Deutschlands Top 200, Folge 10: Mitsubishi Pajero

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Top 200, Folge 10: Mitsubishi Pajero

— 25.08.2005

Der Dauerläufer

Kantig und kernig, so ist der Pajero. Dieser ist sogar unkaputtbar: 20 Erdumrundungen hat er auf der Uhr – und das ist noch nicht mal die volle Wahrheit.

Geburt einer neuen Fahrzeuggattung

Von Hermann J. Müller Pajero. Was für ein Name. Außerhalb des spanischen Sprachraums, wo Pajero ein böses Schimpfwort ist, versprüht er das Flair von Freiheit und Abenteuer, von exotischen Rüttelpisten und romantischen Sonnenuntergängen. Denn ein Pajero ist kein Geländewagen wie alle anderen, sondern der Vater aller SUV.

Der japanische Offroader, benannt nach einer südamerikanischen Wildkatze, war 1983 der erste Vertreter einer Fahrzeuggattung, die passable Geländegängigkeit mit bis dato ungekanntem Federungs- und Innenraumkomfort kombinierte. Ein Meilenstein in der Geschichte der zeitgeistigen Fortbewegung also. Daran muß man denken, wenn man dieses Auto sieht. Auch wenn es schwerfällt. Denn der Pajero von Hermann Schneider aus dem saarländischen Beckingen sieht nicht unbedingt aus wie ein zeitgeistiger Meilenstein. Eher wie einer, dem das Leben schwer zugesetzt hat: eingedellt, angefressen, ausgelutscht. Ein Vehikel, nach dem sich keiner umdreht.

Dabei würden es viele tun, wenn sie wüßten, was in ihm steckt. Und damit meinen wir nicht den Fahrer. Obwohl: Hermann Schneider ist ein guter Typ. 55 Jahre alt, studierter Maschinenbauer, locker im Umgang, nett zu seinen Mitmenschen. Nur sein Tacho ist nicht ganz ehrlich: Unglaubliche 827.597 Kilometer stehen auf der Rolle. Und das ist nicht etwa übertrieben, sondern sogar noch untertrieben. Denn irgendwann vor vielen Jahren fiel der Tacho mal aus. Wie viele Kilometer dabei verlorengingen, weiß keiner, aber Schneider schätzt: "Es werden so um die 100.000 Kilometer sein."

Pajero-Liebe auf den ersten Blick

Vor 20 Jahren kaufte er seinen ersten Pajero. Er hatte ein aufknöpfbares Verdeck, was bei Mitsubishi Softtop hieß und bei gutem Wetter viel Spaß machte. Bei plötzlich einsetzendem Regen dagegen machte es viel Arbeit. Schneider war nicht wirklich glücklich mit ihm. Schon gar nicht, als 1989 bei der Rückfahrt von einem Trip durch den Osten Deutschlands der Motor kollabierte. Von der Autobahn bei Nürnberg schleppte man Schneider und seinen kraftlosen Luftikus zum nächsten Mitsubishi-Händler.

Und da sah er ihn. Seinen endgültigen Pajero. Kurze Karosse, silbermetallic, festes Dach, unter der Haube der neue – und zuverlässigere – 2,5-Liter-Turbodiesel, auf der Haube der Preis: 34.800 Mark. Es war Liebe auf den ersten Blick. Schneider gab den siechenden Softtop in Zahlung und fuhr mit dem neuen zurück ins Saarland. In die Ferne zog es ihn weiterhin. Schließlich hatte er das richtige Auto dafür: Komfortabel und robust, wie gemacht für die Länder des wilden Ostens. Zur Not auch bewohnbar: Nach einer Nacht in einem polnischen Landgasthof zog Schneider es auf Ostreisen stets vor, im Heck seines Pajero zu übernachten.

1990 fuhr er im Urlaub nach Rumänien. Lernte ein schönes Land und arme Leute kennen. Traf unter anderem den Leiter eines Waisenhauses im Karpatenkaff Agnita. Erfuhr von ihm, daß der rumänische Staat gerade mal 50 Cent pro Kind und Tag zur Verfügung stellte. War entsetzt von den daraus resultierenden elenden Bedingungen für die Kinder. Und dachte: "Da muß etwas passieren." Schneider fuhr zurück nach Deutschland und handelte. Ließ die Drähte glühen und persönliche Kontakte spielen.

