TVR T350C-S

TVR T350C-S TVR T350C-S

TVR T350C-S

— 19.12.2003

Extrem-Sportler

375 PS auf der Hinterachse, kein ESP, kein ABS. Das Ganze 1100 Kilo leicht und zur Beruhigung ein Überrollkäfig – der TVR T350C-S ist ein Auto für harte Jungs. Trocken sollte es allerdings schon sein ...

Es war einmal ein Block aus Schaumstoff ...

Man kann es kaum glauben. Da sitzt der Chef des drittgrößten unabhängigen Automobilherstellers Großbritanniens vor einem Block Schaumstoff und schabt und kratzt so lange mit Raspel und Säge daran herum, bis der Rohling aussieht wie ein Sportwagen. Wenn er schließlich mit dem Entwurf zufrieden ist, dann gibt er trocken bekannt: "Den bauen wir jetzt." So wird es gemacht, und besonders stolz macht es den Boss, dass für die Produktion seiner Autos weit mehr Stunden benötigt werden als bei jedem anderen Hersteller. Verrückt? Lächerlich? Nein, der normale Entscheidungsprozess bei TVR.

Kein Grund zum Lachen. Eher einer zum Bewundern. Der Mann heißt Peter Wheeler. Er ist Chef von TVR – in der Tat der drittgrößte Autobauer Englands, nach MG und dem Taxi-Hersteller LTI. Wheeler mutierte vor 22 Jahren vom TVR-Fan zum TVR-Chef. Er ist Ingenieur und Designer und liebt nichts mehr, als alle möglichen Dinge zu entwickeln und zu bauen. In Deutschland würde man ihn einen Tüftler nennen.

So kommt es, dass TVR trotz einer Jahresproduktion von nur etwa 900 Fahrzeugen alles selbst herstellt: Gitterrohrrahmen, Karosserien, Motoren, Cockpits, Instrumente. Diese totale Unabhängigkeit erlaubt die ursprünglichsten, wildesten und männlichsten Teile. Jeder TVR ist ein Hardcore-Sportwagen.

3,6-Liter-Triebwerk mit 350 oder 375 PS

Und auch beim neuesten, dem T350, hat sich Wheeler mal wieder so richtig ausgetobt. Basis ist der TVR Tamora. Lange Schnauze, weit nach hinten gezogenes Passagierabteil, knapp geschnittenes und brachiales Heck – so lieben es nicht nur die Briten. Unter der Haube vorn tobt der überarbeitete Reihensechszylinder, der im Cerbera 1999 debütierte. Jetzt leistet der 3,6-Liter als Basis im T350C 350 PS, aber das wird so nicht bleiben – Wheelers Spieltrieb bringt fast monatlich neue Versionen hervor.

So hat er kurz nach dem Erscheinen des neuen Sportlers ein "Performance Package" ins Angebot genommen, mit dem auch unser Testwagen bestückt war und das TVR Deutschland "S" nennt: Motor mit 375 PS, um 60 Kilo leichtere Lightweight-Karosserie, größere Bremsen, Rennkats, anderer Auspuff, geändertes Fahrwerk und 18- statt 16-Zoll-Räder. Kosten für das Power-Paket: 10.000 Euro Aufschlag auf den Grundpreis von 62.500 Euro.

Unter uns: Es ist ziemlich egal, ob dieser Motor ein paar PS mehr oder weniger hat. Dank Glasfaser-verstärkter Kunststoffkarosserie und viel Aluminium wiegt das Auto gerade mal 1100 Kilo, der Sechszylinder hat leichtes Spiel. Der Tritt aufs Gaspedal hat einen so vehementen Vortrieb zur Folge, dass man gerne noch etwas tiefer in die Schalensitze rutscht und dankbar ist für den serienmäßigen (!) Käfig, der die Insassen schützt. Typisch Wheeler: Lieber sichtbare Rohre als unsichtbare Airbags.

Überblick: Alle News und Tests zum TVR T350C

Ab 5000 Umdrehungen geht es richtig vorwärts. Für den Bedarfsfall ist gut zu wissen, dass die Bremsen genauso brachial verzögern, wie der Motor beschleunigt. Das Fahrwerk ist knüppelhart, der Schaltknauf auf dem mächtigen Mitteltunnel ungewöhnlich hoch platziert. Während die Lenkung dank Servounterstützung fast spielerisch direkt funktioniert, will die Schaltung mit Nachdruck bedient werden – ein metallischer und höchst befriedigender Vorgang.

Den Begriff "stehende Pedale" hat Wheeler wörtlich genommen, die steile Fußstellung ist gewöhnungsbedürftig. Je nach Fahrstil reagiert der T350C-S von gallig bis giftig, zu schnelles Lösen des Fußes vom Kupplungspedal quittiert das Auto mit plötzlich ausbrechendem Heck. Kurz: Der neue TVR ist ein Tier – das werten alle Mitarbeiter im Werk in der Bristol Avenue, Blackpool, und der Chef als glasklares und gern gehörtes Kompliment für ihre Arbeit.

