Vergleich Allrad-Siebensitzer

Vergleich Allrad-Siebensitzer

— 16.09.2004

Naturburschen mit Familiensinn

Wer einen strapazierfhigen Allradler mit richtig viel Platz sucht, hat wenig Auswahl, wenn die Haushaltskasse bei 30.000 Euro das Limit setzt. Da gibt es nur diese Odltimer ab Werk.

Viel Auto fr wenig Geld

Der Anblick eines vorbeifahrenden Oldtimers lt viele Passanten einen Moment innehalten. Die Zeit scheint fr eine kurze Zeit stehenzubleiben. Wie war das noch damals? Lang ist es her. Die gedankliche Rckblende funktioniert bisweilen auch bei Neuwagen. Der krzlich endgltig ausgelaufene VW Kfer weckt Erinnerungen. Und der immer noch munter weiterproduzierte Land Rover Defender ist ebenfalls ein Sinnbild des fabrikneuen Oldtimers. Seine letzte umfassende berarbeitung bekam der seit 1948 weitgehend in Handarbeit montierte Brite vor 13 Jahren spendiert, mit der Einfhrung eines modernen Turbodieselmotors mit Direkteinspritzung. 1999 kam der heute noch verwendete Fnfzylinder-TD mit elektronischer Pumpe-Dse-Hochdruckeinspritzung.

Seit 1991 luft der Mitsubishi Pajero Classic vom Flieband in Japan. Die ersten neun Jahre wurde er in Deutschland ohne den Zusatz "Classic" verkauft. Der war erst notwendig, um ihn von seinem im Jahr 2000 prsentierten und wesentlich teureren Nachfolger unterscheiden zu knnen. Kaum jnger: der Nissan. Als Terrano II kam er vor elf Jahren auf den Markt. Er kombinierte die schlichte Technik des Ur-Terrano von 1986 mit einer in Italien gestylten Karosserie. Gebaut wird er in Spanien. Die beraus gnstigen Preise von weniger als 30.000 Euro machen die drei gerumigen Oldies attraktiv.

Sie bieten viel Auto fr wenig Geld. Dazu kommen handfeste Argumente: Keiner kann weniger als 610 Kilo zuladen, keiner schleppt weniger als 2,8 Tonnen, keiner hat weniger als sieben Sitzpltze. Drei ausgewachsene Gelndewagen, jeder mannshoch, ein jeder mit einem robustem Fahrwerk und einem soliden Unterbau, der so schnell nichts krummnimmt. Die Kehrseite der durchweg betagten Konzeptionen: Wer, wie heute in Deutschland blich, gesteigerten Wert auf moderne Sicherheitstechnik legt, wendet sich mit Grausen ab. Elektronische Antischleuderhilfen wie ESP gibt es zum Beispiel in keinem der drei.

Rustikal nagelnde Dieselmotoren

Der Nissan kann immerhin mit vorderen Front- und Seiten-Airbags dienen, der Mitsubishi lediglich mit zwei Front-Airbags; der Land Rover hat berhaupt keine. Dazu kostet beim Briten das ABS sogar Aufpreis, es kann aber nicht verhindern, da bei einer Vollbremsung nur Oldtimer-mige Bremswerte von ber 50 Meter aus Tempo 100 zustandekommen. Der konstruktiv modernere Mitsubishi bremst fnf Meter krzer und damit so gut oder so schlecht wie ein aktueller Lieferwagen. Nur der Nissan verdient mit nochmals fnf Meter krzeren Bremswegen das Prdikat sicher. Man mu dennoch kein Fatalist sein, um den drei Kandidaten etwas abzugewinnen. Es hilft schon ein gewisses Interesse an Technik, vorzugsweise an Mechanik.

Alle drei lassen ihren Fahrer mehr oder weniger unverblmt teilhaben an den Ablufen unter dem Blech. Ihre Dieselmotoren starten bei Klte noch so rustikal nagelnd, wie wir es im Zeitalter von Common-Rail lngst vergessen haben. Ihre Allradtechnik will noch mittels krftiger Arme per Hebel beeinflut werden. Xenon-Licht, Innentemperaturregelung, Parkpiepser, Regensensor, Automatikgetriebe, Reifendruckkontrolle all das wird man hier nicht finden. Aber vermissen wir das wirklich? Wer jetzt mit Nein antwortet, darf sich die drei Kandidaten ruhig nher ansehen.

Die mit Abstand meisten Zugestndnisse verlangt im Alltag der Land Rover. Man thront unerreicht hoch ber dem Verkehr, aber die Sitzposition selbst ist einfach unmglich: ganz dicht an die Tr gezwngt, dicht vor einem flach stehenden Riesenlenkrad, ohne Platz fr den erholungsbedrftigen Kupplungsfu. Dazu irritieren nachts die Spiegelungen in den planen Scheiben. Bei Klte dauert es mindestens eine halbe Stunde, bis die Heizung zumindest vorne so etwas wie Behaglichkeit schafft; hinten bleibt es eiskalt. Zu jeder Jahreszeit mu man sich dazu mit einer unerreicht teigigen Lenkung, einem Omnibus-artigen Riesenwendekreis und dem laut drhnenden Dieselmotor arrangieren.

