Test Lotus Europa S

Fahrbericht Lotus Europa S Fahrbericht Lotus Europa S

Test Lotus Europa S

— 25.09.2006

Der Europa-Express

Lust am Leichtbau: Weniger radikal als Elise und Exige bleibt auch der neue Europa S ein waschechter Lotus.

Messerscharfes Design für 49.100 Euro

Die trauen sich was, die Briten. Nicht nur, dass sie Speisen gern mit Pfefferminzsauce abschmecken, ihr Bier absichtlich lauwarm trinken und vorsätzlich auf der falschen Straßenseite fahren. Nein, die britische Automarke Lotus belebt mit dem Europa S ab Oktober 2006 ausgerechnet jenen Namen wieder, der zumindest bei mir für einen der skurrilsten aller Insel-Sportler steht. An Mut und Selbstbewusstsein mangelt es der 100-prozentigen Proton-Tochter anscheinend nicht, das beweist auch der Preis. Inklusive Überführung und erster Inspektion müssen 49.100 Euro lockergemacht werden, um den 3,90 Meter kurzen und nur 1,12 Meter flachen Zweisitzer zu erwerben. Der gleich starke Audi TT steht schon für 31.900 Euro in der Liste, ein BMW Z4 Coupé mit 265 PS gibt es für 38.900 Euro, und im Porsche Cayman kosten 245 PS 47.647 Euro. Schauen wir doch mal, was den Briten dennoch reizvoll macht.

Keine Massenware: Der Europa S kostet 49.000 Euro.

Zunächst einmal die gewohnte Portion Extravaganz, die einen erheblichen Anteil daran hat, dass es die Marke Lotus überhaupt noch gibt. Auch wenn der Europa S weniger schrill wirkt als ein Exige oder eine Elise, mit denen er sich die technische Basis teilt, macht sein messerscharfes Design ihn doch absolut unverwechselbar. Einen Europa S finden Sie ganz bestimmt nicht an jeder Hausecke. Auch nicht an jeder zweiten oder dritten. Sie müssen schon sehr lange suchen, um das gelb-grüne Lotus-Logo zu entdecken.

Letztes Jahr fanden sich in Deutschland gerade mal 100 Lotus-Liebhaber zum Kauf bereit, vom Europa S sollen bei uns jährlich nur 50 bis 60 Exemplare (weltweit 500) den Weg auf auf die Straße finden. Schade eigentlich, denn damit entgeht mehreren Millionen Autofahrern ein ziemlich aufregender Sportwagen mit eingebauter Spaß-Garantie. Die ebenso serienmäßig zum Europa S gehört wie zwei Airbags, ABS, Klimaanlage, Radio-Navigationsgerät oder Lederausstattung. Einziges Extra ist tatsächlich die Lackierung (Metallic ab 910 Euro).

Jährlich sollen bei uns nur 50 bis 60 Exemplare verkauft werden.

Doch zurück zum Wesentlichen, dem fulminanten Fahrerlebnis. Weil der von General Motors entliehene Zweiliter-Turbo mit seinen hellwachen 200 PS nur auf lächerliche 995 Kilo Leergewicht trifft, sehen das erstaunte Publikum und die erwähnten Konkurrenten allenfalls noch das Heck des Höllenreiters aus Hethel. Da schaut so mancher Sportwagenfahrer ziemlich bescheiden und vielleicht auch frustriert in das doppelte Mittelendrohr des Lotus. Die versprochenen 5,9 Sekunden auf 100 km/h glaube ich jedenfalls sofort, so gradlinig und gierig geht der Europa S vorwärts. Bis 3000 Touren gibt sich der Lotus noch ganz als braver Vierzylinder, der auch in jedem Opel stecken könnte. Weder Sound noch Schub lassen erahnen, was bei weiter durchgestrecktem Gasfuß losbricht. Sonor schnaubend und schlürfend schießt der englische Europäer nach vorn und lässt seiner Drehfreude ungebremsten Lauf.

Technische Daten

Ein rotes Blinklicht im Cockpit und ein unerwartet lustvolles Brüllen mahnen bei 6200 Umdrehungen schließlich zum Schalten. Eine leichte Übung. Flüssig flippert die rechte Hand durch die sechs Gänge. Erst bei Tempo 242 endet die englische Eroberungswut, zwischendurch jubeln wir mit dem Wastgate des Turboladers entzückt um die Wette. Und wer es unbedingt darauf anlegt, markiert sein Europa-Revier mit 225 Millimeter breiten Grenzlinien aus schwarzem Gummi-Abrieb.

Im Lotus-Cockpit fühlen sich Sportwagen-Puristen sauwohl.

Wem die gebotenen 200 PS nicht reichen oder wer sie für zu viel des Guten hält, der sollte sich gedulden. Denkbar sind ab 2008 ein Basis-Europa mit 170 PS und ein Europa R mit 250 PS – in diesen Leistungsstufen finden wir den Zweiliter-Turbo jedenfalls bei Opel. Weil der Europa S anders als sein Geschwister Exige und Elise ein Kind der Straße sein soll und kein Rennstrecken-Rambo, fällt auch der Komfort spürbar besser aus. Nicht, dass Fahrbahnfehler plötzlich unbemerkt an uns vorübergingen. Nein, nein. Sie hinterlassen aber nicht gleich einen maßstabsgerechten Abdruck in unseren Bandscheiben oder lassen den Zahnersatz wackeln. Mit gesunder Härte und ausreichendem Feingefühl schneidet der Europa S durch die Landschaft, als gäbe es weder Blitzfallen noch Benzinpreise.

Die direkte Lenkung, die knackige Schaltung und das präzise Fahrverhalten verführen eigentlich pausenlos zur Ordnungswidrigkeit – wenn nicht zu Schlimmerem. Für Übermut und Leichtsinn bleibt trotz der etwas verbesserten Platzverhältnisse und des leichteren Einstieges dennoch null Raum. Der Mittelmotorsportler will von kundiger Hand geführt und mit Weitsicht bewegt werden. Hier wacht keine Elektronik darüber, ob das Heck in der Spur bleibt oder vorlaut zur Seite schielt.

Zwischen Fahrersitz und Kofferraum: der 200 PS starke Zweiliter-Turbo.

Gegenüber einem geräumigen, komfortablen und narrensicheren Elfer wirkt der Europa in solchen Momenten tatsächlich wie ein ungezähmtes Raubtier: wild und irgendwie etwas anachronistisch. Doch in einer Zeit, in der die elektronische Bevormundung des Autofahrers kaum noch Grenzen kennt, wirkt diese Reduzierung auf die reine Fahrfreude ausgesprochen attraktiv. In diesem Punkt bleibt auch der Europa S, der die letzte Radikalität auslässt, der unangepasste britische Punk. Und genau dafür lieben wir die Engländer. Trotz Minzsauce, warmem Ale und Linksverkehr.

Technische Daten Lotus Europa S • Vierzylinder-Mittelmotor • Turbolader • vier Ventile pro Zylinder • zwei oben liegende Nockenwellen • Hubraum 1998 cm³ • Leistung 147 kW (200 PS) bei 5400/min • maximales Drehmoment 272 Nm bei 5000/min • Hinterradantrieb • Sechsganggetriebe • Tankinhalt 44 Liter • L/B/H 3900/1714/1120 mm • Reifen vorne 175/55 R17, hinten 225/45 R17 • Spitze 242 km/h • 0–100 km/h in 5,9 s • Verbrauch (Mix) 9,3 l Super/100 km • Preis 49.100 Euro

Autor: Gerald Czajka

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