Über den Dächern von Frankfurt

Treffen auf höchstem Niveau Treffen auf höchstem Niveau

Über den Dächern von Frankfurt

— 07.10.2003

Treffen auf höchstem Niveau

Diese Concept-Cars waren die Stars der IAA. AUTO BILD hat die Studien und ihre Designer zu einem exklusiven Gipfeltreffen gebeten – und erfahren, dass hinter der Show ganz ernste Absichten stecken.

Hingucker mit Signalwirkung

Die meisten Showcars sind polierte Eintagsfliegen. Sie dürfen sich auf zwei oder drei Ausstellungen wirksam in Szene setzen, doch dann geht's ab in die Asservatenkammer des Herstellers. Tuch drüber, Licht aus, Ende der Vorstellung.

Diesmal soll es anders sein. Diese fünf Musketiere sind Hingucker mit Signalwirkung. Sie werden entweder kaum verändert in Serie gehen (wie Mercedes-Benz CLS), stellen zukünftige Stilelemente zur Schau (wie Jaguar R-D6) oder dienen als Platzhalter für geplante Nischenmodelle (wie Ford Visos).

Alle fünf haben eine wichtige Mission zu erfüllen: Der Le Mans unterstreicht Audis Ambitionen in der Oberklasse, der Visos nutzt den Windschatten des Ford Capri, der R-D6 enthüllt das Jaguar-Gesicht von morgen, der CLS macht für Mercedes-Benz eine neue Nische auf, und der concept R rückt die Marke VW ein gutes Stück näher in Richtung Emotion.

Audi Le Mans quattro

Nach den Projekten Pikes Peak und Nuvolari zündet Audi mit dem Le Mans quattro innerhalb von neun Monaten bereits die dritte Stufe des "Was wir für die Zukunft planen"-Feuerwerks. Das bullige Mittelmotor-Aluminium-Coupé teilt sich den Unterbau mit dem Lamborghini Gallardo, doch bei Proportionen und Formensprache gehen die Ingolstädter eigene Wege. Das Resultat: Der Le Mans ist höher, geräumiger, praktischer und weniger extrem.

Hinter dem hellblauen Imageträger versteckt sich die Projektnummer AU714, mit der Audi im Sommer 2006 ein Zeichen setzen will. O-Ton Ingolstadt: "Wenn wir gegen BMW, Jaguar und Mercedes-Benz bestehen wollen, brauchen wir einen Top-Sportwagen." Und was ist mit Lamborghini? "Die Kunst liegt in der Differenzierung, nicht im hausinternen Wettrüsten." Deshalb wird der Le Mans vermutlich nicht mit dem in Frankfurt gezeigten Zehnzylinder debütieren, sondern mit einem hoch drehenden V8-Saugmotor. Der V10 folgt zeitversetzt und mit einem leistungsmäßigen Respektabstand zum Gallardo. Von der allgemeinen PS-Euphorie, die als nächste Stufe bereits die 700-PS-Marke im Visier hat, wollen sich die Bayern jedenfalls nicht mitreißen lassen.

Beschlossene Sache ist dagegen die heckbetonte Drehmomentverteilung des Allradantriebs im Verhältnis 40:60 zwischen Vorder- und Hinterachse, die der Le Mans quattro bereits vorwegnimmt. Auch die LED-Scheinwerfer und -Rückleuchten, der ausfahrbare Heckspoiler und das große Digitaldisplay dürften in ähnlicher Form umgesetzt werden. Statt der im Le Mans installierten sequenziellen Schaltbox setzt der Konzern dagegen auf das Doppelkupplungsgetriebe, und auch das neue Dämpfersystem "magnetic ride" steht bei Audi auf dem Prüfstand. Durchaus denkbar ist auch eine zweite Aufbauvariante. Zumindest von der Karosseriestruktur her spricht nichts gegen einen AU714 Spider.

Ford Visos

Der Visos soll eines Tages den Capri beerben, doch das Coupé hat in der gezeigten Form selbst hausintern einen schweren Stand. "Die Studie weicht in mancher Hinsicht von unserer Designphilosophie ab", erklärte Chefentwickler Richard Perry-Jones, und der oberste Designer Jay Mays ließ aus Detroit verlauten, dass Ford "mit diesem Auto erst am Anfang steht – eine weitere Evolutionsstufe ist programmiert".

Der Viersitzer basiert auf der Konzernplattform mit dem Code C1+. Dieser Unterbau entspricht dem Mondeo, nicht dem Focus. Die Bestätigung liefert der Motor, ein quer eingebauter Reihensechszylinder, der als Biturbo 350 PS mobilisiert. Die 24V-Maschine stammt von Volvo, auch der Allradantrieb ist aus Schweden. Als Spitzenmotorisierung ist ein aufgeladener Vierzylinder vorgesehen, der im ST 220 PS und im Cosworth sogar 300 PS leisten dürfte.

