Tracktest Ferrari F430 GT3

Ferrari F430 GT3 Ferrari F430 GT3, Heckflügeleinstellung

Tracktest Ferrari F430 GT3

— 05.06.2008

Das rote Mehr

Der GT3 von Kessel Racing ist die Königsversion des Ferrari F430. Und er hat den Segen aus Maranello. Grund genug, den GT-Renner standesgemäß auszuführen. AUTO BILD MOTORSPORT hat ihn getestet.

Ducken und durch. Es geht tief runter. Nur knapp einen Meter ist das Sportgerät hoch. Aber nicht nur beim Einsteigen heißt es durchatmen und cool bleiben. Sondern auch beim Anflug auf die Eau Rouge – jener berühmt-berüchtigten Vollgas-Ecke auf dem Ardennenkurs von Spa-Francorchamps. Die äußeren Bedingungen sind alles andere als einfach. Dauerregen und morgendliche Kälte lassen eher den Fahrer auf erhöhte Temperatur kommen, als die Regenreifen. Genau das könnte zum Problem werden. Pedro Zullino, Chefingenieur und Vater des F430 GT3 gibt mir seinen Rat mit auf den Weg: "Calma collega! Mit kalten Reifen brauchst du gar nichts riskieren. Da bist du schneller abgeflogen, als dir lieb ist."

Das wäre fatal. Schließlich bewegen wir uns im Gegenwert eines Eigenheimes. Um den GT3 zu erschaffen, wurden zur 188 000 Euro teuren F430-Basis noch einmal knapp 100 000 Euro investiert. Das Geld floss vor allem in zwei Bereiche: Karosserie und Fahrwerk.

Edler Brüller: Der V8 verfügt über ein Drehmoment von 465 Nm und einen kräftigen Punch.

Der Motor ist von Ferrari optimal abgestimmt. Deshalb legten die Ingenieure nur bedingt Hand an. Neben einem anderen Programm zur Motorsteuerung ist die modifizierte Abgasanlage mit Rennkatalysator die wesentliche Veränderung. Mehr braucht es nicht, denn der F430 ist, was viele nicht wissen, die wettbewerbstaugliche Weiterentwicklung des bewährten 360. Ergo legte das von Ferrari autorisierte Entwicklungsteam von Kessel Racing das Hauptaugenmerk auf den aerodynamischen Feinschliff. Es rückte den Wasserkühler in die Mitte. Dem Karosseriekleid aus Carbon verpasste es neue Front und Heckschürzen sowie neue Kotflügel. Ein mehrfach verstellbarer Carbon-Heckflügel überragt nun die Karosserie. Zusammen mit dem vorderen "Splitter" (Carbonlippe) und dem hinteren Diffusor (mehr Anpressdruck) soll das Aerodynamikpaket den roten Renner bei heiklen Bedingungen beherrschbar machen.

Der GT3 von Kessel Racing bremst mit Stahlscheiben

Nackte Tatsachen: Unter dem Carbonkleid trägt der Gran Turismo von Ferrari pure Renntechnik.

Zudem zog man dem GT3 die extra installierte 18-Zoll statt 19-Zoll-Bereifung auf. Da ist die Auswahl einfach. Zudem passt die besser zur Getriebeübersetzung. Statt mit Keramikbremsen wie beim F430 Challenge, bremst der GT3 mit Stahlscheiben. "Die sind einfacher im Handling. Das Bremsverhalten ist besser einzuschätzen und die Kosten sind deutlich niedriger", erklärt Teamchef Loris Kessel. Vierfach verstellbare Stoßdämpfer von Sachs, neue Stabilisatoren und kürzere Getrieberadsätze für den fünften und sechsten Gang komplettieren den Edelrenner. "Genau 258 Teile umfasst unser GT3-Kit. Viel Arbeit liegt im Detail", sagt Zullino stolz. Tief in der engen Sitzschale eingebettet, biege ich in die enge La Source, am Ende der neuen Boxengasse. "Nur nicht zu früh die Rennhengste im Motorraum wecken", sage ich mir. Haben die Reifen die Haftung erst einmal verloren, gibt es auf der nassen Piste kein Halten mehr. Wie kurz zuvor an der Bus-Stop-Schikane erlebt. Da war auch das für den Rennbetrieb optimierte ASR (Traktionskontrolle) machtlos. Deshalb gilt: Hirn einschalten und Gas zurücknehmen.

