Test CLK DTM AMG Cabrio

Mercedes-Benz CLK DTM AMG Cabrio Mercedes-Benz CLK DTM AMG Cabrio

Test Mercedes CLK DTM AMG Cabrio

— 11.09.2006

Offen und gefährlich

An Bord dieses kompromisslosen Spaßgeräts geht es für jede Frisur um Leben und Tod: Das 582 PS starke Mercedes CLK DTM AMG Cabrio erfüllt den ausgelutschten Begriff "Frischluft" mit neuem Leben.

Regentropfen haben etwas Beruhigendes. Vor allem in diesem Wagen. Im Mercedes CLK DTM AMG Cabrio besänftigt leises Prasseln nicht nur das Gemüt, sondern auch mein Gewissen. Eigentlich müsste ich ihn mal offen fahren, hatte ich mir beim Frühstück vorgenommen. Dem mechanischen Motorgeräusch des V8-Kompressors ungefiltert zuhören wie der eigenen Lieblings-CD. So eine Chance, die kommt vielleicht nie wieder. Dann fing es an zu regnen. Das Verdeck blieb zu. Es war ein gutes Gefühl, sich der Frage nicht stellen zu müssen: offen oder geschlossen? Sondern einfach abzutauchen unter das schwarze Stoffverdeck. Sich zu verschanzen hinter hochgefahrenen Fensterscheiben, tief sitzend im grauen Alcantara-Schalensitz. Damit süffisante Blicke und dumme Sprüche einfach am Mercedes abprallen. Denn der CLK DTM ist der schnellste offene Viersitzer der Welt, ein Hingucker, wie aus Hollywood importiert. So auffällig zurechtgemacht sieht er aus: tief heruntergezogene Frontschürze, breite Kotflügel, die Heckpartie in Diffusor-Carbonoptik mit einem Spoiler in Modellflugzeug-Maßen. Motorhaube, Türen und Kotflügel sind aus leichter Kohlefaser. Vorn stützt sich der Achtzylinder auf 19-Zöller, hinten sind die Reifen sogar noch eine Nummer größer. Die machen schon im Stand viel Wind.

Ungeduldig flippert das digitale Drehzahlband im Tacho

Offen und gefährlich: Auf kein anderes Cabrio passt die Beschreibung besser, als auf die ...

Mit einem metallischen Rasseln erwacht der 5,5-Liter-V8 zum Leben, ein bekanntes Aggregat aus der AMG-Abteilung, im DTM allerdings leicht verändert. Ungeduldig flippert das digitale Drehzahlband im Tacho, wenn ich das Gaspedal drücke. 582 PS fallen dann über 28,5 Zentimeter breite Hinterräder her und beschleunigen den Mercedes in 2,6 Sekunden auf Tempo 50. Wenn andere Autofahrer erst den Gang einlegen, ist das Cabrio schon auf 100. 22,5 Sekunden später und im Display erscheint: 250 km/h. Dieselbe Zeit benötigt das Softtop, um sich in den Kofferraum zu falten. Alleine deshalb schon sollte das Verdeck geschlossen bleiben. Auch weil der Wind bei Tempo 300 an den Haaren reißt. Und der CLK jedes laue Lüftchen zum Orkan steigert, Knoten flechtet und aus dem schönsten Sonnen-Tag einen Bad-Hair-Day macht. Offen gefragt: Warum gibt es Sportwagen auch als Cabrio?



Der CLK ist "One out of 100", einer von limitierten 100 Stück. Jedes Cabrio zum Preis eines Einfamilienhauses mit der Gemütlichkeit eines modernen CD-Regals. Großteile des Innenraums wie die Türinnenverkleidung baute AMG aus Carbon, in der Mittelkonsole glänzt die Wählhebelkulisse silbern. Beim Beschleunigen auf der Rennstrecke werden die Gänge blitzschnell eingelegt. Im manuellen Modus greift die Automatik erst gar nicht ein und hält die Gänge fest. Bis sich der Fahrer erbarmt und per Schaltwippen am Lenkrad den Wagen aus dem roten Bereich befreit. Nur beim Stopp wählt der AMG-Mercedes automatisch den ersten Gang an.

Cabrio mit Slot für den Alltag 

Hemmungslos dreht der Wagen bis zum Begrenzer, auf der Rennstrecke verhält er sich neutral und neigt nur beim Herausbeschleunigen zum leichten Untersteuern. Vor dem Abflug fängt ESP den CLK wieder ein. Zum Deaktivieren des Schleuderschutzes gibt es einen Kippschalter, komplett lahmlegen lässt sich der Sicherheitsanker allerdings nicht. Denn das Cabrio besitzt vor allem einen Slot für den Alltag. Was ihn nicht weicher macht. Denn das Gewindefahrwerk mit Lamellendifferenzialsperre geht mit aller Härte zu Werke. Beim Federn scheuern die riesigen Gummiwalzen in den Radhäusern, in Tiefgaragen-Ausfahrten neigt das Cabrio zum Aufliegen. Mit etwas Nachsicht ist der CLK aber erstaunlich alltagstauglich. Das mit Wildleder eingeschlagene Lenkrad bewegt sich zwar schwer, garantiert dafür aber Spurtreue auf der Autobahn bis zum Abregeln der Elektronik. Der Wendekreis liegt mit 13,5 Metern immerhin noch auf dem Niveau eines Geländewagens.

38,2 Meter – in diesem Auto ein enttäuschender Bremsweg

Enttäuschend: 38,2 Meter aus Tempo 100 sind vier Meter zu viel.

Beim Einkaufen meistert der DTM-Mercedes so viel wie ein VW Polo, leider bremst er auch so. Trotz belüfteter und gelochter Scheiben in der Hochleistungs-Verbundbremsanlage mit Sechskolben-Festsätteln vorn und Vierkolben-Festsätteln hinten. Das klingt nach Hightech, tatsächlich aber ist der Bremsweg aus Tempo 100 eine einzige Enttäuschung. Während das CLK-DTM-Coupé mit 33,4 Metern den Maßstab in der SPORTSCARS-Wertung neu setzte, benötigt das Cabrio 38,2 Meter. Liegt es am Gewicht? Fakt ist: Für einen Straßen-Pkw, der seine Wurzeln im Rennsport sieht, sind das vier Meter zu viel. Da heißt es fest anschnallen, in den brettharten Schalensitzen. Anders als beim ebenfalls limitierten Coupé kommt das Cabrio mit Serien-Anschnallgurten aus. Die Qual beim Einsteigen bleibt die gleiche. Ein sportliches Auto fordert auch einen sportlichen Fahrer. Zwar schwingt die federleichte Tür weit auf. Der Hintern muss erst über die ausgeformten Wangen gehoben werden. Dann schmiegt sich der Sitz an den Körper. So positioniert der AMG-Mercedes seinen Fahrer für das Abenteuer Alltag und für den Kick auf der Rennstrecke. Wenn nicht Regen den Start dann noch ins Wasser fallen lässt.

Fazit von AUTO BILD-Redakteurin Margret Hucko

Das CLK DTM AMG Cabrio ist ein Rennwagen, der sich – trotz des abstrusen Namens – problemlos auch im Alltag bewegen lässt. Vorausgesetzt, man hat ein Faible für ein spartanisches Interieur und harte Straßenlage. Beeindruckend sind vor allem die Beschleunigungswerte, enttäuschend dagegen die Bremsen. Den Stoffhut des Cabrios sollte man nur in der Stadt ziehen, sonst stehen einem die Haare zu Berge.

Autor: Margret Hucko

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