Tracktest AGM Class-1-Buggy

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Tracktest AGM Class-1-Buggy

— 30.05.2008

Auf bestem Wege

Am 30. Mai 2008 starten die US-Offroader zur Baja 500 in Ensenada/Mexiko. Als erster Europäer kämpft Armin Schwarz um die US-Offroad-Meisterschaft. AUTO BILD MOTORSPORT fuhr den Buggy seines Teams.

Der wenige Zentimeter hinter dem Fahrersitz montierte Achtzylinder brüllt, dass es mir kalte Schauer über den Rücken jagt. In Orkanstärke pfeift der Wind durch das ringsum offene Cockpit. Die Piste auf dem Gelände eines aufgegebenen Braunkohletagebaus bei Dresden ist wirklich mies. Aber 70 Zentimeter Federweg und Stoßdämpfer so dick wie ein Oberschenkel bügeln selbst die brutalsten Buckel souverän glatt. Hören kann ich Ex-WM-Pilot Armin Schwarz (44) neben mir nicht. Unsere Helme sind nicht über eine Sprechanlage verbunden. Aber wenn ich sein wildes Gefuchtel richtig deute, soll ich gefälligst mehr Gas geben. Mit Tempo 120 taucht der Buggy in die schmutzigbraune Brühe ein. Eine Zehntelsekunde später bin ich nicht nur klitschnass, sondern auch weitgehend blind. Die Suppe ist ins Cockpit geschwappt und hat uns komplett eingedreckt. Natürlich auch das Visier meines Helms. Jetzt weiß ich, warum Buggy-Piloten einen Fetzen Papier zwischen Oberschenkel und Sitz einklemmen. "Der einzige Platz an Bord, um ein Tuch zum Visierputzen unterzubringen", hatte Schwarz vor unserem gemeinsamen Ritt verraten.

640 PS, keine Windschutzscheibe: Ein Class-1-Buggy könnte aus einem Mad-Max-Film stammen.

Die Piloten aus der US-amerikanischen Offroad-Meisterschaft SCORE tragen außerdem Helme, die zusätzlich mit einer Belüftungsanlage verbunden sind. Der ständige Überdruck hält, zusammen mit einem am Helm angeknöpften Kragen, Matsch und Wüstenstaub einigermaßen fern. Mein Visier dagegen ist jetzt auch von innen gründlich verschmiert. Wäre eine Windschutzscheibe nicht eine einfache Lösung für dieses Problem? "Nein, die wäre nach dem ersten Überholmanöver hinüber", erklärt All German Motorsports Teamchef Martin Christensen, der sich bei den SCORE-Rennen mit Schwarz am Lenkrad eines Eigenbau-Buggys abwechselt. Im Gegensatz zu Offroad-Veranstaltungen à la Rallye Dakar wird bei den sogenannten Bajas nämlich kräftig überholt. "Wenn du auf einen Vordermann aufläufst, fährst du ihm kurzerhand aufs Heck, damit er dich bemerkt. Dann gibt er erst einmal richtig Gas, und du sitzt in einem Geschosshagel aus Steinen", beschreibt Schwarz. Höchstens zwei Mal wird vorsichtig angedockt. "Wenn er keinen Platz macht, schiebst du ihn beiseite."

Die Buggys sind alles, nur nicht untermotorisiert. Als Organspender für den 7,3-Liter-V8 diente eine Corvette.

Anders als bei der Rallye Dakar sind die SCORE-Spitzenfahrzeuge alles andere als untermotorisiert. Die sogenannten Trophy-Trucks, haben etwa 800 PS unter der Haube. Class-1-Buggys sind etwas bescheidener, aber mehr als 500 PS müssen es schon sein. Und es ist ja nicht so, dass Profis uns Journalisten nichts gönnen, denn Armin Schwarz hätte mich auch mit seinem eigenen Buggy abspeisen können. Der Franke, bis 2005 Werksfahrer in der Rallye-WM, vertraut in der SCORE-Meisterschaft auf einen vergleichsweise kleinen BMW-Motor. Acht Zylinder, immerhin. Aber nur fünf Liter Hubraum und 550 PS. Für amerikanische Verhältnisse ein Kinderspielzeug. Wenn man Schwarz zu den Gründen fragt, wird er was von "besseres Fahrverhalten dank Mittelmotor" und von seinem Klassensieg beim zweiten Meisterschaftslauf im mexikanischen San Felipe erzählen. Stattdessen hat Schwarz für den AUTO BILD MOTORSPORT-Tracktest den dicken Brummer aus dem Hause All German Motorsports in die Lausitz gekarrt. Der hat einen aufgebohrten V8 aus einer Corvette im Heck. Will sagen: 7,3 Liter Hubraum, etwa 640 PS.