Beim Ritt über die Curbs wird die Flunder sensibel

Hirn einschalten: Bei Nässe dürfen die 495 Hengste in den Kurven nicht zu früh geweckt werden.

Die Eau Rouge ist schon in Sichtweite. Forza, Forza, ab geht die Post. Über die Schaltwippen am Lenkrad zappe ich mich durch das Erlebnisprogramm im "roten Mehr". Mit einem borstigen Ruck bestätigt das Ferrari-Heck die nächsthöhere Gangstufe. Mit heißem, brüllendem Motor donnere ich auf die Links-Rechts-Kombination zu. Das magische Wort Zullinos hallt in meinem Ohr: "Calma!" In meinem Fall: "Ruhig Brauner!" Heißt: rauf auf die Bremse. Dank der Stahlscheiben reagiert das Gefährt, wie angekündigt, gutmütig. Berechenbar eben. Ein kurzes Einlenken und wieder rauf aufs Gas. Mit Karacho surfen wir weiter zur Les Combes. Auf dem Powerstück kann sich der 4,3-Liter-V8 richtig ausleben. Die knapp 500 Rennpferde legen sich ins Zeug und setzen das maximale Drehmoment von 465 Nm frei. Genug Leistung, um den rund 1200 Kilo schweren Rennsportwagen kernig anzuschieben. Nur das Fahren auf Randsteinen sollte vermieden werden. Denn darauf reagiert die Flunder sehr sensibel und sorgt für ungewollte Erlebnisse hinterm Steuer. Bleibt man dagegen auf der Ideallinie, lässt sich der F430 GT3 zielsicher steuern. Bei der Rückkehr in die Boxengasse spüre ich die neidvollen Blicke aus der benachbarten Porsche-Box. Sie begleiten die Bella Macchina. Manchmal sieht die Konkurrenz eben auch gerne rot – vor allem wenn es sich um einen Ferrari handelt. Fazit: Ferrari fahren ist und bleibt etwas Besonderes. Gerade im Wettbewerb. Motor und Fahrwerk zeugen von italienischen Renn-Genen. Aber Vorsicht bei hohem Tempo in Kurven oder Regen! Dann verlangt der Hengst aus Maranello nach einer kräftigen und zugleich sensiblen Hand.

Technische Daten
MESSWERTE FERRARI F430 GT3
Beschleunigung 0–100 km/h 4,4 Sekunden
0–200 km/h 12,2 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 285 km/h
Bremsweg aus 100 km/h k. A.
Kraftstoffverbrauch ca. 48 l/100 km
FAHRZEUGDATEN FERRARI F430 GT3
Motor: Bauart/Einbaulage V8 Mittelmotor/längs
Hubraum 4308 cm3
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/2
Nockenwellenantrieb Zahnriemen
Max. Leistung bei Drehzahl 495 PS bei 8350 U/min
Max. Drehmoment bei Drehzahl 465 Nm bei 5250 U/min
Literleistung 115 PS/Liter
Getriebe 6-Gang sequenziell
Antrieb Hinterrad
Länge/Breite/Höhe/Radstand 4512/1923/1186/2603 mm
Reifentyp Michelin-Slicks, hier Pirelli
Reifengröße (v/h) 235/18 u. 295/18
Leergewicht 1190 kg
Leistungsgewicht 2,4 kg/PS
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 100 l/102 Oktan Rennbenzin
Preis ca. 288.000 Euro

Autor: Reiner Kuhn

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