Tracktest Audi A4 DTM und R10 TDI

Tracktest Audi A4 DTM und R10 TDI

— 02.12.2008

Meister im Ring-Kampf

Niemals war Audi erfolgreicher als in der Saison 2008. Vier Titel fuhren Audi A4 DTM und Audi R10 TDI in diesem Jahr ein. AUTO BILD MOTORSPORT hat die Meisterautos aus Ingolstadt miteinander verglichen.

Vier Ringe, vier Siege so lsst sich das Motorsportjahr 2008 fr Audi zusammenfassen. Damit wre zum Thema "Vorsprung durch Technik" auf den Rennstrecken dieser Welt eigentlich alles gesagt. Wirklich alles? Natrlich nicht. Wir wollten uns selbst ein Bild von den Siegerautos machen. Gesagt, getan. Audi stellte uns den A4 DTM sowie den R10 TDI im italienischen Misano auf den Asphalt. Selbst fr einen erfahrenen Motorjournalisten ein besonderes Erlebnis. Am Ende des Tages sollte eine Frage beantwortet sein: Mit welchem Renngert kommt der Nicht-Profi besser zurecht. Wir beginnen mit dem schwcheren der beiden Audi-Athleten uns und auch der Motorsportabteilung zuliebe. Die beiden Originalfahrzeuge sollen nach dem Tracktest ins Museum wandern. Am besten natrlich in einem Stck.

Schwcher bedeutet im Falle des DTM-A4 rund 460 PS Leistung, die fr etwa 285 km/h reichen. Und zwar ohne elektronische Helfer wie ABS, Traktionskontrolle oder ESP. Wenigstens die Lenkung arbeitet dankenswerterweise servountersttzt. Sonst aber bleibt der Fahrer auf sich allein gestellt. Dabei htte ich mit meinen 1,97 Meter schon beim Einsteigen Hilfe ntig. Zwischen dem gewaltigen Schwellerkasten und dem tiefhngenden Kfigrohr bleibt gefhlt eine Handtuchbreite, um die Sicherheitszelle aus Kohlefaser zu entern. Einmal drinnen, berrascht die mittige, weit nach hinten und ganz weit nach unten verlagerte Sitzposition. Sicher gut fr die Gewichtsverteilung, aber ganz schlecht fr die bersicht. Von den Karosserieenden siehst du nichts, manchmal reckst du dich sogar verzweifelt (und wegen der unnachgiebigen Sechspunktgurte vergeblich) nach der Strae. Doch das alles verkommt zur Nebensache, wenn das Lenkrad aufgesteckt und der Wagen aus der Box geschoben wird.

Der DTM-A4 reagiert blitzartig aufs Gaspedal

Im Cockpit des A4 sitzt der Pilot mittig und ganz weit unten – gut für die Balance aber, schlecht für die Sicht.

Die Mechaniker heben den Daumen, ich schalte die Zndung ein und drcke den Startknopf im monumental neben mir aufragenden Schaltknppel. Nach einigem Stottern und Spucken erwacht der Vierliter-V8 vor mir zum Leben und brllt mir sofort eine brutale PS-Polka ins Ohr. Ja, die DTM ist laut. Und weil die Endrohre direkt neben mir aufhren, kriege ich den Lrm ganz und gar ungefiltert mit. Nur gut, dass mir Werksfahrer Dindo Capello vorher noch milde lchelnd Ohrstpsel ins Auto gereicht hat. Kupplung treten, Schalthebel mit Kraft nach hinten reien und losrollen. Das funktioniert erstaunlich problemlos. Also ab auf die Piste. Hier zeigt der samt Fahrer mindestens 1050 Kilo schwere DTM-Dynamiker dann, warum Timo Scheider Meister geworden ist. Blitzartig reagiert der Hecktriebler auf jeden Ausschlag am Gaspedal und schiet aus den Kurven, als se ihm ein Rudel C-Klassen im Nacken.

Drei Sekunden bis Tempo 100

Gebte Fahrer brauchen aus dem Stand kaum drei Sekunden bis Tempo 100. Auch bis 200 km/h reicht eine einstellige Zeit. So reien wir uns ohne zu kuppeln durch die sechs Gnge. Das erfordert zwar eine feste Hand, fr einen Rennwagen rasten die Gnge aber erstaunlich geschmeidig ein. Beim Runterschalten, entweder mit Zwischengas und ohne Kupplung, oder eben klassisch, heit es, die Drehzahl im Auge zu behalten. Weil keine Elektronik mitschaltet, lsst sich der Motor problemlos berdrehen. Zumindest theoretisch. In der Praxis vernichten die Kohlefaser-Bremsen den Speed so schnell, dass man mit dem Runterschalten eh kaum nachkommt.

