Testauftakt in Italien

Testauftakt in Italien

— 23.11.2005

Geheimstart zur Revanche

Pause fr alle, nur Ferrari fhrt schon. Die Verlierer wollen 2006 zurckschlagen. Aber wie? AUTO BILD MOTORSPORT durfte exklusiv kiebitzen.

Wie eine E-Gittare ohne Baseite

Mit heiserem Gebell meldet sich der Ferrari F2005 morgens um neun in der Box zum Dienst. Etwas stotternd bringt Pilot Felipe Massa das Auto in Gang. Er mu mehrmals gehrig Gas nachschieen, weil es an Drehmoment fehlt. Dann rollt der rote Renner die Boxengasse hinunter und beschleunigt erstmals aus. Schon verliert sich das Drhnen des Motors hinter einer Kuppe, entfernt sich zunchst und nhert sich dann wieder von Sden.

Da taucht die "Maria Rosa", der innen erneuerte Ferrari, erstmals in der Zieleingangskurve auf. Die vereinzelten Fans spitzen auf der Tribne von Vallelunga die Ohren. Alle wollen den neuen V8 hren, der 2006 die Zehnzylindermaschine ersetzt. Whrend sich Massa durch den Kurvenausgang kmpft, um mglichst viel Tempo mit auf die Gerade zu nehmen, klingt der Motor des F1-Ferraris wie eine E-Gitarre, der die Basaite fehlt. Die nun hheren Tonlagen erscheinen rauher als beim alten V10, kratziger, irgendwie erkltet. Man ist versucht, mit einem halben Liter l auszuhelfen, aber es fehlt natrlich keins.

Vallelunga im Herbst. Es ist der erste harte F1-Test fr die Saison 2006. Doch Luigi Mazzola, Ferraris Testchef, versucht die Neugier zu dmpfen: "Es ist blo ein Test." Ferrari gibt ungern preis, in der Entwicklung der neuen 2,4-Liter-V8-Motoren, die den 3,0-Liter-V10 ablsen, den Konkurrenten ein, vielleicht gar zwei Schritte voraus zu sein. Dabei ist es bereits die dritte Ausfahrt mit dem ersten F1-Achtzylinder der Neuzeit aus Maranello. ber 2500 Kilometer, mehr als alle anderen Teams zusammen, hat die Scuderia bereits damit auf der Strecke abgespult. So luft Ferraris V8 bereits in seiner zweiten Ausbaustufe. Technikchef Ross Brawn wundert sich, da die Gegner nach dem Wechsel auf die Achtzylindermotoren in den Vortests bis zu sieben Sekunden pro Runde verlieren: "Bei uns sind es nur drei."

Vibrationen des V8 sind nicht auszutricksen

Die Auferstehung von Ferrari? Felipe Massa sitzt erstmals als Stammpilot im Ferrari. Seine Rundenzeiten sind schwer zu bewerten. Vergleiche fehlen, denn der Kurs ist ber Winter um 1,3 Kilometer verlngert worden, um ihn F1-tauglich zu machen. Ferrari nutzt die Strecke nun fter. Erstens, weil in Mugello und Fiorano die stndigen Morgennebel stren. Zweitens wegen der Nhe zum Logistikzentrum von Reifenpartner Bridgestone. Bei Bedarf kann der Reifenlieferant binnen einer Stunde jeden Pneu herankarren.

Um 10 Uhr zeigt das Thermometer 16 Grad, der Motor faucht freudig der zweiten Ausfahrt entgegen. Noch vor sechs Wochen zeigte sich McLaren-Testfahrer Pedro de la Rosa geschockt vom mangelnden Drehmoment des V8, der gegenber dem V10 rund 180 PS weniger leistet. Der V8-Sound klingt mehr mono als stereo. Noch, denn die neueste Motorgeneration luft leicht gedrosselt. Die Grenze in puncto Drehzahl soll bei ber 19.000 U/min liegen. Ferrari tastet sich von den unteren Drehzahlbereichen heran.

Die bersetzung der Schaltung ist in den niedrigen Gngen krzer ausgelegt, um die Drehzahl beim Hochschalten nicht zu tief absacken zu lassen. Die erhhten Vibrationen des V8 lassen sich dagegen nicht vllig austricksen: Jedesmal, wenn Massa vorbeischiet, sind sie an der Boxenmauer zu spren. Das Vibrationsfeld ist viel strker als frher.

