Test Mercedes S 600/BMW 7er/Jaguar XJ 12

Jaguar XJ 12 XJ40 Mercedes-Benz S 600 L W 140

Test Mercedes S 600, BMW 7er, Jaguar XJ 12

— 20.12.2008

Mit wenig Geld auf dicke Hose

Wir haben 8000 Euro und ein Ziel: Eine Luxuslimousine mit V12 muss her. Zur Auswahl: Nur das Beste von gestern. Mercedes S 600 L, BMW 750i und Jaguar XJ 12!

Auweia! Deutschland steckt knietief in der Rezession. Alle sind ganz hysterisch, schreien wie wild nach Einkaufsschecks. Alle? Nö. Ich nicht. Gestatten: May, Andreas May, Sparfuchs. Hier zeige ich, wie man auch mit überschaubarem Budget den großen Auftritt hinlegen kann, adrett aussieht und 'ne fette Karre fährt. Motto: mit wenig Geld auf dicke Hose. Apropos Hose. Meine ist zwar bequem, aber ein Allerweltsmodell, der Ami-Parka nicht wirklich vorzeigbar. Deshalb geht's vor dem Autokauf zum Edelklamottenladen. Dass die Teile aus zweiter Hand sind – na und? Sieht doch keiner. "Einmal englischer Landlord bitte, aber vom Feinsten", sage ich.

Zum Zwölfzylinder-Kauf im Lord-Outfit

Vor dem Kauf des edlen Zwölfzylinders geht Andreas May in den Second-Hand-Laden.

Der Chef legt los: Cordhose, Tweed-Jacket mit Lederflicken, kariertes Hemd, Seidenschal und eine Mütze kramt er hervor, dazu rahmengenähte Budapester. "Hat mal 1600 Euro gekostet", sagt er. Jetzt will er 400, wünscht Glück beim Autokauf. "Hey", denke ich beim Blick in den Spiegel, "nenn' mich einfach Lord May." So, und jetzt 'nen dicken Schlitten. Ein Zwölfender ist Pflicht. Aber bitte zum Polo-Preis, mehr als 8000 Euro macht der Banker meines Vertrauens nicht locker. Sie wissen ja: die Rezession. Was ich dafür so bekomme – lesen Sie selbst.

Der Luxus-Benz des Milliardärs: Mercedes-Benz S 600 L

"Einmal englischer Land-Lord bitte, aber vom Feinsten." Cord-Hose, Tweed-Jacket und Seidenschal – gestatten, Lord May.

Diese Annonce klingt vielversprechend: Mercedes-Benz S 600 L, Erstbesitzer war einer der größten Mäzene Hamburgs, ein echter Milliardär. Der Preis: fast geschenkt, nur 7900 Euro. Felix Thiede (36) hat den Wagen aus dritter Hand gekauft, jetzt sucht er einen Fan, der schon immer so einen Chauffeur-Benz haben wollte. Thiede ist Chef eines Mercedes-Oldtimer-Clubs, kümmert sich mit Hingabe um die Topmodelle der Stern-Marke. Und er weiß genau, was der W 140 (Bauzeit 1991–1998) in der langen Version 1995 gekostet hat: "Grundpreis 210.220 D-Mark, dazu kam Sonderausstattung für 35.333,75 D-Mark, macht zusammen 245.553,75 D-Mark." Paah! Ein Auto für umgerechnet mehr als 125.000 Euro – jetzt ist es ein Sonderangebot.

Vernachlässigter 600er

Aber der Benz verlangt auch ein wenig Aufmerksamkeit. Von 1995 bis 2005 war er Chauffeur-Auto, wurde entsprechend gepflegt. Bis Kilometerstand 120.000 ist das Scheckheft ausgefüllt. Von 2005 bis 2008 wurde die S-Klasse nur noch gefahren. Jetzt hat sie 242.000 Kilometer auf der Uhr, Rost an Kotflügel und Kofferraumschloss und einen defekten Luftmassenmesser: "Der Motor läuft zu fett, das lass' ich gerade reparieren", erklärt Thiede. Und auch andere Schwachstellen sollte man ernst nehmen: Bremsen und Lenkgetriebe leiden unter dem hohen Gewicht, verschleißen rasch. Ölaustritt an Getriebe und Hinterachsdifferenzial sind ebenfalls bekannt, auch die Hubmechanik des Schiebedachs macht öfter schlapp.