Aber nicht nur für fulminantes Auftreten ist TVR bekannt, sondern auch für ungewöhnliche Detaillösungen. Das beginnt beim Einstieg: Knöpfe zum Türöffnen findet der geneigte Sucher unter den Außenspiegeln. Das ist nicht nur witzig, sondern erspart auch komplizierte und teure Konstruktionen in den Türen. Ebenso skurril die Tankklappenöffung: Im Kofferraum links sitzt ein fein gefräster Hebel. Wer ihn betätigt, dreht dabei den Tankverschluss zur Seite. Ein Hingucker natürlich die durchlöcherten Heckklappenscharniere, deren edle Wirkung leider durch englisch anmutende Kabelverlegung für die Heckscheibenheizung getrübt wird.

Typisch TVR: das eigenwillige Innendesign

Voller Ideenreichtum auch die Anordnung der Lichter und Scheinwerfer. Erstens hat sich Wheeler am Heck der Bumerang-Form bemächtigt, die Maserati zum Leidwesen aller 3200-GT-Fans aus Kostengründen ad acta gelegt hat, und zweitens verbaut der britische Schelm immer die gleichen Hella-Leuchten vorn und hinten, dank ständig wechselndem Design allerdings jedes Mal geschickt als völlige Neuheit getarnt. Das ist ebenso legitim wie genial.

Die volle Pracht Wheeler'scher Schaffenskraft setzt sich im Innenraum fort. Dort dominieren vorrangig zweifarbiges Kunstleder (Vollausstattung in Echtleder gegen Aufpreis), Alcantara und blankes Alu. Wo Nähte nötig sind, haben die TVR-Handarbeiter sie extra sichtbar ins Blickfeld gerückt – um die Manufaktur im ursprünglichen Sinne zu betonen. Cockpit und Schalter sind einzeln angefertigt und aus keiner Massenproduktion, ebenso der ungewöhnliche Tacho. Dort sind nur wenige Zahlen zu erkennen: angefangen bei der vier, in Viererschritten bis zur 32. Diese steht für 320 km/h – die schafft der T350C-S zwar nicht ganz, kommt aber nah dran. Eine Umschaltung auf Meilen ist möglich, eine digitale Anzeige ebenfalls, und als Bonbon kann der Fahrer die Lautstärke des Blinker-Piepens individuell einstellen.

Puristen fragen deshalb schon ängstlich, ob TVR nicht im Begriff ist, zu soft zu werden. Und sie befürchten in absehbarer Zukunft sogar die Einführung von Cupholdern – nur weil es eine zuziehbare Gepäckraumabdeckung gibt. Aber wahrscheinlich ist auch der härteste Bleifuß zufriedener, wenn ihm beim Bremsen nicht ständig irgendwelche Utensilien von hinten ins Genick fliegen.

Technische Daten im Überblick

Bei aller Sympathie: Alltagstauglich ist der TVR T350C-S nicht. Zwar ist die Maschine angeblich vollgasfest (Vorsicht: TVR kann auslesen, ob der Wagen immer korrekt warmgefahren wurde!), aber das imposante Gebrüll aus dem Auspuff wird pedantische deutsche Polizisten ständig zum Überprüfen der Lärmvorschriften bewegen. Bekannt ist auch, dass nach recht kurzer Zeit grundsätzlich der Tacho ausfällt, weil der Sensor offen an der Hinterachse hängt. Und: Im Sommer sollte immer mit Handschuhen gefahren werden, weil alle Alu-Teile auf dem Mitteltunnel – besonders der Schaltknauf – hundsgemein heiß werden. Im Winter ist das Auto sowieso unfahrbar, weil Wheeler von Traktionskontrolle und ABS ungefähr so viel hält wie die Queen von Punkmusik – nämlich gar nichts.

Mit Einführung des T350c hofft der Importeur (Tel. 0700/ 54 50 00 54, www.tvrdeutschland.de), dass bald mehr Autos hierzulande Liebhaber finden als die gerade mal 300 Stück, die bisher herumfahren. Da könnte es helfen, wenn es den knorrigen Briten ab Frühjahr 2004 auch mit Linkslenkung (Aufpreis 5000 Euro) gibt. Ende des nächsten Jahres kommt dann noch mehr Leistung: der T350R – die FIA-GT-Variante mit ungefähr 450 PS für die Straße. Übrigens: Wer das Abenteuer TVR wagt, kann zumindest die ersten zwei Jahre entspannt herumkurven – die Wartungen sind für diese Zeit im Kaufpreis mit enthalten.

Technische Daten • Sechszylinder-Reihenmotor, vorn längs • vier Ventile je Zylinder • Hubraum 3605 cm3 • Leistung 276 kW (375 PS) bei 7800/min • maximales Drehmoment 396 Nm bei 5800/min • Hinterradantrieb • Fünfgang-Handschaltung • rundum doppelte Querlenker • rundum belüftete Scheibenbremsen • Reifen 225/35 ZR 18 vorn, 235/40 ZR 18 hinten • Räder 8,5 x 18 • Länge/Breite/Höhe 3985/1835/1195 mm • Radstand 2361 mm • Leergewicht 1100 kg • Tank 63 l • Zuladung 250 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in ca. 4,2s • Höchstgeschwindigkeit ca. 300 km/h • Preis 72.500 Euro

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