Preise und Ausstattungen

Die Vorzge des konsequenten Briten, der nie etwas anderes sein wollte als ein hochgelndegngiges Nutzfahrzeug, liegen auf der Hand: Er kann immer noch munter zuladen, wenn den anderen das Heck lngst in die Knie gegangen ist. Er zieht mhelos die schwersten Anhnger, wenn die anderen lngst mit rauchender Kupplung aufgeben. Er kmpft sich unbeschadet durch hrtestes Gelnde, wenn die anderen lngst mit abgerissenen Plastikteilen und mit krummen Radaufhngungen nur noch ein Anblick des Jammers sind. Nicht so konsequent, aber im Alltag wesentlich geflliger wirkt da der Mitsubishi. Sein Motor ist zwar mit einem hnlich dramatischen Turboloch geschlagen wie der des Land Rover, hat aber deutlich bessere Manieren. Er vibriert kaum, nagelt vergleichsweise dezent, und auf der Autobahn ist der Pajero 18 km/h schneller als der Defender.

Sparsamer ist er allerdings nicht. Kein Wunder, der Motor ist ein uralter Wirbelkammer- Diesel, der bereits 1983 den allerersten Pajero antrieb. Zugestndnisse erfordert auch der Allradantrieb des Mitsubishi. Nicht nur da er lediglich starr zuschaltbar ist, das wre in dieser Preisklasse noch verzeihlich. Aber man mu grundstzlich vor dem Zuschalten auch noch anhalten, was am verschneiten Berg bei der heutigen Verkehrsdichte fr wtende Hupkonzerte sorgt. Dafr sitzt man im Mitsubishi recht anstndig, die Hinterbnkler freuen sich ber ausreichend Raum. Die Lenkung berfordert niemanden, aber der Wendekreis ist bei ihm auch viel zu gro.

Und mit den erlaubten 3,3 Tonnen Anhngelast am Haken geht dem drehmomentschwachen Altdiesel endgltig die Puste aus. Dank serienmiger 100-Prozent-Hinterachssperre ist der Pajero Classic aber recht tchtig im Gelnde. Insgesamt deutlich zeitgemer als Mitsubishi oder gar Land Rover erscheint der Nissan Terrano. Er erfreut mit akzeptablen Bremsen, zielgenauer Lenkung, problemlosem Handling und ordentlicher Motorisierung bei vergleichsweise moderatem Verbrauch. Modernste Technik sucht man allerdings auch hier vergebens. Vielleicht funktioniert das Auto deshalb im Alltag so problemlos.

Betriebskosten und Garantien

Einige Zugestndnisse mu man allerdings auch beim Nissan machen. Der seit 1987 bewhrte Turbodiesel-Motor luft aus heutiger Sicht rauh und vibrationsreich. Wegen des greren Hubraums und der weniger starken Aufladung ist dafr das Turboloch etwas kleiner als bei Mitsubishi und Land Rover. Einen zeitgemen permanenten Allradantrieb hat nur der Land Rover, bei den anderen mu man zuschalten. Immerhin lt sich beim Nissan im Gegensatz zum Mitsubishi der Allradantrieb problemlos auch whrend der Fahrt einlegen. Das vermeidet Stre im Winter, wenn man bei wechselnder Straenbeschaffenheit hufig den Allradantrieb ein- und wieder ausschalten mu. Einige deftige Mankos hat aber auch der Nissan.

Zum einen die deutlich geringere Anhngelast. Zum anderen kommt man im rutschigen Gelnde nicht weit, weil die automatische Differentialbremse an der Hinterachse viel zu wenig Wirkung zeigt. Hier ist die moderne Antriebsschlupfregelung ber Bremseneingriff des Land Rover oder erst recht die echte Hinterachssperre des Mitsubishi dem Nissan haushoch berlegen. Auch die dritte Sitzreihe des Nissan berzeugt nicht. Ihr fehlen Kopfsttzen, und zusammengeklappt lungert sie als hinderlicher Klotz im Gepckraum. Immerhin kann man sie ohne Werkzeug ausbauen. Ein weiterer Nachteil des Nissan: die Kosten. Er ist zwar insgesamt nicht teuer im Unterhalt, aber teurer als Mitsubishi und Land Rover. Seine hhere Vollkaskoeinstufung verursacht elf Prozent mehr Fixkosten.

Der etwas geringere Verbrauch des Nissan spielt da bei der Abrechnung kaum eine Rolle. Auch das nicht mehr zeitgeme Wartungsintervall von nur 10.000 Kilometer verursacht zustzliche Kosten. Den Vogel schiet allerdings in diesem Punkt der Mitsubishi ab. Unglaublich, aber wahr: Alle 7500 Kilometer schickt Mitsubishi den Alt-Pajero zum lwechsel in die Werkstatt. Das geht ins Geld. ber solche Intervalle kann der antik anmutende Land Rover nur lachen. Sein moderner Turbodieselmotor erlaubt dank einer speziellen lreinigung per Zentrifuge ein Wartungsintervall von 20.000 Kilometer. Nicht rekordverdchtig, aber akzeptabel. Der Brite berzeugt zudem mit dem hchsten Wiederverkaufswert. Das zeigt, da Oldtimer nicht nur Sympathie wecken, sondern auch wahre Werte darstellen.

Fazit und technische Daten

Fazit Der Nissan gewinnt, weil er unter den drei Billig-Oldies die wenigsten Alltags-Nachteile hat. Bremsen, Lenkung, Platzangebot, alles okay. berraschend ist, wie knapp Mitsubishi und Land Rover in den Punkterngen beieinander liegen. Der Defender gleicht deftige Mankos wie Komfort, Sicherheit und Sitzposition mit seinem wirksamen Allradantrieb und bester Gelndetauglichkeit aus. Warnung: Nur echte Fans ertragen auf Dauer den Defender im Alltag.

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