S 600 L: Platz wie in einer Katherdrale und Leistung wie im Sportwagen

Heute ein König: Die Einzelsitzanlage im Fond des 600ers bietet nicht zu steigernden Sitzkomfort.

Lapalien, wenn man erst einmal die Vorzüge dieser S-Klasse erlebt hat: Vorn säuselt der V12-Motor mit seinen 394 PS, hinten verwöhnen zwei elektrisch einstellbare und beheizbare Einzelsitze. So hat sich der Milliardär durch die Lande kutschieren lassen. Schon da warf Thiede ein Auge auf das Dickschiff: "Damals hatte der Wagen einen Diplomaten-Aufkleber auf dem Kofferraum." Das Schild ist ab, die Peilstäbe, die beim Rückwärtsfahren herauskommen, sind geblieben. Dass Thiede den Wagen wiederentdeckte – Zufall. Eigentlich wollte ihn der letzte Besitzer nach Syrien exportieren, das klappte aber nicht. "Wenn ich keinen Käufer finde, behalte ich den Benz", sagt der 36-Jährige. Warum auch nicht? Fazit: Ein fetter Benz für den großen Auftritt – der 1995er Milliardärs-Dienstwagen macht auch 2008 noch was her. Leider wurde er in den letzten Jahren nicht gepflegt. So könnten böse Überraschungen noch folgen.
Technische Daten Mercedes-Benz S 600 L W 140
Motor
Zwölfzylinder-Frontmotor längs eingebaut
Hubraum
5987 ccm
kW (PS) bei U/min
290 (394)/5200
Nm bei U/min
570/3800
Beschleunigung 0-100 km/h
6,6 sec
Höchstgeschwindigkeit
250 km/h
Verbrauch
14,2 Liter Super
Abgasnorm
Euro 2
Baujahr Testwagen 1995
Kilometerstand Testwagen 242.000
Kosten
Inspektion
450 bis 800 Euro
Haftpflicht (Klasse 23)
943 Euro
Teilkasko (Klasse 29)
471 Euro
Vollkasko (Klasse 28)
1846 Euro
Kfz-Steuer (Euro 2)
441 Euro
Kaufpreis Testwagen 7900 Euro
AUTO BILD-Urteil: Empfehlenswert

Das Bayern-Schiff der Staatskanzlei: BMW 750i

Der BMW 750i ist top-gepflegt und dazu auch noch durchgängig nach Scheckheft gewartet – das minimiert das Risiko.

So ließ sich Edmund Stoiber in die Staatskanzlei chauffieren, als er noch König von Bayern war. Ja, der 7er-BMW der Baureihe E38 (Bauzeit 1994–2001) ist ein feines Auto, ein Wagen, mit dem man Eindruck schindet. Erst recht, wenn es ein 750i mit V12-Motor ist. Dieser hier steht bei einem Hamburger Händler, und er steht wirklich gut da. "Wir kaufen meist mehrere Wagen im Paket von Markenhändlern", erklären Ali-Reza (34) und Hossein (26) Zolfaghari. Die Brüder haben in ihrem Showroom einen Ferrari 355 stehen und einen der letzten luftgekühlten Porsche 911 – und viele BMW und Mercedes mit nachvollziehbarer Historie. Der 7er ist so einer.

Neupreis 1999: 102.000 Euro, Gebrauchtpreis 2008: 7985 Euro!

Einzig die hervorstehende Anhängekupplung passt nicht zur eleganten Optik des BMW 750i.