Mit dem Hänger durchs Unterholz

Ein paar Monate später rollte der erste Hilfskonvoi nach Rumänien. Unter Schneiders Leitung brachten Laster des Technischen Hilfswerks Möbel aus einem alten Hotel und Baumaterial in die Karpaten. Dem ersten Transport folgten im Lauf der nächsten fünf Jahre 25 weitere. Sie brachten Wandschränke, Waschbecken und Weihnachtstüten nach Rumänien und zahlreiche Kilometer auf den Tacho des Pajero. Auch in eigener Sache war und ist Hermann Schneider viel unterwegs.

Alljährlich im November streift er mit Pajero samt Hänger rund 20.000 Kilometer durch Südfrankreich. Schneidet dort Misteln und verkauft sie anschließend auf deutschen Weihnachtsmärkten. Ein einträgliches, aber auch hartes Geschäft. Für Schneider ebenso wie für den Pajero, der sich samt Hänger durchs Unterholz wühlen muß – dahin, wo die Misteln wachsen. Kein Wunder, daß das gute Stück deftige Gebrauchsspuren aufweist. Hier sehen wir keinen Edel-Oldie, sondern ein ehrliches, in Ehren ergrautes Arbeitstier, das seine Narben mit Stolz trägt.

Wie etwa die Delle im Dach. Sie entstand, als Schneider den Pajero in einer Silvesternacht auf dem Pariser Champs-Élysées parkte – nicht ahnend, daß neujahrstrunkene Franzosen zu vorgerückter Stunde gern über dort abgestellte Fahrzeuge laufen. Oder die Kerbe am Heck, das einzige Relikt eines Überschlags mit Hänger nach vorhergehendem Ausrutscher auf einer rumänischen Eisplatte und anschließender glimpflicher Landung in einer Schneewehe. Oder den durchgescheuerten Beifahrersitz, der früher mal ein Fahrerstuhl war.

Technische Daten in der Übersicht

Als Schneider hörte, was ein neuer Sitz kosten sollte, tauschte er die beiden einfach aus: "Vier Schrauben, fertig." Die optischen Macken lassen den Eigner kalt. "Ich bin schlampert bei der Sauberkeit und bei der Karosse", bekennt Schneider, "aber die Technik muß funktionieren." Was sie auch tut: Motor und Getriebe sind die ersten und arbeiten immer noch einwandfrei. Für den Rest sorgt der Marathon-Mann weitgehend selbst.

Obwohl er es sich einfach machen könnte, denn die nächste Mitsubishi-Werkstatt liegt genau zehn Häuser weiter an der Hauptstraße im heimischen Beckingen. Doch vor Ort, im Autohaus Scholz, bestellt er in der Regel nur die Ersatzteile. Trotzdem verbindet ihn eine enge Freundschaft mit Meister Scholz. Schließlich verfolgen beide zusammen ein hehres Ziel: den Pajero auf eine Million Kilometer zu bringen.

Daß sie es schaffen, daran zweifeln sie nicht. Nicht ohne Stolz präsentieren sie denn auch den letzten Prüfbericht des TÜV Saarland vom 10. März 2005: "Unser Sachverständiger hat an Ihrem Fahrzeug keine Mängel festgestellt", heißt es da. Und was Schneider macht, wenn der Tacho wieder auf null springt, weiß er auch schon: "Dann verkaufe ich ihn an Toyota."

Technische Daten: Vierzylinder-Turbodiesel, vorn längs • zwei obenliegende Nockenwellen • zwei Ventile pro Zylinder • 2454 cm³ • 70 kW (95 PS) bei 4200/min • max. Drehmoment: 201 Nm bei 2000/min • Fünfgang • zuschaltbarer Allradantrieb • McPherson-Federbeine vorn, Starrachse hinten • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Länge/Breite/Höhe: 3995/1690/1840 mm • Reifen: 215 R 15 S • Leergewicht: 1555 kg • Höchstgeschwindigkeit: 140 km/h.

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