Unübersichtlichkeit. Man sitzt zwar perfekt hinterm Volant, doch ab der B-Säule sieht man in Richtung Heck praktisch nichts mehr.

Eine kleine Hilfe ist die Rückfahrkamera (beim SE Serie, sonst gegen 2320 Euro Aufpreis). Auf das Multifunktionsdisplay in der Mittelkonsole projiziert sie das Geschehen hinter dem Heck aus einer Höhe von einem halben Meter in Winkeln von 95 Grad (vertikal) und 130 Grad (horizontal). Das Ganze jedoch so extrem verzerrt, daß man der Optik erst nach langer Eingewöhnung vertraut. Nicht schlimm, aber unangenehm sind die Momente, wenn sich der Allradantrieb beim Manövrieren mit vollem Lenkeinschlag hörbar verspannt.

Es klingt, als würden Reifen in den Radkästen scheuern (was nicht der Fall ist) und den Vortrieb des 164.140 Euro teuren Sportlers hindern. Sehr hilfreich dagegen das optionale Lifting-System (2784 Euro), das den Wagen an der Vorderachse per Knopfdruck um vier Zentimeter anhebt (funktioniert bis 70 km/h) und sicher über gemeine Kanten fährt. Garagenauffahrten verlieren damit ihren Schrecken.

Rundenzeiten und Fazit

Richtig wohl fühlt man sich auf der Autobahn. Hat man die Beschleunigungsspur erreicht, darf der Gallardo endlich zeigen, was er kann. Zum Beispiel vor lauter Kraft förmlich explodieren, dabei vielzylindrig röhren, sich wunderbar direkt lenken lassen, kurz: ein Genuß, auch auf langen Strecken. Zwiespältig der Eindruck auf der Rennstrecke. Klar, der Gallardo ist schnell, in unserer Bestenliste erreicht er überraschend den vierten Rang. Die Reifenschultern – besonders vorn links – halten allerdings keine lange Belastung auf der kurvigen Piste aus. Dann schiebt das Auto deutlich über die Vorderräder, die Rundenzeiten werden schlechter.

Für saubere Drifts mit ausgeschaltetem ESP auf Asphalt mit hohem Reibwert ist der Wagen nicht geeignet – das Mittelmotormonster bleibt zunächst stoisch in der Spur, dann dreht es sich urplötzlich. Wenig erfreulich: Die Bremsen ließen in Oschersleben nach einigen Runden spürbar nach. Und 37,5 Meter Bremsweg mit warmen Bremsen sind kein Ruhmesblatt, fast 40 Meter mit kalten Bremsen erst recht nicht.

Doch so extrem scheinen viele Gallardo-Kunden ihren Wagen gar nicht zu treten: Die Nachfrage nach dem kleinen Lambo spricht ja für sich. Irgend jemand – wahrscheinlich ein Italiener – hat auf den Fahrzeugschein des Test-Gallardo mit Bleistift "Ingolstaat" geschrieben. In der Tat: Wenn Mutter Audi so weitermacht, kann sie mit ihren italienischen Sprößlingen noch eine Menge Staat machen.

Fazit von AUTO BILD SPORTSCARS-Redakteur Roland Löwisch: Schade, daß Lamborghini vom SE nur 250 Stück anbietet – der Farbmix steht dem Gallardo ausgesprochen gut. Der gestärkte Motor wirkt nicht nur kraftvoll, er ist es auch. Daß ein Lambo nur wenig alltagstauglich ist, kann kein Kritikpunkt sein. Daß bei extremer Beanspruchung die Reifen und Bremsen zu früh schlapp machen, schon eher.

Hier ist Ihre Meinung gefragt

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst – also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten für den Lamborghini Gallardo SE. Den Zwischenstand sehen Sie nach Abgabe Ihrer Bewertung.

Autor: Roland Löwisch

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