Total brutal

Dieser Eindruck ist im R10 TDI exakt der gleiche. Ansonsten spielen wir hier in einer anderen Liga. Das beginnt schon mit dem Einstieg. Auch wenn der R10 oben offen ist, geht es in ihm fast so eng zu wie in einem Formel-1-Monocoque. Mir bleibt nur eine Wahl: die Sitzschale oder ich. Und auch wenn es unbequem war, bin ich an dieser Stelle ganz Egoist gewesen. Den Lohn dafr bekam ich auf der ersten Geraden. Wenn 650 PS und 1100 Nm im Rcken schieben, hat das mit Autofahren eigentlich nicht mehr viel zu tun. Eine unsichtbare Macht scheint den Sportprototypen wie ein Spielzeugauto nach vorn zu werfen. Man mchte vor Lust laut schreien. Bitte nicht bse sein, Ferrari, Porsche oder Lamborghini aber so eine brutale Beschleunigung hab ich noch nie erlebt. Etwa 2,5 Sekunden reichen bis 100 km/h, nach nur sechs Sekunden liegt Tempo 200 an. Bis 340 km/h lsst sich das Spiel fortsetzen und das bei 1,03 Meter Fahrzeughhe garantiert unterhalb jedes Radars.

Garantiert unerotisch das sanfte Nageln des R10 TDI

Dieselpower aus zwölf Zylindern: 650 PS und ein Drehmoment von 1100 Nm. Verglichen mit dem DTM-A4 eine andere Liga.

Dass der R10 TDI dennoch leichter beherrschbar scheint, hat verschiedene Ursachen. Allein die Geruschkulisse weckt eher Mitleid als Lust. Wo Scheiders DTM-Schlitten brllt wie ein liebestoller Stier, lsst der R10 nur sanftes Nageln erklingen. Garantiert unerotisch. Auch die bersicht fllt beim R10 um Welten besser aus. Zwischen den mchtigen Radhusern rechts und links peilt man ber die spitze Nase die Ideallinie an und fertig. Ein wahrhaft grandioser Ausblick. Zu guter Letzt erlauben die Regeln dem TDI einfach etwas mehr elektronische Engel. So werden die fnf Gnge ber Schaltwippen hinterm Lenkrad pneumatisch gewechselt. Verschalten unmglich. Die Kraft des 5,5-Liter-V12 wird zudem von einer regelbaren Traktionskontrolle berwacht und bedarfsgerecht zugeteilt. Das hilft beim Beschleunigen aus engen Kurven oder im Regen, um nicht vom eigenen Heck berholt zu werden. Sieger sind beide Autos. Meine private Meisterschale geht allerdings an den Audi R10 TDI. Der geht unglaublich brutal los und bleibt trotzdem erstaunlich brav solange man ihn nicht reizt.

Fazit von AUTO BILD MOTORSPORT-Testfahrer Gerald Czajka

Klar, beide Rennwagen berrollen dich einfach mit schierer Kraft und Grip jenseits der Vorstellungskraft. Unterm Strich kann der Le-Mans-Renner aber doch einen hauchdnnen Vorsprung herausfahren. Zwar fehlt ihm der Anmachsound des A4 DTM, dafr lsst er sich aber sprbar einfacher fahren und wuchert vor allem mit einem Pfund von 1100 Nm Drehmoment.
TECHNISCHE DATEN
MESSWERTE AUDI R10 TDI (2008) AUDI A4 DTM (2008)
Beschleunigung 0–100 km/h ca. 2,5 Sekunden ca. 2,9 Sekunden
0–200 km/h ca. 6 Sekunden keine Angaben
Höchstgeschwindigkeit 339 km/h 285 km/h
Bremsweg aus 100 km/h keine Angaben ca. 31 Meter
Kraftstoffverbrauch ca. 41 l/100 km ca. 60 l/100 km
FAHRZEUGDATEN AUDI R10 TDI (2008) AUDI A4 DTM (2008)
Motor: Bauart/Einbaulage V12/Turbo, hinten V8, vorn längs
Hubraum 5500 cm3 4000 cm3
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/2 4 pro Zylinder/2
Nockenwellenantrieb Stirnräder Kette
Max. Leistung bei Drehzahl 650 PS bei 4500 bis 5500 U/min 460 PS/k. A.
Max. Drehmoment bei Drehzahl über 1100 Nm/k. A. über 500 Nm/k. A.
Literleistung 118 PS/Liter 115 PS/Liter
Getriebe 5-Gang sequenziell 6-Gang sequenziell
Antrieb Hinterrad Hinterrad
Länge/Breite/Höhe/Radstand 4650/2000/1030/k. A. mm 4800/1850/1200/2800 mm
Reifentyp Michelin Slicks Dunlop SP Sport Maxx Slicks
Reifengröße (v/h) 330/680 R 18 und 370/710 R 18 265/660 R 18 und 280/660 R 18
Leergewicht 900 kg (mit Fahrer)* 1050 kg (mit Fahrer)
Leistungsgewicht 1,38 kg/PS 2,28 kg/PS
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 81 l/Diesel 70 l/Super Plus (100 Oktan)
Preis keine Angaben 800 000 Euro
* 925 kg in der American Le Mans Series (ALMS)

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