Test Landwind Fashion

Landwind Fashion Landwind Fashion

Test Landwind Fashion

— 29.09.2006

Der China-Kracher

Ein großer Van aus China zum Preis eines Kleinwagens: In Paris steht der Landwind Fashion. Erste Fahrt im 12.000-Euro-Siebensitzer.

Der chinesische Autobauer Landwind stellt auf dem Pariser Salon einen Van vor. Fashion heißt der Siebensitzer zum Knüller-Preis. Doch woher weht eigentlich der Landwind? Der Katalog der Schweizer "Automobil-Revue" vermeldet: "Jiangling Motors, Nanjang, China. Lizenznehmer von Suzuki und Mitsubishi." In Deutschland bekam Landwind kräftig Gegenwind, als der Opel-Frontera-Nachbau beim ADAC den schlechtesten Crashtest seit 20 Jahren ablieferte. Das war vor fast genau einem Jahr. Jetzt holen die Chinesen wieder tief Luft und wollen mit dem Landwind Fashion auf den europäischen Markt kommen. Genauer: Die Landwind Motor Corporation im belgischen Brasschaat bei Antwerben besitzt die Lizenz, die Marke in Europa zu vertreiben. Am Pariser Autosalon steht der Siebensitzer, ich konnte ihn bereits fahren.

Mit deutscher Hochnäsigkeit, schließlich stamme ich ja aus dem Land, in dem einst das Auto erfunden wurde, nähere ich mich dem 4,50-Meter-Van. Und schlucke. Mein erster Eindruck: Donnerwetter, der sieht ja richtig gut aus. Kein Wunder, das Design stammt von Idea aus Turin. Der zweite Blick aber verrät sofort: Verarbeitung wie eine Peking-Ente, die vom Warmhalte-Tablett gefallen ist. Doch ich lächle mehr süß als sauer, weil ich mir den geplanten Endpreis von 12.000 Euro genüsslich auf der Zunge zergehen lasse.

Schlampige Verarbeitung, aber der Preis ist heiß

12.000 Euro. So wenig kostet ein VW Polo. Da hält selbst der pingeligste Beschauer erst mal die Klappe und öffnet die Tür. Sie hat einen recht kleinen Öffnungswinkel, macht den Platz auf das samtig bezogene Gestühl frei. Es thront auf einer robusten Konsole, die von einem Geländewagen stammen könnte. Aber alles ist am Fahrersitz dran: Eine Ratsche für die Höhenverstellung, ein Handrad für die Lordosen(Rücken)-stütze. Griff zum Kranz der Servolenkung. Höhen- und Reichweiten-Verstellung? Selbstverständlich vorhanden. Blick auf die Armaturen. Sauber gezeichnet, alles im doppelten Sinne schnell begreifbar. Kein iDrive-Gedöns, kein Pilotenkanzel-Verwirrspiel. Jeder Fahranfänger kann Radio, Klimaanlage, Heizung oder Lüftung (alles Serie) sofort bedienen. Kleiner Schatten: Die hell bezogene Armaturentafel sorgt bei Gegenlicht für lästige Eigenblendung. Den Fehler begehen aber auch namhafte deutsche Hersteller.

Schlüssel gedreht, der Zeiger des Tourenzählers rührt sich sofort. 105 Benzin-PS können sich in Bewegung setzen. Griff zum Fünfgang-Knüppel – und los. Zweites Aha-Erlebnis: Bis auf eine ungenaue Schaltgasse lässt sich mit dem Landwind prima blasen. Da der Tacho erst taufrische 25 Kilometer anzeigt, gebe ich nur verhalten Gas. Mit geschlossenen Augen würde jetzt kein Beifahrer auf einen Exoten aus dem Reich der Mitte schließen. Der Fashion klingt wie Millionen Vans auf dieser Welt. Und er fährt auch so. Die Lenkung vermittelt guten Fahrbahnkontakt, das Fahrwerk ist angenehm straff. Wieder bin ich verblüfft. Egal wo ich hinsehe, ob in die schiefen Fugen der Verkleidungen, ob auf den Flugrost der hinteren Notsitzhalte oder die teils abgefallenen, aus Fahrradschlauch-Schnippseln schnippelten Stoßkanten irgendwelcher Deckel – trotz aller Nachlässigkeit: Nichts scheppert oder knistert, trotz vieler Handarbeit. Sogar der Radmutternschlüssel zeigt noch die Spuren des Schleifsteins, mit dem der Grat grob entfernt wurde.

Motoren von VW. Oder nicht? Oder vielleicht doch?

Wie einst die Japaner, so pflegen auch die Chinesen die Kunst des Kopierens. Kunst? Die Rücksitze und ihr Faltsystem entstammen original dem Opel Zafira. Nur eines haben die Chinesen den gesetzlichen Vorschriften (noch?) nicht angepasst: Auf der Dreierbank müssen Neuwagen heute einen Dreipunktegurt auch in der Mitte haben. Landwind begnügt sich hier mit einem einfachen Beckengut. Sicherheitsfans werden schutzkissenmäßig nicht verwöhnt, im Fashion müssen sie sich mit zwei Front-Airbags begnügen. Dafür soll die ABS-Bremse aber auch schon eine elektronische Bremskraftverteilung (EBD) haben. Vier kräftige Scheiben stecken hinter den kleinen 15-Zoll-Rädern, vorn sogar mit Innenbelüftung.

Das Herz des Landwind, der Motor (1,6 Liter mit 105 PS oder ein Zweiliter mit 140 PS, ein Diesel ist in der Entwicklung) gibt wieder Rätsel auf. Die einen sagen, er stamme von Volkswagen. Andere wollen wissen, dass die Aggregate in Graz entwickelt wurden. Klar ist nur, dass ein chinesischer Zulieferer die Maschinen baut. Was möglichen Interessenten bei dem Preis vermutlich ziemlich schnuppe sein wird. Wichtig ist doch, dass er hält. Und das soll er ab April nächsten Jahres beweisen, dann soll er die Europa-Zulassung haben.

Fazit Anfang 2007 soll der Fashion alle Crashtests bestanden haben und die europäische Zulassung besitzen. Ab April wird dann der Verkauf beginnen, das Händlernetz von derzeit nahe null auf über 200 Stützpunkte wachsen. Wenn der Preis von 12.000 Euro wirklich gehalten wird, dann werden Sie und ich kaum um eine Probefahrt herumkommen. Denn in Zeiten, in denen nur Steuern und Vorstandsgehälter steigen, könnte Landwind zur Marke des kleinen Mannes werden.

Autor: Diether Rodatz

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