Vergleichstest VW Polo, Golf und Touran

Vergleichstest VW Golf, Polo und Touran

— 20.07.2004

Golf-Gegner aus Wolfsburg

Der Golf steckt in der Klemme. Und das ausgerechnet durch hausgemachte Konkurrenz. Polo und Touran nehmen ihn in die Zange.

Fressen und gefressen werden

War das einfach frher. Neuwagenkauf hie mehrheitlich Volkswagenkauf. Und dabei gab es nur eine Frage: Standard oder Export? Bis Mitte der 70er Jahre beherrschte der Kfer Deutschlands Straen. Dann wurde es kompliziert. Der Golf beendete die heckmotorisierte Monokultur. Es folgten Scirocco, Jetta, Polo und mit ihnen mehrten sich die Fragezeichen: zwei oder vier Tren, Stufen-, Steil- oder Flieheck?

Heute ist die Volkswagen-Welt noch viel unbersichtlicher. Einstieg mit dem Polo, Aufstieg im Golf, und wer dem entwchst, fhrt Touran. So zwingend und einfach klingt das nur bei den Wolfsburger Marketingstrategen. In Wirklichkeit ist die Sache erheblich komplizierter. Jetzt hat der Polo so viel Platz wie einst der Golf. Und in den Touran passt, was frher ein VW Bulli transportierte. Natrlich spricht Volkswagen davon, dass sich Polo, Golf und Touran perfekt ergnzen. Bei genauer Betrachtung gibt es aber mehr Schnittmengen, als Volkswagen recht sein kann, leiden die Wolfsburger unter einem Kannibalisierungseffekt.

Viele Golf-Kunden sind mglicherweise mit einem Polo oder Touran besser beraten. Gemeinsamer Nenner: Alle drei Modelle bieten fnf Sitzpltze. Nur gegen Aufpreis (605 Euro) befrdert der Touran zwei Personen zustzlich. Nach dieser Art der automobilen Mengenlehre ist der Polo also ein Golf S, der Touran ein Golf XL, und der Golf selbst sitzt mit Konfektionsgre M in der Klemme. So stellen sich drei Fragen: Reicht der Polo? Welche Vorteile bietet der Touran? Ist die Zwischengre Golf berflssig?

Preise und Ausstattung

Antwort 1: Wer keine maximalen Platzansprche stellt und ein- oder zweimal pro Jahr mit vier Personen verreist, kann mit dem fnftrigen Polo gut leben. Denn auch auf Langstrecken befrdert das 1,4-Liter-Modell seine Insassen erstaunlich komfortabel. Im direkten Vergleich ist der Golf ein groes Auto (geworden). Das spren die Passagiere innen angenehm, aber der Fahrer negativ beim Einparken und noch schlimmer an der Tankstelle. Obwohl ihn der gleiche 75-PS-Vierzylinder antreibt, braucht der Golf bei identischer Strecke und Fahrweise 1,4 Liter mehr Super-Sprit auf 100 Kilometer. Das ist viel.

Und nicht nur fr scharfe Rechner so viel, dass sich der Polo als sparsame Golf-Alternative anbietet. Umfangreiche Sicherheitsausstattung und Komfortdetails machen den Golf 140 Kilo schwerer. Darunter leiden nicht nur der Verbrauch, sondern auch Fahrleistungen und Handling. Der Polo ist in jeder Lage agiler und schneller als sein grerer Bruder. Besonders berraschend: Auch bei Reisetempo auf der Autobahn ist der kleinere Polo souverner. Denn dank lngerer bersetzung dreht sein Motor nur 3750 Umdrehungen bei 130 km/h im fnften Gang und ist leiser. Beim Golf liegen 4000 Touren an, was die Innengerusche nervig nach oben treibt.

Die Golf-Vorteile reduzieren sich damit auf das grere Platzangebot, die noch przisere Lenkung, den hheren Abrollkomfort und die bessere Ausstattung. Dafr muss der Golf-Kufer 3065 Euro mehr auf die Volkswagen-Theke legen. Darum: Wer auf Komfort-Schnickschnack und Statussymbolik verzichtet, kauft mit dem Polo nicht nur den billigeren, sondern auch den preiswerteren Volkswagen.

