Urlaub mit dem DB Autozug

Urlaub mit DB Autozug

— 14.02.2006

Lorenz krabbelt nach Tirol

Wir wagten den Selbstversuch: Mit Sack und Pack und Kleinkind auf dem Doppelstrang nach Tirol. Ein Mega-Koffer auf Rdern war brigens auch dabei.

Weinprobe im Schlafabteil

Als Lorenz (zwlf Monate alt) den knapp 30 Meter langen Schlafwagenkorridor frhlich zur Krabbel-Piste erklrt, dmmert es uns. Vielleicht doch keine schlechte Wahl! Drauen dmmert's auch. Dem Morgen graut, aber wir nicht am Steuer. Und: gleich da! Der Reihe nach: Eine Testtour mit dem DB Autozug ist fr Vertreter der Generation Golf, die eher Autofahren lernten als laufen, eine Herausforderung. Was da alles schiefgehen kann!? Das fngt an mit endloser Suche nach dem Verladebahnhof und hrt so bald nicht auf. Was etwa, wenn mein Auto zu dick ist fr den Zug? Oder wenn ich nicht rechtzeitig aussteige und bis Innsbruck im Wagen sitzen bleiben mu? Oder wenn ich mich auf dem Autozug verfahre? Phantasierte ich panisch. Aber alles kam anders.

Erst mal kommt jetzt der Kellner im Speisewagen mit dem Frhstck. Krabbelknig Lorenz kriegt seinen Bananenbrei, aufgewrmt in der Speisewagen-Mikrowelle. Alles ganz harmonisch, und soeben teilt eine Lautsprecherstimme mit, Innsbruck liegt noch eine halbe Stunde entfernt.

So harmonisch sah das gestern Abend noch nicht aus: Durch Schnee und Eis zum Verladebahnhof Hamburg-Altona. Als alter Hanseat wei ich ja, wo das ist aber die Autozug-Piktogramme leuchten schon ab der Autobahnabfahrt Othmarschen hell durch die Nacht. Whrend Lorenz quakend nach seinem Nachtmahl verlangt, erreichen wir die Station. Einchecken, bitte links einordnen (rechts geht's nach Mnchen). Bei minus zehn Grad warten wir auf die Verladung. Dann mal los: Langsam rollt die Autoschlange ins Bahnhofsgebude. Unter aufmunternden Zurufen der plastikbehelmten Autozug-Ladeleute steuere ich in die schwarze Hlle. Nix fr Klaustrophobe, diese Enge ohne Beschilderung. Immer den roten Bremsleuchten des Vordermanns nach. Quietschend knutscht mein Vorderreifen die zentimeterhohe Bordwand. Stop! Sehr gerne. Jetzt nur noch abschlieen, sich aus dem Doppelstockwagen winden und den Weg zum Abteil finden.

Dort empfngt uns mit Kchenchef-Lcheln und zwei Miniflschchen Rotwein unser Schaffner. Kein Traum? Whrend der Zug langsam aufdreht, machen wir das Gleiche: Prost auf die Reise mit Auto und Zug! Genlich auf der Koje ausgestreckt, lstert meine Freundin Uta, der leckere Rebensaft diene wohl als Schlummertrunk, damit wir den Lrm wenigstens halbwegs berstehen. Doch weit gefehlt: Die Waggons sind neu konstruiert, Fahrgerusche halten sich in engen Grenzen. Das findet sogar Lorenz, der seinen zarten Baby-Schlaf nur zweimal unterbricht diese Nacht.

Der Tag beginnt gemtlich mit Morgentau-Tee und frisch aufgebackenen Rundstcken. Drauen fliegen Eis und Schnee vorber und auch so manche zugestaute Strae. Hinter Mnchen werden die Winterimpressionen pittoresk, die Berge himmelhoch, der Himmel bayerisch-blau. Dann ist Innsbruck erreicht: Alles aussteigen! Wir wandern ohne Hast zum Verladebahnhof und steuern vor einer grandiosen Alpenkulisse unsere Autos vom Zug. Keine Kontrollen, kein Theater, los geht's!

