Unterwegs mit dem Straßenbegeher

Der Schlaglochfahnder Der Schlaglochfahnder

Unterwegs mit dem Straßenbegeher

— 23.03.2002

Der Schlaglochfahnder

Mission Rumpelpiste: Siegfried Plötz erforscht den Zustand von Berlins Straßen. Zu Fuß. Ein Leidensbericht.

5100 Rumpel-Kilometer

Oh, Gott, meine Füße. Oder besser das, was heute morgen noch meine Füße waren. Jetzt, zehn Kilometer weiter und drei Stunden später, fühle ich nur noch zwei schmerzende Klumpen. Und doch müssen sie weiter, immer weiter. Sonst ist Siegfried irgendwann weg. Der kennt ja keinen Schmerz. Nicht mehr. Jedenfalls nicht an den Füßen.

Beim Frühstück hatte ich noch gedacht: Siegfried Plötz (45) hat einen Traumjob. Geht spazieren während der Arbeitszeit, jeden Tag. Und wird dafür weder angemeckert noch abgemahnt. Siegfried ist Schlaglochfahnder, offiziell Straßenbegeher genannt. Läuft den Berliner Bezirk Lichtenberg ab und sucht und meldet Straßenschäden, damit das Tiefbauamt weiß, wo saniert werden muss, und keiner die Stadt verklagt, weil er oder sein Auto auf einem der 5100 Berliner Rumpel-Kilometer zu Schaden kam.

Siegfrieds Büro im Tiefbauamt, kurz vor acht. Plötz sitzt vor einer Karte mit Lichtenberger Häuserblocks. Ein Wirrwarr aus Strichen, in die auch noch eine rot-schwarze Linie gequetscht wurde. "Det IS meene Route für heute. Jibt allet der Bauaufseher vor", berlinert er, "selber entscheiden darf ick gar nüscht." Straßen, die von mehr als 10.000 Fahrzeugen pro Tag benutzt werden, laufen Plötz und seine drei Kollegen alle 14 Tage ab. Die weniger befahrenen alle zwei Monate. Fahrrad fahren ist verboten, Walkman auf den Ohren auch. Sollen ja alles mitkriegen, die Schlaglochfahnder.

Viel zu melden, aber wenig Geld

Abmarsch um kurz vor neun. Schon hinter der ersten Kreuzung zückt Plötz sein Diktiergerät und redet Schlagloch- Latein: "Lüchtichau Nummer sechs jegenüber. Kurve. Poller. Ein Quadratmeter. Mosaik und Schweineköppe." Schweinewas? "Schweineköppe", sagt Siegfried.

Er meint: Im Lüttichauweg hat jemand einen Poller angefahren. Das Pflaster aus Mosaiksteinen und Steinplatten, die oben dreieckig zulaufen (Bauarbeiter-Jargon: Schweineköpfe), wurde auf einem Quadratmeter Fläche beschädigt. Bedeutet: akute Stolpergefahr.

So geht das die nächsten Stunden munter weiter. Plötz registriert abgesackte Betonplatten, Löcher in der Fahrbahn, durch Baumwurzeln gehobenen Asphalt. "Versteh ick nich", klagt er, "warum die die Bäume immer so dicht an die Straße setzen." Er würde gerne jede Kleinigkeit melden. Macht er aber nicht.

"Een Loch is ab vier Zentimetern ne Gefahrenstelle. Wenn es nach mir jinge, müsste jeder kleene Riss weg. Ick will ja och schöne Straßen haben." Aber dafür fehlt dem klammen Berlin das Geld. "Manchmal melde ick een Schlagloch, und een Monat späta isses immer noch da. Det ärgert mich. Spaß macht der Job, wenn man sieht, dass was repariert wurde."

60 Mark für neue Arbeitsschuhe

2100 Mark netto bekommt ein Straßenbegeher - plus 60 Mark Aufwandsentschädigung für neue Schuhe. Aufstiegschancen gibt es nicht, eine Ausbildung für den Beruf auch nicht. Mal mit einem erfahrenen Kollegen mitgehen ist alles. Viele Möchtegern-Fahnder haben da schon genug. "Beim ersten Mal tun jedem die Füße weh.

War bei mir nicht anders", gesteht Plötz, der vor zwei Jahren seinen Job als Lagerplatzleiter ("zu langweilig") aufgab. Bei den Wegewarten in Hamburg oder Straßenbauaufsehern in München wohl auch nicht. Nur die Kölner Wegebegeher dürfen (auch) mit dem Auto fahren.

Neid? Dafür hat Siegfried keine Zeit, er diktiert schon wieder: "Volkradstraße 64 bis 54. Zufahrt. Erhebung gebrochen. Sehr zerstört." Was Plötz erst sagt, als das Gerät wieder ausgeschaltet ist: "Ick bin mal jespannt, wann die hier endlich wat machen. Det kannste ja bald als Sprungschanze benutzen."

Nach 12,5 Kilometern und fast vier Stunden ist die Schlaglochtour geschafft. Über meinen Rücken rinnt Schweiß, meine Kehle schreit nach Wasser. Siegfried fragt: "Na, war doch nich so schlimm, wa?" Ich nicke. Und behalte das mit den Füßen lieber für mich.

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