Betriebskosten und Garantien

Antwort 2: Diejenigen, die viel Platz brauchen, kommen am Touran nicht vorbei. Gegenber dem Golf bietet der Volkswagen-Kompaktvan ein erhebliches Raumplus knapp 2000 Liter Stauvolumen, wenn es darauf ankommt. Da kann der Golf bei weitem nicht mithalten. Bei Nutzung als Fnfsitzer bietet der Touran fast doppelt so viel Platz frs Gepck wie Deutschlands Bestseller. Und genau dafr gilt es, tief in die Tasche zu greifen. Erst bei 20.275 Euro beginnt die Touran-Preisliste mehr als 4000 Euro ber dem fnftrigen Basis-Golf. Heit: Dieser VW hat volkstmliche Preisregionen lngst verlassen.

Angetrieben wird er von einem 1,6-Liter-Zweiventilmotor mit 102 PS, mit dem er schneller unterwegs ist als der Golf. Leider auch dann, wenn es ums Nachtanken geht. Gemessene 8,2 Liter Super auf 100 Kilometer liegen ber Werksangabe sowie den Polo und Golf-Werten. brigens: Der strkere und teurere 1,6-FSI-Motor ist nicht gengsamer. Den Mehrpreis von 1175 Euro kann man sich sparen. Nicht nur bei Motor und Preis ist der Touran ein anderes Auto als Polo und Golf. Einstieg und die aufrechte Sitzposition haben eher hnlichkeit mit dem legendren VW Bus.

Nach vorn fehlt es aber an bersicht. Das Ende der Motorhaube ist nur zu erahnen, ragt 19 Zentimeter weiter vor als beim Golf. Auch der Wendekreis fllt grer aus. Die Folge: Beim Ein- und Ausparken sowie in engen Altstadtstraen ist der Touran lngst nicht so wendig und bersichtlich. Auf schlechte Straen reagiert seine Federung merklich rustikaler. Der Komforteindruck ist klar schlechter als im Golf. Bei Autobahnfahrt leidet er zudem unter Seitenwindempfindlichkeit, die zu stndigen Kurskorrekturen am Lenkrad zwingt.

Technische Daten und Fazit

Unter Komfort- und fahrdynamischen Gesichtspunkten ist der Golf besser. Allerdings schafft der Touran in der Spitze 15 km/h mehr, produziert wegen seiner hohen Karosserieform jedoch mehr Windgerusche. Als Lastesel indes kann er voll berzeugen. Sein variables Raumkonzept macht den Touran zum Transportwunder. Ob Dachlatten, Getrnkekisten oder Fahrrder bei Bedarf schluckt er fast alles. Beim Einrumen hilft die niedrige Ladekante. Nachteilig dagegen ist die groe Heckklappe, die nur mit viel Kraftaufwand zu schlieen ist.

Antwort 3: Der Golf hat es heute schwer, seinen jahrelangen Stammplatz zu verteidigen. Noch kann er seine Ausnahmestellung behaupten und gilt als idealer Schnittpunkt vielseitiger Interessen, wie die aktuellen Zulassungszahlen beweisen. Doch seine Vormachtstellung brckelt.

Fazit Polo statt Golf? Oder Touran statt Golf? Stellen sich diese Fragen wirklich? Sie stellen sich. Denn bei genauer Bedarfsanalyse sind die Volkswagen-Schwestermodelle berlegenswerte Alternativen zum allgegenwrtigen Golf. Dabei liegt der Polo konzeptionell und preislich nher am Bestseller als der Touran, obwohl der sich mit dem Golf die Plattform teilt. Wer auf soziale berholmanver und Prestigegedanken verzichtet, kann in vielen Fllen den Golf durch den Polo ersetzen. Ist Platzbedrfnis die Maxime bei der Neuanschaffung, macht der teure, aber hochvariable Touran zu Recht das Rennen.

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