Test Lamborghini Murciélago LP 640

Lamborghini Murciélago LP 640 Lamborghini Murciélago LP 640

Test Lamborghini Murciélago LP 640

— 12.07.2006

Das stärkste Stück

Im Image-Duell zwischen Ferrari und Lamborghini um den heißesten Serien-Sportwagen punktet jetzt Sant'Agata mit dem Murciélago LP 640. Mit 640 PS stellt er den neuen 599 GTB in den Schatten.

Mit 640 PS der stärkste Seriensportler

Die Tüte ist tiefschwarz und mit einem gelben Stier garniert. Zu finden ist sie unter www.lamborghini.com auf der Accessoire-Seite. Ihr Name: "Sick-Bag". Zu deutsch: "Unwohlsein-Beutel", vulgo: "Kotztüte". Leider ist sie gerade ausverkauft. Fast schon englischer Humor, den die italienische Marke da ins Netz stellt. Doch wer seinen Beifahrer einmal auf kurvig-hügeliger Piste in einem Murciélago durch die Lande katapultierte, weiß, was die Lamborghinis meinen. Vielleicht sollte die Evolution der Tüte noch größer ausfallen. Denn der neue Murciélago LP 640, bei dem das LP nicht etwa für "laut pfeifen", sondern für die Motorposition ("longitudinale posteriore"), zu deutsch: hinten längs, steht, ist ein echter Brecher.

Der Pilot hat keine Zeit, sich um seinen Magen zu kümmern. Schließlich muß er eine Bestie mit 640 PS und 660 Newtonmetern bändigen. Womit allein schon der Sprint auf 100 km/h dazu angetan ist, den Beifahrer spontan nach der Tüte greifen zu lassen. Und Lamborghini grinst dazu. Denn mit dem LP 640 haben die Ragazzi aus Sant'Agata ab sofort den stärksten Seriensportwagen im Angebot. Das soll insbesondere die Nachbarn in Maranello ärgern, die mit ihrem 599 GTB (620 PS) nun wieder nur zweiter Sieger sind.

Aber mit vollen Hosen ist nun mal gut stinken, und so wurden im Zuge der Modellpflege mal eben 60 Mehr-PS generiert – die gesamte Kraft eines Opel Corsa 1.0, eines Fiat Panda 1.2 oder eines Ford Fiesta 1.3. Die Italiener erreichten das vor allem durch eine Hubraumerweiterung von 6,2 auf 6,5 Liter. Zudem wurden schärfere Nockenwellen installiert, der Zylinderkopf überarbeitet, der Ansaugtrakt neu konstruiert sowie die Abgasanlage modifiziert. Damit soll der LP 640 den Sprint in 3,4 Sekunden schaffen (vorher: 3,8) und 340 statt 330 km/h schnell sein.

Ein leichter Gasstoß weckt das Tier

Optisch wirkt der Murciélago nun noch aggressiver. Dafür sorgen die neuen Stoßfänger, ein gewaltiger Heckdiffusor, ein einsames, aber gigantisches Auspuffrohr und extravagante Heckleuchten. War ein Murciélago schon immer ein Ereignis, so ist die neue Version ein Mega-Event. Perfekt fixiert von neuen Sitzschalen, entführt ein beherzter Gasstoß die Insassen in eine andere Welt. Bunte Blumen am Straßenrand werden zu farbigen, horizontalen Strichen, während der brüllende Motor seine Kraft über vier angetriebene Räder auf den Asphalt schleudert. Bei 6000/min steht die volle Leistung zur Verfügung, Drehzahl-Freaks können ihn getrost auch noch 2000 Touren höher zwiebeln.

