Tracktest Renngespann

Tracktest Renngespann Tracktest Renngespann

Tracktest Renngespann

— 30.11.2007

Meine irre Hängepartie

Renngespanne bieten spektakulären Motorsport. AUTO BILD MOTORSPORT-Redakteurin Bianca Garloff wagte den Selbstversuch als Speed-Akrobatin. Am Ende stehen ein Dauergrinsen, Blutergüsse und ein einmaliges Erlebnis.

Ein Beifahrer kennt keinen Schmerz? Na toll! Als ob ich nicht schon genug Bammel hätte vor meiner Mitfahrt im Renngespann. Jetzt zieht mich mein Pilot Eckart Rösinger (46) auch noch auf. Seinen Copilot nenne er immer "Hämato-Man". Wegen der vielen blauen Flecken. Und ich sei nun also sein nächstes "Opfer". Zuletzt zeigt er mir noch seinen linken Fuß. Da fehlt der große Zeh. Ein Relikt aus Rösingers eigener Beifahrer-Karriere. Kommentar: "Der liegt beim 300-Meter-Schild in Anderstorp." Eckart Rösinger fährt seit 28 Jahren im Renngespann. 1996 war er Deutscher Meister – damals als Copilot, sogenannter Schmiermaxe. Seit 2005 steuert er selbst. Und jetzt will er mich das Fürchten lehren. Zunächst mit Trockenübungen. Eine nur rund einen Quadratmeter große schwarze Platte ist für die nächste Stunde mein Revier. Zwei Eisengriffe alles, woran ich mich klammern kann.

... und jetzt rechtsrum auf den Fahrer werfen.

Beim Geradeausfahren gilt: Kopf runter und so klein machen wie möglich. Um dem Wind keine Angriffsfläche zu bieten. Nebenbei mitzählen, in welchen Gang Rösinger schaltet. So schätze ich ab, wann er bremst – und ich meinen Kopf hochnehmen kann. In Rechtskurven soll ich mich auf den Fahrer werfen. Mein Gewicht sorgt dann für mehr Grip auf der Hinterachse. Geht's links herum, heißt es: Über die Knie auf die linke Seite abrollen. Po und Oberkörper aus dem Seitenwagen hängen lassen. Rösinger befiehlt: "Hintern runter!" Damit der Seitenwagen nicht aufsteigt. Kein Problem. Aber noch steht das Dreirad. Bei 120 Sachen den Po raushängen lassen? Niemals! Rösinger startet die Maschine. Ein klassisches Formel-2-Gefährt: 600 cm3 Hubraum, 125 PS, vier Zylinder, starres, ungefedertes Seitenwagenrad. "Das Gespann fährt sich wie ein Kart", verrät der Chefpilot, "mit einem Motorrad hat das nichts mehr zu tun. Und ohne Beifahrer würde ich mich überschlagen." Rösinger gibt Gas. Der Wind peitscht gegen mein Visier. Wahnsinn, diese Beschleunigung! Mein Kopf knallt so brutal in den Nacken, als würde mir jemand den Helm vom  Kopf reißen. Puh! Bei 185 Sachen ist Schluss. Meine Nackenmuskeln sagen danke. Für das abrupte Bremsmanöver danach.

Die Fußspitzen schrammen unangenehm über den Asphalt

Für Redakteurin Bianca Garloff war der Selbstversuch ein einmaliges Erlebnis.

Noch schlimmer sind Linkskurven. Da will mich die Fliehkraft mit aller Macht vom Wagen reißen. Meine rechte Hand verkrampft sich am Kotflügel. Jeder Muskel in meinem Arm schmerzt. Und jetzt soll ich auch noch auf dem Gespann umherturnen? Rösinger macht langsamer. Ich ziehe mich hoch auf den Kotflügel, drücke mich dann wieder an die äußere Ecke des Beiwagens. Dank der Fliehkräfte flutsche ich schnell in die richtige Position. So soll's sein. Würde der Beifahrer nur mit seiner Kraft arbeiten, wäre er nach zwei Runden k.o. Und trotzdem. 70 Sachen kommen mir vor wie 150. Vielleicht auch, weil meine Fußspitzen stellenweise unangenehm über den Asphalt schrammen. Und jeder mitgenommene Curb meinen Knien einen Schlag versetzt. Dabei betreibe ich ja gerade erst die Super-Soft-Version des Gespannsports. "In Zweikämpfen rammen schon mal andere Motorräder deinen Hintern", erzählt Stamm-Akrobat Bastian Born später, "das ist der absolute Adrenalinkick!" Den habe ich auch ohne Feindberührung. Dazu ein Dauergrinsen, Blutergüsse und ein einmaliges Erlebnis. Sicher!

Zum Thema Seitenwagensport: Ähnlich wie im Automobilrennsport werden die Renngespanne in Formel 1 und Formel 2 unterteilt. Formel-1-Renner werden von 190 PS starken Motoren mit 1000 cm3 Hubraum angetrieben. Das reicht für bis zu 300 km/h Topspeed. Fahrer und Beifahrer hocken dabei in einem Monocoque. Die kürzeren Formel-2-Gespanne bestehen wie klassische Seitenwagen aus einem Stahlrohr-rahmen. Ihre 600-cm3-Motoren leisten ca. 125 PS. F2-Gespanne sind rund 240 km/h schnell. F1- und F2-Gespanne fahren um die WM und den Sidecar-Eurocup (EM). Ab 2008 rast die F2 erstmals auch in der Deutschen Meisterschaft.
Technische Daten
Typ Formel-2-Gespann
Motor Suzuki GSX-R
Hubraum 600 cm³
Leistung 125 PS
Zylinderzahl 4
Gewicht 210 kg
Getriebe 6-Gang-Getriebe
Topspeed 240 km/h
Reifen Slicks/Regenreifen
Räder vo. 160, hi. 225 mm breit, 13 Zoll
Tankinhalt 42 l
Bauart Doppelschwinggabel vorn, Einarmschwinge hinten
Preis ca. 25.000 Euro

Autor: Bianca Garloff

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.