Der läßt sich nicht aufhalten

Diesen Buggy teilen sich in der SCORE-Serie ab sofort der ehemalige Rallye-Europameister Armin Kremer und der Amerikaner Adam Pfankuch. Obwohl er lediglich über Hinterradantrieb verfügt, lässt sich die Fuhre im Prinzip von nichts aufhalten. Die 640 PS lassen die mit kevlarverstärkten Flanken ausgestatteten Reifen auch noch im vierten Gang ordentlich durchdrehen. Nur bei besonders schnellen Veranstaltungen wird deshalb ein Fünf-Gang-Getriebe eingesetzt. "Gebraucht werden aber eigentlich nur drei Gänge", sagt Armin Kremer. Tatsächlich liefert der V8-Ballermann im Heck derart viel Drehmoment, dass der erste Gang lediglich zum Anfahren und an besonders steilen Bergauf-Passagen benötigt wird. Das Getriebe lässt sich hoch- und runterschalten ohne Kupplung – wenn man erst einmal ein Gefühl für den recht unpräzise im H-Schema geführten Schalthebel entwickelt hat. Ich entscheide mich, beim Gangwechsel lieber brav die Kupplung zu treten.

Wer braucht schon Hightech?

Ein paar klassische Rundinstumente, eine Reihe massiv-metallener Schalter - viel mehr gibt es im Cockpit nicht zu bedienen.

Ein paar klassische Rundinstrumente für die wichtigsten Motordaten, eine Reihe massiv-metallener Schalter – viel mehr gibt's im Cockpit nicht zu bedienen. Das modernste Gerät ist das GPS-Navigationssystem. Aber wer braucht schon Hightech? Ich jedenfalls nicht. Mit einem Buggy durchs Gelände zu pfeffern ist – wie jeder SCORE-Fan schwört – das Geilste, was man machen kann. Solange man die Hosen noch anhat. Dass man dabi den Naturgewalten ziemlich ungeschützt ausgesetzt ist, stört höchstens auf den ersten Kilometern. Danach ist sowieso alles egal. Wie sagte es ein netter Kollege so schön: Dreck macht glücklich. Das nächste Mal in Mexiko Die Baja 500 werden dort vom 30. Mai bis 1. Juni 2008 in Ensenada abgeritten.

Fazit: Vorsintflutliche Technik hin oder her, ich habe noch nie bei einem Tracktest so viel Spaß gehabt wie in diesem Buggy. 640 PS und Heckantrieb sind durch nichts zu toppen. Klar könnte man das Fahrverhalten mehr von Schiffschaukel in Richtung Rallye-Auto entwickeln. Aber wozu? Um zu gewinnen, würde Armin Schwarz sagen. Wahrscheinlich hat er recht.

Technische Daten
MESSWERTE AGM CLASS-1-BUGGY
Beschleunigung 0–100 km/h 4,7 Sekunden
0–200 km/h k. A.
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
Bremsweg aus 100 km/h k. A.
Kraftstoffverbrauch k. A.
FAHRZEUGDATEN AGM CLASS-1-BUGGY
Motor: Bauart/Einbaulage V8/hinten längs
Hubraum 7300 ccm
Ventile/Nockenwellen 2 pro Zylinder/1
Nockenwellenantrieb Zahnrad
Max. Leistung bei Drehzahl 640 PS bei 6200 U/min
Max. Drehmoment bei Drehzahl 480 Nm bei 5800 U/min
Literleistung 87,6 PS/Liter
Getriebe 4-Gang H-Schema
Antrieb Hinterrad
Länge/Breite/Höhe/Radstand 4500/2200/1900/3150 mm
Reifentyp BF Goodrich All Terrain
Reifengröße (v/h) 35 x 12,5 R 15
Leergewicht 1590 kg
Leistungsgewicht 2,48 kg/PS
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 247 l/Spezialbenzin 110 Oktan
Preis ca. 175.000 Euro

Autor: Christian Schön

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