Test Mitsuoka Orochi

Mitsuoka Orochi Mitsuoka Orochi

Test Mitsuoka Orochi

— 18.09.2007

Die schräge Schlange

Nein, das ist kein Science-Fiction-Auto, sondern ein Sportwagen, den jeder kaufen kann. In Japan ist der Mitsuoka Orochi besonders angesagt. Sein Name bedeutet "Riesige Schlange" – und seine Extrem-Optik lässt jeden Ferrari verblassen.

Denke ich an japanische Autos, kommen mir automatisch die berühmten Kellogg's Cornflakes in den Sinn. Sie wissen schon: die knackigen Maisflocken fürs Frühstück. Alle sehen gleich aus, sind schmackhaft und auch nicht zu teuer. Aber auf die Dauer irgendwie langweilig. Mit den japanischen Autos ist es ja ähnlich. Sie regen vielleicht nicht den Geist an, sind meist auffallend unauffällig, aber ihr weltweiter Erfolg ist unbestreitbar. Doch wer mal wie ich hinter die Kulissen der langweiligen Karossen und des schlichten Geschmacks der großen Autoproduzenten schauen darf, der wird sich wundern. Ja, auch in Japan gibt es sie, die Hinterhof-Künstler und Autoveredler. Einige ihrer Kreationen sind ebenso einmalig wie ausgefallen.

Das ist wirklich richtig schick! Zwei Personen haben üppig Platz in den ledernen Sportsitzen.

Kürzlich stolperte ich über den 1,18 Meter flachen Supersportwagen Orochi von Mitsuoka Motors. Mitsu-was? Was zur Hölle ist denn das? Die Lösung ist einfacher, als ich zuerst dachte: ein bisschen Lexus, ein bisschen Honda und viel, viel Mitsuoka. Plötzlich dämmert es mir. Natürlich, das ist doch der japanische Kleinhersteller, der vor Jahren den Nissan Micra in eine Jaguar Mk.II-Karikatur umstrickte. Und auf Anhieb über 10.000 Stück davon verkaufte. Für alle, die sich jetzt immer noch am Kopf kratzen: Mitsuoka ist Japans erfolgreichster Replika-Bauer und erreichte 1994 mit einer Caterham Seven-Kopie namens Zero-1 Autoherstellerstatus. Voraussetzung hierfür war, dass ein eigenes Chassis entwickelt wurde. Folglich basiert auch der Orochi auf einem selbst entwickelten fahrbaren Untersatz. Hinter dem ganzen Projekt steckt der Autohändler Susumu Mitsuoka, ein bekennender Englandfreund, der für klassisches Autodesign von der Insel schwärmt.

Batmobil oder ein ausgerasteter BMW-Designer?

Ein Auto, wie eine Riesen-Welle. Die schräge Schlange ist eine imposante Erscheinung.

Die Krönung seiner Schöpfungen ist zweifellos das Auto, das Sie hier sehen. Meint jedenfalls Herr Mitsuoka. Ohne ihm nahetreten zu wollen, ich denke im ersten Moment eher an ein neues Batmobil. Oder an einen völlig ausgerasteten BMW-Designer Chris Bangle. Doch vielleicht hat der Orochi auch einfach nur Anleihen bei femininen Körperformen genommen? Wie dem auch sei, das Design des Orochi liefert Diskussionen ohne Ende. Zuerst tauchte die Flunder 2001 auf der Tokyo Motor Show auf, aber erst jetzt geht der von Hand gefertigte Wagen in Serie. Orochi heißt übrigens "riesige Schlange". In Japan kann man ihn für umgerechnet  70.000 Euro kaufen. Mitsuoka zu seinem ersten Sportwagen: "Ich wollte ein Auto bauen, das auffällt wie ein Lamborghini." Das hat er geschafft. Während ich durch Tokio fahre, bleiben die Fußgänger überall wie angewurzelt stehen. Der eigentümliche Grill, die Scheinwerfer – solche Styling-Schwünge besaß noch kein japanischer Flachmann.