Urlaub unter der Autobahn

Nachdem das Abladen noch entspannter vor sich ging als das Aufladen (was auf die sdlndische Gelassenheit der Tiroler zurckzufhren sein mag), freuen wir uns ber die kurze Reststrecke: 30 Kilometer liegen nur noch vor uns! Das Reiseziel lautet Matrei im Wipptal eine fr uns unbekannte Gre. Zumal wir es schon lngst kennen; aber nur von der gelegentlichen Durchreise. Denn das Wipptal ist eines der meist frequentierten Tler sterreichs. Wer jetzt an kilometerlange Schlangen vorm Lift und berfllte Kneipen denkt, irrt. Durchs Wipptal fhrt nmlich die Brennerautobahn. Effekt: Alles rast vorbei, 18 Millionen Fahrzeuge pro Jahr, aber fr die Schnheiten am Rande hat natrlich keiner ein Auge. Dabei haben es vor allem die Seitentler in sich: Hier ist vom Autobahn-Lindwurm, der sich auf Stelzen wie eine Riesen-Murmelbahn am Hang entlang windet, weder was zu sehen noch zu hren.

Matrei selbst liegt an der alten Pa-Strae, die seit der Erffnung der Autobahn in den 60ern wieder ganz schn ruhig geworden ist. "Seitdem knnen wir ruhige Zimmer tatschlich auch wieder als 'ruhig' vermarkten", sagt Florian Obojes lachend. Der 26jhrige fhrt das Parkhotel, grtes Haus Matreis und insbesondere kulinarisch eine empfehlenswerte Adresse. Bei Schlutzkrapfen, Spinatkndeln und Kasnocken, serviert unter den kunstvollen Schnitzereien der Ladiner Stube, vor Augen ein massiger Bauern-Kachelofen, stellt sich Tiroler Gemtlichkeit ein. Drauen liegt ein halber Meter Schnee, von der Sonne beschienen, darber zackige Gipfel und tiefblauer Himmel. Urlaubswetter! Franz Obojes, Vater des Jung-Hoteliers und Tourismus-Aktivist, empfiehlt uns als Ausflugsziel das Kloster Maria Waldrast. Es liegt auf 1600 Meter, betreibt eine "Jausenstation" und ist Ausgangspunkt einer 3,6 Kilometer langen Rodelpiste. Die Schlitten dazu gibt's im Hotel.

Schnee im Hamburger Tiefland ist das ja nur eine vorbergehende meteorologische Belstigung, ein kurzes rgernis. Kaum da, ist er schon wieder weggeschmolzen und hinterlt nur Matsch und gelegentlich Blechschaden. Im Gebirge dagegen ist Schnee ein Zustand, mit man leben mu und kann, wie man den Bewohnern ansieht. Ein Lebensgefhl wie Sommerwiese oder Blumenbalkon. Wo es monatelang liegen bleibt, kann man mit dem wsten Wei erst wirklich etwas anfangen. Zum Beispiel: Rodeln. Doch vor dem Ab- kommt der Aufstieg: Schneeketten anlegen, fr mich Flachlnder ein Erlebnis wie Schnee fr Elefanten. Es fngt bereits mit dem Aufziehen an: Wo kann denn bei der Hkelei das Ende sein? Nach unendlichem Gepuzzel habe ich unserem Skoda Superb das rasselnde Schuhwerk auch richtig angezogen und hoffe auf die Gnade des Glcks. Es knirscht, es knackt, und wir setzen uns tatschlich in Bewegung!

Maria Waldrast ist der hchste Wallfahrtsort Europas, schon auf der Strecke weisen mehrere hbsche Kapellen darauf hin. Oben lehnen die bunten Schlitten an dicken Mauern, die Menschen hngen auf der Terrasse bei Kaiserschmarrn und Jagertee und rkeln sich in der Sonne! Nur ungern verlassen wir diese Idylle mitten im Tiefschnee wieder, doch Lorenz fngt an zu meckern. Babys Laune rettet man in unserem Fall am besten mit Tempo. Also rauf auf den Rodel und zu Tal. So eine Tiroler Schlittensause (brigens dank Beleuchtung auch nachts befahrbar) hat sich gewaschen vor allem nach ein paar Wochen abwechselndem Tau- und Frostwetter. Zwischendurch reicht's beinahe zum Crashtest ohne Airbag, doch wir kommen an. Und Baby ist wieder zufrieden. So vergeht die Zeit mit Rodeln, Wandern, Saunen und Autoausflgen in die stillen Seitentler recht schnell; der Tag der Abreise naht.

