Test Porsche Cayenne Diesel/Porsche-Trecker

Porsche Cayenne Diesel Tiptronic S Porsche Cayenne Diesel Tiptronic S

Test Porsche Cayenne Diesel/Porsche-Trecker

— 12.03.2009

Zwei aus einem Stall

Auch wenn die Familie pikiert die Nase rümpft: Porsche und Diesel, das hat Tradition. Schon die ersten Porsche-Trecker tankten Diesel. So wie jetzt der neue Cayenne. Ein Treffen auf dem Lande.

Porsche und Sportwagen – das gehört zusammen wie Boxer und Sechszylinder, wie PS und Drehzahl, wie Jungs und Gänsehaut. Die Zuffenhausener haben mit ihren Sportwagen Ikonen geschaffen, im Motorsport Weltmeister geboren, über Jahrzehnte Männerträume beschleunigt. Sie haben unser Benzin im Blut zum Kochen gebracht. Und jetzt das: Porsche tankt Diesel. So glaubhaft, als würde Madonna ein Buch über Keuschheit schreiben. Ausgerechnet Porsche. Der Cayenne bricht alle Dämme. Schlimm genug, dass der dicke Gelände-Brummer die Porsche-Genetik per se verwässert. Nun soll auch noch ein Ölmotor die reine Lehre verschmieren. Diesel im Porsche? Das geht doch gar nicht.

Ungehobelter Ackergaul trifft feinen Szene-Urenkel

Von wegen! Porsche mit Glüh- statt Zündkerzen haben sogar Tradition und eine ansehnliche Bilanz vorzuweisen. Junior, Standard, Master, Super – so hießen die erfolgreichen Selbstzünder vom Sportwagenexperten. Alles Trecker, Farmers Traumgeräte, Renntiere für den Acker. Tatsächlich hat Porsche einst mit diesen langsamen Typen schnelle Geschäfte gemacht, von 1956 bis 1963 verkauften sie sogar mehr Schlepper als 356er. Porsches Traktoren waren günstige, robuste, vielseitige "Hofschlepper" mit überschaubarer Technik. So einer wie der Standard 218V. Ein karminrotes Arbeitstier, das ich vor zehn Jahren einem Bauern im platten Dithmarschen abgeschnackt habe. Klar, dass jetzt das erste Diesel-Duell fällig war: Ungehobelter Ackergaul, Baujahr 1959, trifft feinen Szene-Urenkel. Ein 25-PS-Zweizylinder knattert gegen den 240 PS starken V6-Common-Rail an. 7800 Wirtschaftswunder-Mark messen sich mit 56.436 "Was kostet die Welt?"-Euro.

Cayennes Luftfederung ist teurer als der ganze Trecker

Nach nur zehn Minuten hat das Arbeitsvieh seine Höchstgeschwindigkeit erreicht und prescht mit 25 km/h voran.

Allein die Luftfederung des Cayenne ist schon teurer als der komplette Urahn vor einem halben Jahrhundert. Macht nix. Geld verdirbt ohnehin nur den Charakter, und schließlich kommen die beiden Burschen ja aus einem Stall. Standard 218 V gehört zur Familie, ob Porsche nun will oder nicht. Genau genommen ist der Trecker sogar ein ganzes Stück reinrassiger als der Cayenne. In den Schleppern verbaute Porsche durchweg eigene Motoren, Ein- bis Vierzylinder, von Kopf bis Rumpf aus Aluminium. Das SUV lässt sich seinen Grauguss-Block von Audi zuliefern. Okay, es gibt üblere Organspender, und so ein aufgewecktes Bürschchen wie dieser moderne Audi-Block ist mein Standard auch nicht gerade. 218 nimmt sich reichlich Zeit vor dem ersten Huster. Handgas auf halb, an zwei Pumphebeln je 20- bis 30-mal von Hand einspritzen, Vorglühen, die Dieselgedenkminute bis auf die letzte Sekunde auskosten, Anlassschalter bis Anschlag – und schooon erwacht mein Schätzchen. Wuiwuiwui-tock ... tock ... tock ... Die Maschine pocht, der Hals kratzt, die Augen brennen. Nun könnte es tatsächlich losgehen ... wenn, ja wenn nicht der Schalthebel so sperrig wäre und beim Gangwechsel bocken würde. Die stocksteife Kupplung lässt nach dem zweiten Schaltvorgang den Oberschenkelmuskel brennen, als würde sich heiß es Öl darüber ergießen.

