Test Mercedes-Benz R 320 CDI

Mercedes-Benz R 320 CDI Mercedes-Benz R 320 CDI

Test Mercedes-Benz R 320 CDI

— 22.12.2005

Die Rätsel-Klasse

Der große neue Mercedes wirft viele Fragen auf: Ist er ein Kombi, ein Van, ein SUV – oder von jedem etwas? AUTO BILD auf Spurensuche.

Wirklich die eierlegende Wollmilchsau?

Was bin ich? Rätselraten um die R-Klasse. Die Werbetexter von Mercedes helfen gern weiter: "Die R-Klasse vereint die Vorteile von sportlicher Limousine, Van, Kombi und SUV." Hört sich gut an. Was die Gattungen im einzelnen bedeuten, ist mir schon klar. Die sportliche Limousine ist ein dynamischer Dienstwagen, bei Mercedes zudem ein repräsentativer. Ein Van steht für Raumangebot und Variabilität. Der Kombi glänzt mit üppig Platz im Gepäckabteil. Und das SUV ist ein hochgelegter Allrad-Alleskönner.

Und nun soll also ein einziges Auto all das können, wofür wir bislang vier brauchten. Klingt verführerisch. Aber was, bitte, ist repräsentativ daran, daß bei einem Wagen der 50.000-Euro-Aufwärts-Kategorie so gut wie kein Karosseriespaltmaß ebenmäßig verläuft? Derartig offensichtliche Verarbeitungsschwächen sind nicht akzeptabel. Erst recht nicht, wenn ein Stern im Grill blitzt. Auch die Komfortausstattung hat mit Oberklasse wenig zu tun. Leder, Mehrzonen-Klimaautomatik, Xenonlicht und Sitzheizung müssen selbst in dieser Preisklasse noch extra bezahlt werden. Dafür wirft die R-Klasse schiere Größe in die Waagschale. Länger als ein E-Klasse T-Modell, breiter als eine M-Klasse, deutlich höher als eine S-Klasse, dürfte der R deutsche Normgaragen vor große Probleme stellen.

Um so erstaunlicher, daß der Innenraum des R 320 CDI scheinbar wenig von den verschwenderischen Dimensionen profitiert. Jedenfalls mit Van-Maßstäben betrachtet, steht die R-Klasse nicht besonders luftig da. Stelle ich (1,86 Meter) den Fahrersitz so ein, wie ich es bei einem (Mercedes-)Fahrtraining gelernt habe – möglichst hoch, Lehne wenig geneigt –, wird es eng. Der Längsverstellbereich ist dann zu knapp. Nur wenige Zentimeter vor meiner Stirn macht sich der vordere Dach-Querholm bedrohlich breit.

Betriebskosten, Garantien, Preise

Auch ganz hinten fehlt es auf den beiden Plätzen an wichtigen Millimetern. Mit leicht geneigter Lehne stoße ich an das Dach. Bei etwas steilerer Einstellung sitze ich dagegen arg gekrümmt. Diese dritte Reihe ist nur Kindern oder allenfalls kleinen Erwachsenen zuzumuten. Apropos Kinder: Hoffentlich entdecken die nicht so bald, daß sich die Hecklappe von innen – selbst während der Fahrt – öffnen läßt. Dennoch: Das Raumgefühl der R-Klasse ist – auch durch die Einzelsitze in Reihe zwei – insgesamt ordentlich.

Die Sitze vorn und in der Mitte bieten auf Langstrecken bequemen Komfort. Die Variabilität ist dank vier faltbarer Sitze hoch. Nachteil der komplexen Falt-Mechanik: Zwischen den zusammengelegten Sitzen bleiben Kleinteile verschluckende Lücken, die Hebel am Gestell der Mittelsitze erfordern Kraftaufwand. Nächste Frage: Wie dynamisch kann ein Auto sein, das angenehm weich (hinten zudem auf Luftbälgen) gefedert, gute 2,3 Tonnen schwer und mit dem Radstand eines Kleintransporters gesegnet ist?

Sagen wir es mal so: Zumindest die Längsdynamik stimmt. Das auch unter Vollast sorgfältig schaltende Siebengang-Automatikgetriebe hält die Motordrehzahl in drehmomentstarken Bereichen. Der permanente Allradantrieb sorgt für beste Traktion, der Dreiliter-Turbodiesel mit 224 PS ist bärenstark. So etwas ergibt ansehnliche – wenn auch nicht gerade sportliche – Beschleunigungswerte. Zum Vergleich: Ein 140 PS starker VW Golf TDI spurtet zwei Zehntelsekunden langsamer auf Tempo 100.

Werksangaben und Testwerte

Überholmanöver sind fix abgehakt. Nur die manchmal mehrere Gänge abwärts schaltende Automatik könnte spontaner reagieren. Dafür geht der stets vernehmbare V6-Diesel des Mercedes beruhigend umsichtig mit den Spritreserven um. Meist reichen dem schweren Trumm um die zehn Liter für 100 Kilometer. Mit leichter Seitenneigung und relativ viel Lenkarbeit geht es in Kurven, forsche Abbiegemanöver quittiert die R-Klasse zunächst mit ausgeprägtem Untersteuern, gleich darauf mit enorm strengen Eingriffen ins Bremssystem durch die ESP-Regelelektronik. Klare Antwort also auf die Dynamik-Frage: Slalom-Hektik beherrschen andere deutlich besser.

Ähnlich steht es um den Federungskomfort. Insgesamt rollt der R sanft ab, steckt die meisten Unebenheiten der Straße souverän weg. Nur auf grobe Querfugen reagiert der Mercedes unsensibel – diese Kanten passiert der R 320 mit Nachzittern im Achsgebälk. Bis hierhin gilt also: Kein Sportler, kein Platzkönig, kein Luxusliner – also doch "nur" ein Transportwunder? Die Zuladung ist mit knapp über einer halben Tonne noch in Ordnung, das Volumen des Kofferraums dagegen ist zwar kein Van-, aber gutes Kombi- Niveau. Maximal 1950 Liter passen hinein – exakt soviel schluckt ein Mercedes E-Klasse T-Modell. Die 2100 Kilo Anhängelast des 320 CDI sind dagegen keineswegs SUV-konform. So bleibt die R-kenntnis: Der R ist von allem etwas, aber nirgends wegweisend. Ich gebe zu: Werbung hört sich besser an.

Hier ist Ihre Meinung gefragt

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst – also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten für den Mercedes-Benz R 320 CDI. Den Zwischenstand sehen Sie nach Abgabe Ihrer Bewertung.

Autor: Jan Horn

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