Sobald der Wagen in der Box an seinem Platz steht, gewinnt Routine die Oberhand. Bis zu 18 Mann scharen sich um das Fahrzeug. Ein Mechaniker dichtet die Chassisschlitze zwischen den Abdeckungen neu mit Klebestreifen ab. Einer fhrt einen vorwiegend optischen Sicherheitscheck durch. Eindringlich inspiziert er die Bremsen, die er auch abklopft und danach mit Heizstrahlern warm hlt. Zwei Bridgestone-Mitarbeiter messen vor und nach jeder Testeinheit Asphalt- und Reifentemperatur, begutachten den Gummiabrieb der Laufflche. Sie besttigen damit Mazzolas Worte, der klarstellt: "Man testet immer mehrere Komponenten, nie nur eine."

Neuling Massa: Hei, hungrig und heiter

Massa spricht ausgiebig mit Gabriele Delli Colli, Barrichellos ehemaligem und seinem zuknftigen Renningenieur. Er sagt oft ja und nein, wenn er antwortet. Das ist wichtig. Fahreindrcke in Grautnen sind von Technikern schwer zu deuten und ihnen daher ein Greuel.

Die Testfahrten dienen auch der Eingewhnung von Massa. Michael Schumacher sagt bereits: "Ich erwarte von Felipe, da er mindestens in die Fustapfen von Rubens Barrichello tritt, wenn nicht sogar mehr." Also eher mehr. Das wre ntig, denn Barrichello dmmerte in seinem letzten Ferrari-Jahr sichtlich demotiviert dahin.

Massa ist hei und hungrig und heiter. Eine Bereicherung. Whrend der Brasilianer sich die Balaklava, die Feuerschutzmaske, berstlpt, grinst er: "Ich liebe auch Testfahrten, aber nur, wenn sie produktiv sind." Er kann auerordentlich konstantes Tempo fahren. Darauf kommt es bei Testfahrten besonders an. Nur einmal leistet er sich einen Verbremser im Infield, weil er mit der Motorbremse des Ferrari nicht ganz vertraut ist. Die schiebt offenbar beim Anbremsen strker als die in Massas Sauber. Whrend der Brasilianer seine Runden dreht, verfolgen sechs Software-Spezialisten gebannt die aktuellen Fahrzeugdaten. Sie heben die Hupter, als die Hupe der Boxengasse signalisiert: Massa kommt rein. Er rollt Richtung Garage, und die inzwischen gut 300 Fans auf der Haupttribne spenden Applaus. Es gibt eben kaum Erfreulicheres fr Tifosi als einen wohlig brutzelnden Ferrari.

18 Techniker geraten in Wallung

Um 12.02 Uhr geht Massa wieder auf Tour, diesmal fr zehn Runden. Es ist 20 Grad warm, der Himmel ber Vallelunga makellos. Der Ferrari glht. Der Test luft nun wie am Schnrchen. Und der Mann, der kurz zuvor noch in China fr Sauber Sechster geworden ist, setzt eine feine Duftnote seines Knnens. Er legt zunchst 1.15,36 Minuten vor, dann 1.15,44, 1.15,45 und 1.15,40. Prziser geht's nur noch in der Theorie.

Doch als er das Auto spter vor der Box zum Stehen bringt, stirbt der Motor hrbar einen kleinen Tod. Abrupt verklingt der Applaus. Alle 18 Test-Techniker geraten wie auf Kommando in Wallung. Whrend zwei die Motorabdeckung entfernen, rollen andere die Werkschrnke aus den Ecken. Testchef Mazzola eilt aus seinem Bus herbei, dann nehmen acht Augen das Aggregat in Augenschein. Die Blackbox wird ausgebaut und die Daten postwendend in die Computer bertragen. Mazzola schaut verdrielich. Nun pfeift niemand mehr, die Stimmung hat sich schlagartig verdstert. Schon werden die Rolltore heruntergelassen ein Motorschaden?

Die Maschine wird ausgebaut und zerpflckt. "Reine Routine", sagt man mir. Die ber drei Stunden dauernde Mittagspause auch? Spter erfahre ich: Es war das Getriebe. Nur ein kleiner Rckschlag, wenn man bedenkt, da Ferraris Gegner bis Ende November gar nicht fahren. Sie haben sich aus Kostengrnden auf eine testfreie Phase geeinigt. Ohne Ferrari. Die Scuderia vertritt die Ansicht, da nicht Sparen, sondern hhere Effizienz das Ziel der Teams sein sollte. Nach dem Titelverlust nach sechs Jahren Dominanz ist jetzt die falsche Zeit, den Ehrgeiz zu drosseln.

Ferrari erwartet Hilfe vom Reifenpartner

Bald geht's zum Testen sogar noch fr eine Woche nach Bahrain, weil es da hei und trocken ist und die Streckenmiete nur ein paar Euro betrgt. Ferrari-Prsident Luca di Montezemolo hat quasi mit dem letzten Grand Prix knallhart ein "Ende des Urlaubs" verkndet. Selbst Michael Schumacher steht entgegen seiner Wintergewohnheit fr Tests abrufbereit. Wenn die Konkurrenz ausrckt, haben die Roten aus Maranello schon drei Wochen Vorsprung.