Keine zehn Minuten später erreicht der Olle seine Höchstgeschwindigkeit. 25 km/h. Jetzt fängt der Kampf mit der Maschine erst an: Der Standard hat den Geradeauslauf einer Hafenbarkasse, null Federung und kaum mehr Bremswirkung. Das war damals so. Die Porsche-Diesel sollten eben bei der Ernte helfen und nicht Frau Gemahlin beim Shoppen gut aussehen lassen. Genau das ist heute Cayenne-Schicksal. Mit seinem piekfein vernähten Lederinterieur, gebettet auf sensible Luftfedern, gedämmt per mehrlagigem Akustik-Vlies, überschüttet der Edel-Dampfer die Passagiere mit Komfort und Luxus, beschützt mit wuchtiger Präsenz, beseelt sie mit heftigem Vorwärtsdrang.

Schade, dass der Klotz so nach gar nichts klingt

Der Cayenne bietet viel Erste- Klasse-Fahrgefühl. Beim Thema Sound steckt ihn der Trecker aber in die Tasche.

Was Premium-Gefühl und Tempo angeht, ist der Cayenne durch und durch Porsche. Er rauscht leichtfüßig durch Kurven, hält auf der Bahn unbeirrt die Spur. Das kann kein Konkurrent besser. So viel Erste-Klasse-Fahrgefühl lässt sich noch nicht einmal mit einem Diesel verderben. Die Transplantation des Audi-V6 verstärkt eher den Premium-Anspruch. Den ohnehin schon starken 3.0 TDI hat Porsche verfeinert und verbessert, wo es nur ging, dazu den Geräuschpegel heruntergedreht. Der Motor schnurrt jetzt so leise wie ein Benziner, nimmt auch genauso ungehemmt Gas an, gibt herrlich gleichmäßig Kraft ab und schönt mit 9,3 Liter Verbrauch ganz nebenbei die verheerende CO2-Bilanz der Zuffenhausener. Schade nur, dass der Klotz so nach gar nichts klingt. Diese Blöße würde sich mein Standard 218 nie erlauben. Den hörst du in Dithmarschen schon, wenn er in Hamburg lostuckert..
Daten Standard 218
Zweizylinder-Viertakt-Wirbelkammer-Diesel, zwei Ventile/Zylinder, Luftkühlung
Hubraum 1644 cm3
kW (PS) bei U/min 18 (25)/2000
Vmax 25,1 km/h
Verbrauch ca. 1,5 l D in der Stunde
Leergewicht 1347 kg
Preis (1959) 7800 Mark
Daten Cayenne Diesel
V6-Zylinder-Turbodiesel, variabler Turbolader, Piezo-Direkteinspritzung
Hubraum 2967 cm
kW (PS) bei U/min 176 (240)/4000
Vmax 214 km/h
Verbrauch 9,3 l D/100 km
Leergewicht 2240 kg
Preis 56.436 Euro

Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Auch wenn Trecker und SUV aus einem Stall kommen, sogar das gleiche Futter fressen, sind sie natürlich unvergleichbar. Es war klar, dass die Techniker trotz 50-jähriger Abstinenz das Thema Selbstzünder perfekt beherrschen. Sie durften halt nicht früher. Jetzt müssen auch Porsche und seine Kunden sparen, vor allem aber den CO2-Ausstoß reduzieren. So endet das Diesel-Embargo. Doch ein echter Porsche ist der Cayenne Diesel trotz Temperaments und Kraft für mich nicht, statt Kribbelsound und Drehzahl-Orgien gibt es nur fernes Brummen und synthetischen Schub. Eine Vernunft-Ehe.

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