Lada Niva

Unterwegs mit dem Lada Niva Unterwegs mit dem Lada Niva

Unterwegs mit dem Lada Niva

— 23.03.2002

Held der Arbeit

Ja, es gibt ihn noch - diesen alten Russen. Robust, rustikal, billig. Mit ihm zu leben bedeutet Rückfall in die technische Steinzeit. Doch als Genosse im Gelände erweist sich der Niva als echter Kumpel.

Niva fahren heißt Verzicht auf alles

Was mag die Frau in ihrem schicken X5 hinter mir nur gedacht haben? Armes Schwein oder unbelehrbarer Sozialist? Vermutlich beides. Denn ich sitze in einem Lada Niva für 19.990 Mark. Neuwagenpreis, versteht sich. Nahezu unglaublich, oder? Manche werden sich an dieses russische Allrad-Urgestein noch gut erinnern. Damals, Anfang der 80er, hatte der kleine Niva (mit 3,72 Metern kürzer als ein Opel Corsa) einen Anteil von über 40 Prozent am Geländewagenmarkt. Und heute? Steht er vergessen im Regen.

Was Wunder. Der kapitalistische Fortschritt hat ihn um Lichtjahre altern lassen. Seine Technik und Ausstattung wirken so antiquiert, dass ich mich ernsthaft frage, wie es diese Nation bloß geschafft hat, den ersten Menschen in den Weltraum zu schießen. Man muss schon ein bisschen verrückt sein oder ihn kultig finden, um ihn zu mögen.

Knuffig aussehen tut er ja, so hoch gelegt auf seinen dünnen Reifen. Wirkt irgendwie unschuldig gegen all seine asphaltverweichlichten Artgenossen, jene aufgemotzten, modischen Lifestyle-Boulevard-Cruiser, denen dicke Alufelgen und verchromte Rammbügel wichtiger sind als ein zuschaltbares Sperrdifferenzial oder eine Geländeuntersetzung.

Diese Mauerblümchen-Zurückhaltung macht den Niva sympathisch - und den Fahrer cool, weil er über den Dingen steht, keine Show braucht und klassischen Maschinenbau besser findet als sechs Airbags. Anders sind die vielen Unzulänglichkeiten dieses russischen Land Rover auch gar nicht zu entschuldigen.

Keine Airbags, aber drei Aschenbecher

Schon wenige Kilometer reichen zur Einsicht, wie verdammt verwöhnt wir sind in unseren modernen Hightech-Kisten, die perfekte Sicherheit suggerieren und wo alles elektrisch rauf- und runtersurrt. Der Niva hat nichts von dem. Kein ABS, keine Airbags, keine höhenverstellbaren Sicherheitsgurte, weder Gurtstraffer noch Gurtkraftbegrenzer, keine Servolenkung, keine Sitzhöhenverstellung, keine Zentralverriegelung, nicht mal eine Uhr. Cupholder? Imperialistisches Luxusgut. Russen rauchen lieber: Der Niva hat drei Aschenbecher.

Komfort? Ebenfalls nicht vorhanden. Höchstens, dass im Winter keiner erfrieren muss und im Sommer der Regen draußen bleibt. Ansonsten rappelt und rumort es im Gebälk, dass erst beim nächsten Ampelstopp wieder zu verstehen ist, was da gerade im Radio (Aufpreis) plärrt. Der lange Schalthebel erinnert an einen Kleinlaster der Sechziger. Er zittert wie ein Einkaufswagen auf Pflastersteinen, der Antriebsstrang dröhnt, dass man freiwillig nicht schneller als 100 km/h fährt. Das Getriebe singt, die Lenkung ist indirekt und schwergängig, jede Kurve wird zum persönlichen Feind.

Klar, dass sich so der Wohlfühleffekt nicht recht einstellen mag. Zumal auch der Innenraum die Behaglichkeit einer sibirischen Bahnhofshalle versprüht. Das speckig glänzende Plastik scheint noch aus den Anfängen der sozialistischen Kunststoffproduktion zu stammen. Da verwundert doch irgendwie die umständliche Wegfahrsperre (Schlüsselanhänger jedes Mal wieder gegen die kleine rote Lampe halten). Denn nicht nur die Optik, auch der Geruch schlägt jeden Dieb in die Flucht. Bei heißem Wetter lässt es sich im Niva nur mit offenem Fenster überleben.

Rauer Russe für Großstadt-Genossen

Fortschrittlicher gibt sich der Motor, zumindest abgastechnisch. Den 1,7-Liter-Vierzylinder befeuert eine Multipoint-Einspritzanlage - ausgerechnet vom ehemaligen Klassenfeind General Motors, USA. Mit seinem Kat schafft der Niva sogar Euro 3. Seine Trinksucht ist damit nicht geheilt: 11,6 Liter, ein bisschen viel über den Durst. Der Reichweite dient das natürlich nicht: Nach 360 Kilometern steht der Niva still.

Lässt der Lada auf der Straße auch viel vermissen, in Wald und Flur wird er zum wahren Helden der Arbeit, meistert souverän auch die matschigsten aller Matschwege, wühlt sich mit Wonne durch den Dreck. Eine Freude für jeden Förster. Vorausgesetzt, er hat vorher (im Stand bei getretener Kupplung) die beiden kleinen Hebel neben dem Schaltknüppel bedient. Der vordere sperrt das Verteilergetriebe, der hintere legt die Geländeuntersetzung ein.

Dampfend, stolz wie Oskar und dreckig bis zu den Scheiben steht er dann da, möchte am liebsten hinaushupen: "Seht her, ihr Großstadt-Genossen, ich bin zwar nur ein rauer alter Russe, aber seit über 20 Jahren fahre ich Millionen Menschen bis in die letzten Winkel unseres riesigen Landes, treu und zuverlässig. Und diese Menschen scheren sich einen Dreck um Airbags, ABS oder ESP. Sie sind schlicht froh, überhaupt anzukommen." Ich wette, daran hat die Dame im X5 hinter mir bestimmt nicht gedacht. Ich gestehe, ich auch nicht.

Technische Daten



Technik Motor Vierzylinder vorn längs • Hubraum 1690 cm3 • Leistung 60 kW/82 PS • Drehmoment 133 Nm bei 3200/min • Fünfganggetriebe • Allradantrieb • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Reifen 185/75 R 16 • Kofferraum 380 l • Tank 42 l • Wendekreis 11,0 m • Leergewicht 1170 kg • Zuladung 440 kg • Anhängelast 1490 kg • Ölwechsel alle 10.000 km • Beschleunigung 0 auf 100 16,3 sec • Höchstgeschwindigkeit 137 km/h • Testverbrauch 11,6 l N • Bremsweg aus 100 km/h (kalt/warm) 52,0 m/50,5 m • Preis 19.990 Mark • Vertrieb www.lada.direkt.de

Autoren: Michael Specht,

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