Montezemolo hat ebenso verfgt, da das neue Modell bereits im Januar fertig zu sein hat. Und nicht wie zuletzt erst im April. Damit seine Truppe nicht wieder mit einem riskanten Sptstart auf die Nase fllt. Eine bse berraschung und eine verpatzte Saison reichen dem Boss. Neben den Ergebnissen aus den frhen Tests erwartet Ferrari zustzlich Untersttzung bei der Reifenentwicklung, weil Bridgestone jetzt auch mit den ehemaligen Michelin-Partnern Toyota und Williams zusammenarbeitet. Die neue Reifenregel (Wechsel im Rennen erlaubt) versetzt ohnedies das gesamte Ferrari-Team in Hochstimmung.

15.15 Uhr, 24 Grad. Massa rckt noch einmal aus. Seine Zeiten mu man auflisten: 1.15,00, 1.15,55, 1.15,04, 1.14,90, 1.14,94, 1.14,89, 1.15,02, 1.14,84, 1.15,16, 1.14,86, 1.14,71. Kurz vor dem Boxenstopp legt er planmig zu, fhrt 1.14,42 und 1.14,69. Der Tag war gut.

Massa: "Habe diese Chance verdient"

"Ich habe diese Chance verdient", sagt Felipe Massa. Der Ferrari-Neuzugang strotzt vor Selbstvertrauen. Hier die Grnde dafr.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Massa, vor wenigen Wochen saen Sie noch im Sauber, sprangen nun erstmals als Stammpilot in den Ferrari. Ein erhebendes Gefhl? Felipe Massa: Natrlich bin ich ein bichen stolz. Andererseits kenne ich das Team bereits, habe noch vor zwei Monaten in Monza getestet und mu mich rasch integrieren. Also habe ich genug Arbeit, auf die ich mich konzentrieren kann. Nach fnf Testtagen in Vallelunga sind wir damit schon ein gutes Stck weiter.

Sie testeten den alten Ferrari F2005 mit neuem V8-Motor. War die um 20 Prozent verminderte Leistung auch fr Sie ein Schock, wie Pedro de la Rosa es nach seinem V8-Test ausdrckte? Nein. Es ist zwar sprbar weniger Leistung da, aber kein Loch unter dem Gasfu. Man mu seinen Fahrstil umstellen, um beim Beschleunigen mehr Drehmoment zu haben. Aber das geht schon.

Was ist das Ungewohnteste an Ihrem neuen Job? Ganz klar die Farbe. Nach dem Sauber-Blau schaue ich nun fter an mir runter. Dieses Rot ist schon sehr prgnant.

Und was Auto und Team angeht? Das Ferrari-Lenkrad hat einige Funktionen, die beim Sauber anders angeordnet sind. Die mute ich schnell verinnerlichen. Ferraris Personal kenne ich zum Groteil. Ich spreche flieend Italienisch. Das hilft. Ich ziehe von der Schweiz nach Monaco um, um schneller beim Team zu sein. Wichtig war aber frs erste, da ich mich mit meinem neuen Renningenieur einarbeite, Gabriele Delli Colli.

Sie bernehmen ihn von Rubens Barrichello. Auch seine Nummer-zwei-Rolle hinter Michael Schumacher? Ich kann nur versuchen, meinen Job so gut zu machen wie mglich. Alles weitere wird sich finden. Die Chance, sich mit Michael zu messen, kriegt doch nicht jeder. Dann bekomme ich wenigstens eine eindeutige Rckmeldung darber, wo ich selbst stehe, denn Michael ist und bleibt der Mastab fr alle Formel-1-Fahrer.

Steigt der Druck als Ferrari-Fahrer? Nein, noch nicht. Das kann wohl noch kommen, vor allem durch die erhhte Aufmerksamkeit durch die Medien.

Haben Sie sich bei Barrichello bedankt, da er seinen Platz gerumt hat? Nein, denn wenn Ferrari mich nicht genommen htte, htte sich vielleicht eine andere Tr geffnet. Ich hatte mit wenigen Ausnahmen eine gute Saison und verdiene diese Chance. Denn ich habe bewiesen, da ich immer im entscheidenden Moment zulegen kann. Ferrari htte mich nicht verpflichtet, wenn sie nichts von mir halten wrden. Da ich nur einen Jahresvertrag habe, strt mich nicht. Denn wenn du es nicht bringst, ntzt dir auch ein Zehnjahresvertrag wenig.

Autor: Hesseler

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