Capri-Reminiszenzen wie die funktionslosen Lufteinlässe in den hinteren Seitenteilen und die rund auslaufenden Seitenfenster wird man wohl noch einmal überarbeiten müssen, doch mit dem Prinzip der "aktiven Oberflächen" liegt der Visos voll im Trend. Die Idee, gewisse Funktionen nur dann sichtbar zu machen, wenn sie vom Fahrer oder situationsbedingt aktiviert werden, verdeutlichen am besten der bewegliche Heckdiffusor und der aus- und einfahrbare Dachspoiler.

Innen schmiegen sich die Sitze im Sportmodus enger an den Körper, die Instrumentengraphik verändert sich, das Lenkrad rückt näher heran, und aus der Mittelkonsole fährt ein spezieller Schalthebel für sequenzielle Gangwechsel heraus. Zukunftsweisend ist auch die Bordelektronik, die per Laptop mit der Software versorgt werden kann. Wann mausert sich der Visos zum Capri? Das hängt ganz vom neuen Europa-Chef Lewis Booth ab. Unser Tipp: Frühjahr 2007.

Jaguar R-D6

Der R-D6 wird in dieser Form ganz bestimmt nie in Serie gehen. Das Auto ist zu klein, das vom Mazda RX-8 ausgeborgte Türkonzept zu teuer. Trotzdem sollte man der kompakten Katze tief in die Augen schauen, denn die Front mit dem Wappengrill und den Doppelrundscheinwerfern werden wir bei allen zukünftigen Jaguar wiederfinden. Das neue Gesicht, das nicht von ungefähr an den unvergessenen Mk II erinnert, ist allerdings für die Sportwagen tabu. Der nächste XK8/R und der kleinere XK6/R erhalten stattdessen schlanke Freiflächen-Scheinwerfer und einen ovalen Lufteinlass im Stil des E-Type.

Den direkten Weg von der Studie in die Serie nimmt der neue 2,7-Liter-V6-Diesel, der ab 2004 zunächst im S-Type angeboten wird. Eindeutige Querverbindungen zwischen Show und Produktion gibt es auch bei der Gestaltung des Innenraums. In Zukunft wird Jaguar ein viel breiteres, deutlich avantgardistischeres Spektrum an Werkstoffen und Oberflächen anbieten.

Dabei spielt Aluminium eine immer wichtigere Rolle. David Thursfield, der bei Ford für das internationale Geschäft zuständig ist, bringt die Strategie auf den Punkt: "Zur Jaguar-DNA gehört ab der nächsten Modellgeneration noch konsequenterer Leichtbau, dazu nach Möglichkeit wahlweise Heck- und Allradantrieb."

Mercedes-Benz CLS

Dass viertürige Coupés den Zeitgeist-Nagel genau auf den Kopf treffen, beweist neben dem R-D6 auch der Mercedes-Benz Vision CLS. Die Schwaben bezeichnen das Fünfmeterauto zwar verschämt als Studie, doch in Wahrheit wird der Wagen ohne nennenswerte Änderungen schon Ende 2004 in Sindelfingen vom Band laufen. Nur das einteilige Glasdach und ein paar Details innen haben reinen Showcharakter.

Der CLS basiert auf der aktuellen E-Klasse, wurde aber von Kopf bis Fuß neu eingekleidet und ist aus fast allen Blickwinkeln mehr Coupé als Limousine. Gut merken sollte man sich die stehend angeordneten Scheinwerfer und die markante Blechsicke, die sich von den vorderen Radläufen bis zu den hinteren Kotflügeln spannt – so ähnlich wird auch die nächste S-Klasse ...

VW concept R

Der concept-R-Roadster hat zwei Aufgaben: Er soll das Publikum auf das neue VW-Gesicht mit der gepfeilten Haube, den kombinierten Rund- und Rechteckscheinwerfern und dem verchromten Grill vorbereiten, und er soll den Weg bahnen für einen relativ erschwinglichen Sportwagen. Der könnte schon in rund drei Jahren verfügbar sein.

Kaum praktikabel dürfte das Cockpit des Einzelstücks sein, das mit schwenkbaren Instrumenten, fest verankerten Sitzen und verchromten Bedienungselementen ausgestattet ist. Während in der Studie der bekannte 3,2-Liter-V6 mit 265 PS Dienst tut, ist für die endgültige Version eine Hubraumerhöhung auf 3,6 Liter und eine Leistungssteigerung auf 300 PS vorgesehen. Verblockt ist der kompakte Sechszylinder mit dem genialen Direktschaltgetriebe (DSG). In Kooperation mit Lotus arbeitet VW bereits an zwei weiteren Heckantrieblern, die das Programm nach unten abrunden sollen.

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