Test Maserati Gran Turismo

Maserati GranTurismo Maserati GranTurismo

Test Maserati Gran Turismo

— 24.07.2007

Ein grandioser GT

Frauen, sperrt Euren Männern die Konten. Hier kommt die größte italienische Versuchung seit Ornella Muti. Das neue Maserati Coupé ist zwar nicht perfekt, doch als Gesamtkunstwerk zeigt es ähnlich berauschende Wirkung wie ein 2000er Brunello-Rotwein.

Wie war das damals mit der Liebe auf den ersten Blick? Schmetterlinge im Bauch, Hummeln in der Hose und Herzklopfen bis ins Morgengrauen. Aus dem Hin-und-weg-Alter müsste man mit 55 eigentlich raus sein, doch diese Theorie ist leider so grau wie die Haare auf dem Kopf, den dieser Maserati soeben gründlich verdreht hat. Diese Proportionen! Der Radstand ist zwar 125 Millimeter kürzer als beim Quattroporte, doch das Blech wölbt sich noch verführerischer über den breit ausgestellten Radhäusern. Was für eine Figur! Schlank um die Taille, mit knackigem Heckabschluss und als Blickfang eine beinahe phallische Motorhaube, unter der bequem ein V12 Platz hätte. Doch auch der V8 bringt beste Erbanlagen mit, denn sein Stammbaum schlug schon in Maranello (Ferrari F 430) und in Arese (Alfa 8C) kräftige Wurzeln. Im Gran Turismo leistet das 4,2-Liter-Schnurrwerk 405 PS – genug, um den 1880 Kilo schweren Italiener in 5,2 Sekunden von null auf 100 zu wuchten. Nicht schlecht, aber das aktuelle Gran-Sport-Coupé springt fast 0,4 Sekunden schneller auf Tempo 100. Zu diesem Thema fallen uns spontan zwei Lösungsvorschläge ein. Erstens der 450 PS starke 4,7-Liter aus dem Alfa 8C. Und zweitens ein aufgeladener V8, der als Biturbo dort anknüpfen könnte, wo die Shamals und Karifs einst leider den roten Faden verloren haben.

Bravo: Italo-V8 plus deutsche Automatik

Keine billigen Kompromisse: Das Cockpit ist top verarbeitet.

Zum aktuellen italienischen Vierventiler passt hervorragend die deutsche Sechsstufen-Automatik, die je nach Ansage mit spitzen Zähnen oder mit geschürzten Lippen den Kraftfluss regelt. Man kann schalten lassen oder mit den Zeigefingern selbst ins Geschehen eingreifen, wobei der manuelle Modus in Abhängigkeit von der Fahrweise zwischen sechs und 25 Sekunden lang gehalten wird. Erfreulicherweise funktionieren selbst in M spontane Kick-downs und rettende Hochschaltmanöver. Gegen Aufpreis liefert Maserati den Zweitürer mit der verstellbaren Skyhook-Radaufhängung. Die vier „Himmelshaken“ sind schon in Verbindung mit den serienmäßigen 19-Zöllern bodenständig erdverbunden. Im Sportprogramm wechselt die Dämpferkennung dann von lieblich zu herb. Gleichzeitig geht der Motor in Habtachtstellung, und das Getriebe bemüht sich, früh herunter- und spät hochzuschalten.

Doch selbst im Dynamik-Trim bewahrt der Maserati die coole Grandezza des souveränen Gleiters, der seinen langen, heißen Atem aus der Tiefe des Drehzahlkellers schöpft. Nur schade, dass dieses Luftholen akustisch zu wenig an jene italienischen Tenöre erinnert, die uns im Lauf der Jahre fast um den Verstand gesungen haben. Die Lenkung ist zwar kein messerscharfes Präzisionsinstrument, aber sie arbeitet prompt und mit der gewünschten Rückmeldung. Besonders stolz sind die Maserati-Ingenieure auf die Bremsen, die das Über-Coupé laut Werksangabe aus 100 km/h in nur 35 Metern zum Stehen bringen sollen. Das mag stimmen, verrät aber nicht die ganze Wahrheit. Statt spontan zu verzögern, reagiert die Brembo-Anlage nämlich schon auf den ersten Pedalbefehl allzu lässig. Das bedeutet, dass man in der Folgephase umso kräftiger zutreten muss, ohne dabei das Gefühl einer Zeitraffer-Energievernichtung à la Ferrari vermittelt zu bekommen. Sehr engagierte Fahrer sollten um der Nachhaltigkeit willen simultan stets einen oder zwei Gänge zurückschalten.

Großer Tänzer in den Dolomiten

Kurvenwedler: 51 Prozent des Gewichts auf dem Heck machen Laune.

Der mit einer leicht heckbetonten Gewichtsverteilung von 49 zu 51 Prozent gesegnete Maserati wedelt mit einer Lässigkeit um die Ecken, die man sonst nur von Mittelmotor-Autos kennt. Mit abgeschalteter Stabilitätskontrolle wird die Straße endgültig zur großen Bühne und der Gran Turismo zum souveränen Eintänzer. Dieser führt uns derart meisterlich durch die Kurven, dass man mitten in den Dolomiten beginnt, jede Kehre mit einem Freudengeschrei zu begrüßen. Zu diesem unerwartet zugänglichen Bewegungsablauf passt der gediegene Rahmen, indem eingelenkt, gegengelenkt und Kurs gehalten wird. Der GT bietet nicht nur alle Funktionalitäten der Neuzeit, sondern auch jenes herrschaftliche Flair, das die Marke einst groß gemacht hat. Selbst abgeklärte Typen trennen sich nach einer ruck, zuck leergesaugten Tankfüllung nur ungern von diesem Coupé. Glücklich, wer diesen Schmerz lindern kann – mit einem Scheck über 112.000 Euro.

Fazit von AUTO BILD-Autor Georg Kacher

Dieser Dreizack trifft mitten ins Herz. Der GT sieht toll aus, ist unitalienisch gut verarbeitet und überkomplett ausgestattet. Klar – er könnte besser bremsen und ein wenig besser gehen. Aber die Art, wie dieses Coupé sich bewegt und bewegen lässt, die raubt uns den Schlaf. Wie wär's mit einem Überziehungskredit?

Autor: Georg Kacher

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