Vergleich Audi R8/Corvette C6

Vergleich Audi R8/Corvette C6

— 30.06.2008

Audi, hab Acht!

Mehr Hubraum, mehr Leistung, mehr Fahrspaß: Die geliftete Corvette C6 brüllt zum Angriff auf die etablierte Konkurrenz. Einer ihrer ersten Gegner ist der Audi R8. AUTO BILD SPORTSCARS bittet zum Vollgas-Vergleich.

Der Ampelstopp als Kniggetest: Jetzt bloß nicht die Manieren vergessen. Wer im Audi R8 sitzt und versonnen in der Nase pult, hat verloren. Alle würden es mitbekommen. Denn auch knapp zwei Jahre nach seiner Einführung ist der Sportwagen aus Ingolstadt noch immer eine in Alu und Carbon gepresste Angelegenheit des öffentlichen Interesses. Trotz eines neuen V8 mit 6,2 Liter Hubraum und 437 PS, einer überarbeiteten Lenkung und einem aufgewerteten Innenraum ist der frisch gelifteten Corvette ein derartiger Hype fremd. Im Vergleich zum von Anfang an gepriesenen Audi hatte sie eine schwere Kindheit. Seit 1953 stellt General Motors die Corvette als adäquaten Konkurrenten zur europäischen Sportlerriege auf – immer mit dem Vorsatz, den besten Sportwagen der Welt zu bauen. Immer mit bescheidenem Erfolg. Zwar erfüllte das Design stets klassische Sportwagenmerkmale, das Fahrverhalten hielt jedoch nie, was der verheißungsvolle Klang der voluminösen Achtzylinder versprach.

Ein echter Gegner für die etablierte europäische Sportwagen-Elite

Der V8 unter der C6-Haube hat mächtig Dampf – trotz ganz traditioneller Technik.

Die Kritik war stets dieselbe. Das Fahrverhalten: zu unsportlich. Die Lenkung: zu träge. Die Verarbeitung: na ja, Sie wissen schon. Dazu kam dann noch diese wenig hilfreiche Vorliebe des Rotlichtmilieus für den Zweisitzer aus Michigan. Obwohl die Zuhälter dieser Welt längst auf Modelle aus Stuttgart umgestiegen sind, klebt der schlechte Ruf wie Pattex an der Corvette. Dabei ist die aktuelle Corvette-Generation die beste aller Zeiten und ein ernst zu nehmender Konkurrent für Sportwagen aus good old Europe. Das ist, angesichts der zum Teil antiquiert wirkenden Bauweise der Corvette, im Grunde eine Sensation. Schließlich stammen Details wie Blattfedern an der Hinterachse oder ein V8 mit einer zentralen Nockenwelle und Stößelstangen aus einer Zeit, in denen sich der spätere deutsche Außenminister Joschka Fischer noch wilde Straßenschlachten mit der Polizei lieferte.

Man sollte die Corvette unter keinen Umständen unterschätzen

Vorsicht bissig: Wer die C6 unterschätzt, wird ganz schnell von ihrem Heck überholt.

Wer die Corvette aus alter Gewohnheit unterschätzt, wird sich schnell von ihr geschlagen geben müssen. Die neue Lenkung lässt die C6 mit noch nie da gewesener Präzision steuern. Selbst die ehemals kritischen Korrekturen im Grenzbereich nehmen Lenkung und das ebenfalls überarbeitete Fahrwerk gutmütig zur Kenntnis. Doch wehe, man übertreibt es. Dann keilt das Heck selbst bei aktivierter Traktionskontrolle schneller aus, als man ESP sagen kann. Wer den Helfer ganz ausschaltet (es gibt drei Stufen), driftet dank des üppigen Drehmoments von 575 Newtonmetern schon bald um jede Ecke. Überhaupt treibt einem der 6,2-Liter-V8 die Freudentränen in die Augen. Egal ob bei 5000 Umdrehungen im zweiten oder 900 Umdrehungen im fünften Gang – völlig ruckfrei nimmt das Triebwerk Gas an, dreht wie ein Derwisch und hämmert dem Piloten ein derart lässiges Grinsen ins Gesicht, dass John Wayne blass werden würde. Schade nur, dass die ebenfalls überarbeitete Sechsgang-Schaltbox der Corvette immer noch einen Tick zu schwergängig agiert.

Kommen wir zum Audi. Trotz seiner klassisch anmutenden, herrlich klackenden, aber etwas hakeligen Schaltung mit offener Kulisse wirkt er im Vergleich zur 60er-Jahre-Technik der Corvette wie ein Forschungslabor auf Rädern. Alukarosserie, Benzin-Direkteinspritzung, adaptives Fahrwerk, permanenter Allradantrieb – der R8 verfügt über fast alle Zutaten eines modernen Sportwagens. Und so fährt er sich auch. Dank der gewichtausgleichenden Mittelmotorbauweise und des variablen, aber stets hecklastigen Allradantriebs (Kraftverteilung: 10:90 bis 35:65) wischt der Audi schneller ums Eck, als es dem Beifahrer lieb sein kann. Voll durchbeschleunigt, wird Tempo 100 unter Nascar-verdächtigem V8-Gebrüll nach nur 4,7 Sekunden erreicht; 12,9 Sekunden später ist der Zweisitzer schon 200 km/h schnell. Währenddessen beschleicht einen das merkwürdige Gefühl, dass der Audi mindestens 100 PS mehr vertragen könnte. Die hervorragende Traktion und die exzellente Straßenlage lassen den R8 langsamer erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Die Lenkung wirkt dabei auf den ersten Metern zu leichtgängig und gefühllos, kurbelt sich aber schon wenig später durch ihre direkte Art und die treffliche Rückmeldung ins Herz des Piloten.

Der Allradler Audi R8 muss in den Drift gezwungen werden

Der Audi R8 gibt sich auch mit abgeschaltetem ESP lammfromm. Drifts müssen mutig erzwungen werden.

Apropos Herz. Wer mit dem Audi driften will, muss mutig sein. Wo bei anderen Autos schon längst das Heck um die Ecke linst, bleibt der R8 selbst dann noch in der Spur, wenn das ESP ausgeschaltet wird. Erst wenn man dort auf dem Gas bleibt, wo der Verstand schon längst Alarmstufe Rot auslöst, lässt der R8 seinem prallen Hintern freien Lauf. Erfahrene Piloten zirkeln den Audi dann erstaunlich entspannt durch die Kurve, unerfahrene Fahrer sollten den Spaß lieber gleich bleiben lassen. Oder hart in die Eisen steigen. Schon die Serienbremse des R8 beißt zu wie der Ausnahmeboxer Mike Tyson; die im Testwagen installierten Keramikstopper (8820 Euro Aufpreis) lassen ganze Fliegenschwärme am Heck kleben. Die Bremswerte aus 100 km/h von 35,8 Metern im kalten und 36,2 Metern im warmen Zustand sprechen eine deutliche Sprache.

Weitere Details des Vollgas-Vergleichs finden Sie oben in der Bildergalerie. Hier der komplette Test mit allen Tabellen als pdf.

Autor: Lars Zühlke

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