Mitropa-Service mit Babyphon

Zurck zum DB Autozug-Terminal nach Innsbruck, aufladen, einsteigen, abfahren, ankommen. Klingt einfach. Doch vor die Einkehr im Mitropa-Speisewagen haben die Gtter das Verirren gesetzt. Matrei verlassen wir bei Sonnenschein, das Wipptal hinab nach Innsbruck. Um die 30 Kilometer, wie gehabt. Das Zentrum mit Hofburg und barocker Altstadt ist auch einen Besuch wert, soda wir erst bei Dunkelheit das labyrinthische Parkhaus unter dem Stadttheater wieder verlassen. Wo ist jetzt der Bahnhof? Beim Einchecken in Hamburg hat man mir noch einen Handzettel berreicht, auf den rckseitig eine Anfahrskizze zur Verladestation in sterreich gedruckt war. Wie das auf Reisen so eine Gesetzmigkeit ist, liegt die Skizze an unterster Stelle ganz hinten im Kofferraum. Auch die niedlichen Piktogramme sind im Feierabend-Rush bei funzeliger Straenbeleuchtung nicht auszumachen. Eine nette Tankwartsfrau fhrt uns vllig in die Irre, erst ein deutscher (!) Autofahrer kennt den Weg.

Am Terminal Totentanz. Kein Zug, keine Autos, Menschen schon gar nicht. Auweia, alles verpat? Doch die 1000 Kilometer "von Hand" zurckfahren? Leidenschaftlicher Autofahrer sonst, ertappe ich mich dabei, wie mir bei dem Gedanken gar nicht wohl ist. Doch da rappelt's auf einem abgestellten Doppelstockwagen, ein Playmobilmnnchen in leuchtorange tappt auf mich zu. "Geht's hier nach Hamburg?" Der Mann weist auf einen fast leeren Wagen heute nicht so viel los. Das Aufladen erledige ich routiniert mit links, dann schleppen wir uns mit Baby und tonnenweise Gepck zum Personenbahnsteig. Kofferkulis Fehlanzeige wrden auch kaum ntzen, denn wir mssen durch eine enge Unterfhrung ohne Rolltreppen. Einziger Moment der Reise, wo mangelnder Komfort strt. Als wir dann auf dem Bahnsteig stehen und uns "unser" Schaffner im Schlafwagen begrt (natrlich wieder mit Rotwein!), ist das bereits vergessen.

Lorenz erweist sich als echter Reiseprofi, er schlft sofort nach Abfahrt ein und lt sich bis morgens um halb acht nicht mehr stren. Wir knnen derweil ins benachbarte Mitropa-Coup abtauchen das heit, mit Unterbrechungen: Leider funktioniert das Babyphon nur bis zum Ende des Abteils, durch die Metall-Hlle des Waggons dringen die schwchlichen Funkwellen nicht durch. Also mu ich mein Mahl alle fnf Minuten unterbrechen, mich durch die Sssssscht!-Automatiktr schwingen und zum Funkgert greifen: alles ruhig!

Whrend khles Bier serviert wird, haben wir Zeit zum Resmieren: Auf der Reise von Hamburg-Altona nach Hamburg-Altona hat unser Skoda V6 ganze 300 Kilometer auf dem Tacho gesammelt. Davon waren wir erinnern uns keine 70 Kilometer vom Bahnhof zum Hotel und retour. Macht also 230 Kilometer, die wir in Wipptal und Umgebung aus purem Jux herumgesaust sind. Htten wir das nicht auch mit dem Skibus den Hotelgste brigens kostenlos benutzen drfen machen knnen? Wohl kaum; denn mit Baby, Wickeltasche, Provianttasche, Flschchenwrmer und eigenem Gepck im Winter auf den PNV zu bauen, das ist keine gute Idee. Man schleppt sich routiniert zu Tode, hat keine mobile Wrmestube, kann nichts auskramen etc. Das Auto ist eben doch entgegen der herrschenden Meinung vieler Mobilittsforscher mehr als nur ein Transportmittel.

Es ist die eigenen vier Wnde, die Kramkiste auf Rdern, die mobile Heimat, die Entspannung hinter Blech und Glas (und auf heizbaren Sitzen). Und so ergibt die Reise mit DB Autozug Sinn. Die Alternative Mietwagen wre uns entschieden kostspieliger gekommen. Und auch hier das ewige Problem: Ausrumen einrumen umrumen hin- und herrumen. Mit dem eigenen Auto unterbleibt das. Als wir wie die Veteranen am nchsten Morgen in Altona vom Zug rollen (fehlt nur noch, da die Menge der Reisenden uns Blumen und Hte zuwirft), steht fr uns fest: Auch Generation Golf profitiert vom Bahn-Reisen. Solange das Lieblings-Blech immer in Rufweite ist.

Autor: Roland Wildberg

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