Test Volkswagen GX3

Test Volkswagen GX3 Test Volkswagen GX3

Test Volkswagen GX3

— 12.10.2006

VW hat ein Rad ab

Vorn zwei, hinten eins: Das Dreirad GX3 sollte 2007 in den USA starten. Doch es kam alles ganz anders. VW verlor den Mut und stoppte das Projekt. Georg Kacher ging dennoch auf Probefahrt.

Der Straßenfeger, der in aller Herrgottsfrühe durchs Ötztal donnert, sieht aus wie ein Wesen von einem anderen Stern. Was auch stimmt: Denn dieser komische Dreirad-VW kommt direkt aus Amerika, wo er die Marke von der Last des Grauschleiers befreien sollte. Wenn alles glattgegangen wäre, dann hätte das Trike im Februar 2007 dort bei den Händlern stehen sollen. Zum Kampfpreis von 15.500 Dollar – das sind umgerechnet rund

Windschutzscheibe? Fehlanzeige. Da prickeln Regentropfen wie Nadelstiche.

12.150 Euro – wollte man über eine Laufzeit von sechs Jahren mindestens 25.500 Stück unters Volk mischen. Doch dann kam alles ganz anders.

In 2000 Meter Höhe zeigt das Thermometer zur Frühstückszeit frostige vier Grad. Jetzt ist klar, warum VW für den GX3 die Helmpflicht zwar nicht verordnet, aber doch zumindest empfohlen hätte. Schon bei 40 km/h im zweiten Gang massiert der Fahrtwind die Wangenknochen zu Halbgefrorenem, und die Kälte rötet den Teint. Wo sich der Dunst in Sprühregen auflöst, betäuben kleine Nadelstiche die gespannte Gesichtshaut. Und nicht nur der Gegenverkehr wirbelt immer wieder kleine Steinchen auf, sondern auch das ungestüme eigene Hinterrad.

Du fängst an, die Straße zu lesen wie ein Buch

"Der GX3 wäre in Amerika als Motorrad typisiert worden", erzählt Jens Berger, der im Team für Interieur, Exterieur, Ausstattung und Fahrzeugsicherheit zuständig war. "Moonraker" hieß die Spezialtruppe, mit der VW den Geheimnissen des US-Marktes auf den Grund

Schöner liegen: Die Sitzschale ist nur in der Länge verstellbar. Die Beine verschwinden im Pedaltunnel.

gehen wollte. Für ein Motorrad ist der GX3 eigentlich viel zu groß: Breite 1,85 Meter, Länge 3,57 Meter, Radstand 1,63 Meter. Doch das Feeling im Dreirad ist so zweiradmäßig puristisch und intensiv, wie es Ducati oder Yamaha nicht besser hinbekommen hätten. Du spürst jeden Stein, jede Trennfuge, jede Pfütze und jedes Schlagloch. Du fängst an die Straße zu lesen wie ein Buch. Du bist nicht nur schnell wie ein Sportwagen, sondern auch in der Lage, mit 1,25 g eine ähnlich hohe Querbeschleunigung in Kurven aufzubauen wie ein Racer auf Slicks. Trotz Motorrad-ABE sitzt man im GX3 wie in einem Roadster. Oder besser gesagt, man liegt, denn die Schale mit der fixen Lehnenneigung ist nur in der Länge verstellbar. Der Fünfpunktgurt fixiert Oberkörper und Becken, die Beine verschwinden im langen Pedaltunnel. Von wegen Drehgriff, Kupplungszug und Fußschaltung: Auch in diesem Volkswagen übernehmen die Füße das Kuppeln, Bremsen und Gasgeben. Kein Lenker, sondern ein Miniatur-Volant zielt in Richtung Brustkorb.