Dann allerdings muß man seltener schalten – und dabei verpaßt man auch wieder was: das metallische Klackern nämlich, das jeden Zug des Aluminium-Knüppels durch die offene Schaltkulisse begleitet. Gänsehaut wird garantiert. Zumindest für den Fahrer. Der Beifahrer kann sich gerade noch am Griff der Mittelkonsole festklammern, trotzdem findet er nach dem Aussteigen das neue Rhombenmuster der Ledersitze auf seiner Haut wieder. Zweifellos hat der Fahrer hier die besseren Karten: Er verwächst im Handumdrehen mit seinem Untersatz und lernt auch schnell, daß der LP 640 einfach zu fahren ist, solange man ihn nicht an seine Grenzen bringt.

In der Stadt gibt sich der starke Stier lammfromm, wenn sich der Pilot an die Verkehrsregeln hält. Er brüllt nicht, er stottert nicht, er bockt nicht einmal – das Murciélago-Fahrwerk quittiert urbanes Dahinschleichen nicht gleich mit bösen Schlägen bis ins Mark. Dabei läßt sich der Lambo mittels der sportlich schwergängigen und direkten Lenkung auch in kleinste Gassen dirigieren. Die Kupplung tritt sich stramm, aber schließlich hat sie einiges zu trennen. Jenseits der Stadtgrenze fängt das Tier an zu brüllen. Man muß ihm nur Gas geben.

Technische Daten, Fahrleistungen und Preis

Gut zu wissen dabei: Nach rasanter Beschleunigung kann man sich auf die Bremse (im Testwagen waren die optionalen 380-Millimeter-Keramikscheiben installiert) voll verlassen. Druckpunkt und Wirkungsgrad könnten kaum besser sein. Ebenfalls eine gute Idee: die serienmäßig eingebaute Niveauregulierung an der Vorderachse. Denn die normale Bodenfreiheit ist für italienische Bergstraßen und für andere bucklige Pisten zu gering. Auf Knopfdruck gibt es 50 Millimeter mehr Luft unter den Bauch. Aber die Reichweite könnte höher sein: Gerade mal 330 Kilometer verheißt der Bordcomputer bei vollem 100-Liter-Tank.

Das Schlimmste aber ist die Unübersichtlichkeit der Karosserie. Der Beifahrer sollte beim Rangieren assistieren – zumal er sich bestimmt über jede Pause freut. Dem passionierten Lamborghini-Piloten dagegen dürfte wahrscheinlich noch nicht mal beim Preis übel werden: Zehn Prozent mehr als das bislang in rund 2000 Exemplaren gebaute Modell soll der neue LP 640 kosten, in absoluten Zahlen also rund 250.000 Euro. Und damit liegt er um mehr als 35.000 Euro über dem Ferrari 599 GTB – 2:0 für Lamborghini.

Und es geht noch teurer: Glaslamellen über dem Motor, eine Carbon-Innenausstattung oder eine sequentielle Automatik lassen sich gegen satte Aufpreise ordern. Die beste Nachricht für Fahrer aber ist die: Der LP640 ist ab Sommer 2006 zu haben. Die schlechte Nachricht wendet sich an die Beifahrer: Die schwarze Tüte gab es nie. Hier handelt es sich nur um einen Gag von Lamborghini. Und dabei soll es auch bleiben.

Technische Daten: V12-Mittelmotor, längs eingebaut • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 6496 cm³ • Leistung 471 kW (640 PS) bei 8000/min • max. Drehmoment 660 Nm bei 6000/min • Allradantrieb • Sechsgang-Schaltgetriebe • Doppelquerlenkeraufhängung rundum • Scheibenbremsen rundum • Reifen 245/35 ZR 18 vorn, 335/30 ZR 18 hinten • Räder 8,5x18" vorn, 13x18" hinten • Länge/Breite/Höhe 4610/2058/1135 mm • Radstand 2665 mm • Leergewicht 1665 kg • Tankinhalt 100 l • 0–100 km/h in 3,4 s • Höchstgeschwindigkeit 340 km/h • Preis: ca. 250.000 Euro

Autor: Roland Löwisch

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