Auf dem Tacho stehen 154.000 Kilometer, im Serviceheft datiert der letzte Eintrag aus Januar 2007, bei Kilometerstand 139.814. Was auffällt: Jeder Service wurde bei ein und demselben BMW-Händler ausgeführt. Ali-Reza Zolfaghari hat das gesamte Zubehör-Paket des 750i aufgelistet: "Leder, Navi und TV, Sechsfach-CD-Wechsler und Sound-paket, Xenonscheinwerfer, Standheizung, Einparkhilfe, Schiebedach, automatische Heckklappenbetätigung – als der BMW zusammengestellt wurde, hat der Käufer überall Kreuzchen gemacht", sagt der Händler. 102.000 Euro kostete der 7er 1999 laut Liste, jetzt wartet er für 7985 Euro auf einen neuen Besitzer.

Die Anhängekupplung passt gar nicht zum mondänen Auftritt des BMW 750i

Edles Cockpit: Der 7er hat Wurzelholz und ein Navigationsgerät mit TV-Empfang.

Und der sollte auf die typischen Schwachstellen achten: Die komplexe Elektronik saugt gern die Batterie leer, Kühlwasserschläuche sind nicht selten porös, die Feststellbremse gammelt fest, Generatoren und Anlasser mucken. Typische BMW-Fehler wie verschlissene Achslager und zu viel Spiel in der Lenkung kennt natürlich auch der 7er. Auch wenn dieser hier aussieht, als wäre der Stoiber Edmund nur kurz zum Aktenstudium entschwunden. Der anthrazitfabene Lack der Limousine glänzt und blitzt. Aber halt! Irgendwas stört. Musste der Vorbesitzer unbedingt auf einer Anhängekupplung bestehen? Das ist ja so sexy wie weiße Tennissocken zum schwarzen Anzug!
Fazit: 7 und 12 – das ist eine klasse Kombination. Dieser 7er von BMW mit Zwölfzylindermotor hat eine nachvollziehbare Historie und ist ein echtes Schnäppchen. Hier stört nur der Fleischerhaken!
Technische Daten BMW 750i E38
Motor
Zwölfzylinder-Frontmotor längs eingebaut
Hubraum
5379 ccm
kW (PS) bei U/min
240 (326)/5000
Nm bei U/min
490/3900
Beschleunigung 0-100 km/h
6,6 sec
Höchstgeschwindigkeit
250 km/h
Verbrauch
11,9 Liter Super
Abgasnorm
Euro 2
Baujahr Testwagen 1999
Kilometerstand Testwagen 154.000
Kosten
Inspektion
400 bis 700 Euro
Haftpflicht (Klasse 23)
889 Euro
Teilkasko (Klasse 28)
306 Euro
Vollkasko (Klasse 27)
1316 Euro
Kfz-Steuer (Euro 2)
397 Euro
Kaufpreis Testwagen 7985 Euro
AUTO BILD-Urteil: Sehr empfehlenswert

Die Raubkatze aus gutem Hause: Jaguar XJ 12

Ein Herrenfahrzeug durch und durch: Lack in British Racing Green und Polster in Champagner-farbigem Leder.

Das Angebot klingt zu schön, um wahr zu sein. Hier will jemand einen Jaguar XJ 12 loswerden, Baujahr 1993, erst 142.600 Kilometer auf der Uhr, topgepflegt, nur im Sommer gefahren, Verkauf aus Altersgründen. Der Preis: schlappe 5500 Euro. Anruf bei einer kleinen Ford-Werkstatt: "Ja, der Herr ist Kunde bei uns, wir vermitteln Ihnen gern einen Termin." Aber bitte doch! Heinz D., ein freundlicher älterer Herr, öffnet die Tür. Er ist 82 Jahre und Architekt, hat eine Vorliebe für englische Autos: "Ich habe einen Morgan Plus 4, einen Range, den Jaguar und für die Stadt einen Alfa GTV. Aber vier Autos sind zu viel."