Mit viel Fantasie zeigt sich in den runden Rückleuchten und dem vertikalen Heckfenster ein wenig die Inspiration durch alte Ferrari. Sobald sich die Tür öffnet, verstärkt sich diese Illusion. Wie bei Supersportwagen üblich, brauche ich die Biegsamkeit einer Tempeltänzerin, um über die breiten Schweller in das flache Auto gleiten zu können. Als ich ächzend auf dem Leder sitze, holt mich das Cockpit in die Gegenwart zurück. Zwar gibt es reichlich Leder, auch die Verarbeitung ist gut. Doch im Vergleich zum Äußeren sieht alles verdammt normal aus. Mittelkonsole und Wählhebel für die Fünfstufen-Automatik stammen vom Lexus RX 330. Die Leistung erzeugt ein 3,3-Liter-V6 ebenfalls von Lexus. Mindestens zwei Zylinder mehr hätte ich eigentlich erwartet. Das Auto mit dem Mittelmotor mag ja aussehen wie ein Extremsportler, aber mit 231 PS ist der Orochi eher das Gegenteil. Wobei: Für das japanische Maximaltempo von 130 reicht's allemal.

Das Feintuning übernahm ein ehemaliger Cheftester von Mazda

Das Fahrwerk wirkt da schon überzeugender. Das Feintuning übernahm ein ehemaliger Cheftester von Mazda. So bietet der Orochi einen brauchbaren Kompromiss zwischen guter Handlichkeit und ausreichend Komfort, fühlt sich auch in schnell gefahrenen Kurven gut an. Er ist ein Sportwagen, den jeder fahren kann. Aber er ist keinesfalls ein feuriger Renner, sondern eher ein Cruiser. Dafür spricht auch der enttäuschende Auspuffsound: Der klingt nach gar nichts. Leider. Doch den Japanern ist das offenbar ziemlich egal. Nicht das akustische, das optische Auffallen zählt hier. Inzwischen verkauft Mitsuoka mehr Autos, als die Firma bauen kann. Das sind sechs Exemplare pro Monat. Exklusivität ist also garantiert.

Wer ein paar tausend Euro für ein Abgasgutachten übrig hat, wer Scheinwerfer für unseren Rechtsverkehr (um-)bauen kann, wer den Behördenkrieg der Zulassung von rechtsgelenkten Autos nicht scheut, der kann theoretisch alle Exoten importieren. Sollte aber von den Erfahrungen freier Importeure wie etwa euroautoimport.de profitieren. Die kennen alle Details. Bei der später nicht vorhandenen Ersatzteil-Versorgung oder Garantie können sie allerdings auch nicht helfen.

Fazit von AUTO BILD-Testfahrer Peter Lyon

Es gab viele japanische Hersteller, die sich Kleinserien widmeten. Aber wegen hoher Kosten, mangelnder Nachfrage und strenger Crashvorschriften starben fast alle Projekte. Eine Ausnahme ist der Orochi, der die Exklusivität und das Image bietet, auf das viele Japaner abfahren: aufsehenerregend, aber dennoch alltagstauglich. Für das Japan-Limit von 130 km/h reicht es allemal, für die Großserie gibt es die Großen. Die ja auch mit Supersportwagen Erfahrung haben, das große Geschäft aber im Export sehen. Mitsuoka hingegen bleibt im Land.

Technische Daten

Mitsuoka Orochi V6-Mittelmotor • 4 Ventile pro Zylinder • Hubraum 3300 cm³ • Leistung 171 kW (231 PS) • max. Drehmoment 334 Nm • Fünfstufen-Automatik • innenbelüftete Scheibenbremsen vorn • L/B/H 4560/2035/1180 mm • Beschleunigung 0–100 km/h in 6,8 s • Höchstgeschwindigkeit 250 km/h • Preis: 11 Mio Yen (70.000 Euro)

Autor: Peter Lyon

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