200 Sachen in einer Seifenkiste

Der GX3 fährt sich wie eine stark motorisierte Seifenkiste ohne Netz und doppelten Boden. Als ruhender Pol dient der mit Kunststofflaminat verkleidete Stahlrohrrahmen, in den zur besseren Gewichtsverteilung auf der Beifahrerseite der 30-Liter-Tank, die Batterie, das 80 Liter große Staufach und der schwerere Teil der Einarmschwinge untergebracht sind. Leer wiegt die schwarz-weiße Wanne nur 570 Kilogramm. Damit ist sie leicht genug, um in 5,7 Sekunden von null auf 100 km/h zu beschleunigen und 200 km/h schnell zu sein. Das relativ bescheidene maximale Drehmoment von 152 Nm wird von einem nicht besonders präzisen Sechsganggetriebe portioniert. Für die Kraftübertragung ist eine Doppelkette zuständig, die geschmiert und nachgespannt werden muss. Die alternativ angedachte Kardanwelle fiel ebenso dem Rotstift zum Opfer wie der leisere und wartungsfreie Zahnriemen.

Nach drei, vier Stunden Fahrt ist das Grinsen im Gesicht des GX3-Piloten wie eingefroren, und das hat inzwischen nichts mehr mit den niedrigen Temperaturen zu tun. Kurve für Kurve haben wir uns herangetastet an die dynamische Potenz dieses insektenäugigen Keils mit dem quadratischen Kühlerschlund und den Lotus-7-ähnlichen, völlig frei stehenden Vorderrädern. Die unbeladen kopflastige Gewichtsverteilung von 59:41 Prozent wirkt schon im Ein-Mann-Betrieb wunderbar ausgeglichen, und dem schlechten cW-Wert von 0,51 kann ein Kopf mehr auch nicht viel anhaben.

Der GX3 verbindet Motorrad-Faszination und Roadster-Feeling auf geniale Weise.

Im GX3 steckt viel mehr Spaß, als man mit 15.500 Dollar abgelten könnte. Dieses Ding ist schlichtweg genial, denn es verbindet Motorrad-Faszination und Roadster-Feeling. Man sitzt bequem, und trotzdem ist das Fahrerlebnis so direkt, aufregend und intuitiv wie damals auf der Kirmes im Gokart.

Super-PR-GAU: Paris Hilton kracht mit ihrem GX3 in ein Stauende

Wer hat es gewagt, den GX3 zu killen? Wer stoppt ein Fahrzeug, gegen das nicht einmal notorische Erbsenzähler etwas einzuwenden haben? Wer verhindert Imagegewinn, Nettogewinn, Lustgewinn? Schuld hat die Rechtsabteilung von Volkswagen, genauer gesagt: die Herren von der Produkthaftung. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Paris Hilton kracht mit ihrem GX3 bei Malibu in ein Stauende – rums, game over. Das wäre der Super-PR-GAU. Und wenn die US-Medien damit fertig wären, dann könnte VW of North America zumachen. Jetzt wissen Sie, warum zum 1. Juli 2006 das Moonraker-Team ersatzlos aufgelöst wurde. Was schade ist. Denn nicht das Konzept ist zu beanstanden, sondern sein ausschließlicher US-Bezug. Die europäische Spaßgesellschaft scheint inzwischen viel eher bereit, das uramerikanische "no risk, no fun"-Prinzip zu verinnerlichen. Wo kippelige Quads oder einsitzige Karts eine Straßenzulassung bekommen, da ist gewiss auch noch Platz für 500 oder 1000 VW-Trikes pro Jahr.

Technische Daten VW GX3 Vierzylinder-Mittelmotor, vier Ventile pro Zylinder• zwei oben liegende Nockenwellen • Hubraum 1595 ccm • Leistung 92 kW (125 PS) bei 6500/min • max. Drehmoment 152 Nm bei 3000/min • Hinterradantrieb per Kette • Sechsganggetriebe • vorne Doppelquerlenker, hinten Einarmschwinge • Leergewicht 570 kg • L/B/H 3753/1850/1210 mm • Radstand 2700 mm • 0–100 km/h in 5,7 Sekunden • Spitze 200 km/h

Autor: Georg Kacher

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