Der Jaguar XJ12 präsentiert sich in Neuwagen-ähnlichem Zustand

Very British: Im XJ 12 dominieren Leder und Wurzelholz – das Richtige für den Landlord.

Der Jag steht in einer Tiefgarage, sein 311 PS starker Zwölfzylinder springt sofort an und läuft akurat wie ein Uhrwerk. Das cremefarbene Interieur sieht aus, als wäre sein Besitzer nur mit Hausschuhen eingestiegen, alles sauber, alles fein. Er erklärt: "Ich habe den Wagen 1998 aus erster Hand gekauft, der Werkstattmeister erkannte ihn auf Anhieb wieder." Jedes Jahr lässt er eine Inspektion machen. Das ist auch nötig. Der Jaguar mit der Modellbezeichnung XJ40 (Bauzeit 1986–1994) verfügt beispielsweise über Schmiernippel an den Antriebswellen, die regelmäßig frisches Fett brauchen. So gilt für diese Katze: grundsätzlich gesund – bei guter Pflege.

Verkaufsgrund: Zum Herumstehen ist der Jag zu schade

Der V12 säuselt leise, bietet Kraft in jeder Lage und ist bestens gewartet.

Rost ist bei diesem Modell kein Problem, selbst die Mechanik ist handzahm. Probleme bereiten nur kleine Öl-Leckagen, da hilft nur Auswechseln der undichten Wellendichtringe. In diesem Punkt ist die Raubkatze des Herrn D. stubenrein – kein Tropfen Öl ist im Motorbereich zu sehen. Dafür steckt im Wagen der geballte Luxus der frühen 90er-Jahre. Mit Sechsfach-CD-Wechsler im Kofferraum, Schiebedach, Klimaautomatik, Lederausstattung und Schafwoll-Teppichen hat der XJ 12 mal 140.000 D-Mark gekostet, also umgerechnet mehr als 71.000 Euro. Jetzt gibt es die Raubkatze aus gutem Hause zum Sonderpreis. Herr D. erklärt: "Zum Herumstehen ist der Wagen einfach zu schade."
Fazit: Da geht einem das Herz auf: Ein fein gepflegter Jaguar, der dasteht wie neu und für 5500 Euro fast geschenkt ist. Aber bitte regelmäßig zur Inspektion fahren, sonst wird das Kätzchen krank!
Technische Daten Jaguar XJ 12 (XJ40)
Motor
Zwölfzylinder-Frontmotor längs eingebaut
Hubraum
5994 ccm
kW (PS) bei U/min
229 (311)/5400
Nm bei U/min
453/3750
Beschleunigung 0-100 km/h
7,4 sec
Höchstgeschwindigkeit
250 km/h
Verbrauch
15,4 Liter Super
Abgasnorm
Euro 1
Baujahr Testwagen 1993
Kilometerstand Testwagen 142.600
Kosten
Inspektion
450 bis 800 Euro
Haftpflicht (Klasse 20)
722 Euro
Teilkasko (Klasse 25)
243 Euro
Vollkasko (Klasse 28)
1557 Euro
Kfz-Steuer (Euro 2)
901 Euro
Kaufpreis Testwagen 5500 Euro
AUTO BILD-Urteil: Sehr empfehlenswert

Fazit von AUTO BILD-Gebrauchtwagenexperte Andreas May

Alle drei Typen machen Spaß. Der BMW, weil er so jung, sein Scheckheft lückenlos ist. Der Mercedes, weil er mal Milliardärs-Dienstwagen war, alles an Bord hat. Der Jaguar, weil er ein Liebhaberauto ist, dasteht wie frisch aus dem Laden. Welchen nehmen? Der Verstand sagt BMW, das Herz schreit nach Jaguar. Und darauf höre ich: Der Brite ist mein Favorit. Er ist top-gepflegt, er ist ein Traum von Auto. Und er ist der Günstigste unter den Zwölfendern. Da bleiben noch ein paar Euro übrig für Reparaturen.

Autor: Andreas May

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