Empfehlungen des Verkehrsgerichtstages

Verkehrsgerichtstag 2015: Ablenkung durch Smartphones

— 28.01.2015

Surfen, bis es kracht

Die häufige Nutzung von Smartphones im Auto bereitet Experten Sorgen. Denn immer mehr Verkehrsunfälle werden damit in Verbindung gebracht.

(dpa/jb) Verkehrsexperten warnen vor der erhöhten Unfallgefahr durch die Nutzung von Smartphones am Steuer. Nach Angaben des ADAC spielt die Ablenkung durch moderne Kommunikationsgeräte im Auto inzwischen bei jedem zehnten Verkehrsunfall eine entscheidende Rolle. Das Gefährdungspotenzial durch die Nutzung von Smartphones werde ausgeblendet, beklagt die Deutsche Akademie für Verkehrswissenschaft. Als Veranstalter des 53. Verkehrsgerichtstages in Goslar hat sie das Thema deshalb in dieser Woche auf die Tagesordnung gesetzt. Ein Sprecher des Deutschen Verkehrssicherheitsrates sagte, nach US-Studien steige das Unfallrisiko durch das Schreiben oder Lesen von Textnachrichten im Auto um mehr als das 20-Fache.

Empfehlungen des Verkehrsgerichtstages

Man könne immer wieder erleben, dass Autofahrer Schlangenlinien fahren und sich offenbar für alles interessieren – nur nicht für den sicheren Umgang mit dem Fahrzeug, sagt der ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker. Sie seien damit eine Gefahr für sich selbst und für andere. "Wer mit Tempo 100 auf der Landstraße unterwegs ist und nur eine Sekunde lang unachtsam ist, legt etwa 27 Meter im Blindflug zurück – lange genug, um gegen einen Baum zu fahren oder in den Gegenverkehr zu geraten."

Am Steuer eine Mail schreiben oder die Spritpreise checken? Kein Problem, wenn das Auto steht.

Die Verbreitung von Smartphones – also internetfähigen Mobiltelefonen – hat in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Der Branchenverband Bitkom geht davon aus, dass sechs von zehn Bundesbürgern ab 14 Jahren zumindest gelegentlich ein Smartphone nutzen. Für das Jahr 2014 rechnete der Verband mit fast 24 Millionen verkauften Geräten in Deutschland. Von der "Generation Kopf unten" ist seit einiger Zeit die Rede – mit Konsequenzen auch für den Straßenverkehr. "Die Leute werden unaufmerksamer", sagt Petra Reetz. Sie ist Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), deren konzernweit 6500 Fahrer die Hauptstadt mit U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen versorgen. Abgelenkte Fußgänger, die noch knapp vor der heranquietschenden Tram über die Gleise laufen, sind für die Fahrer nicht neu. 1979 kam der erste Walkman auf den Markt, seither sind viele Fußgänger mit Musik auf den Ohren unterwegs. Als Problem ist jetzt hinzugekommen, dass manche Smartphone-Nutzer auch mit den Augen nicht mehr auf den Verkehr achten. Stattdessen rufen sie im Gehen E-Mails ab oder schreiben WhatsApp-Nachrichten. 
Infotainment im Auto: Ist Siri gefährlich?

Das hat auch der Auto Club Europa (ACE) beobachtet. Im Sommer 2013 analysierten ehrenamtliche Helfer das Verhalten von insgesamt etwa 30.000 Kraftfahrern, gut 36.000 Fußgängern und mehr als 13.000 Radfahrern an Zebrastreifen. Fehler machten dort alle drei Gruppen, auch die Fußgänger: "Im Mittel mehr als 13 Prozent der Erwachsenen schalten am Zebrastreifen offenkundig gedanklich völlig ab und schlendern oder hasten über die Straße, ohne vorher nach links und rechts geschaut zu haben", bilanzierte der ACE damals. Und ergänzte: "Dabei sind sie häufig mit ihrem Smartphone beschäftigt." Die Polizei führt keine Statistiken darüber, wie oft Smartphones bei Unfällen eine Rolle spielen. Aus dem Polizeipräsidium Stuttgart heißt es aber: "Vermutlich haben diese Unfälle zugenommen, alleine schon aufgrund der ansteigenden Verbreitung der Geräte." Prof. Peter Biberthaler, der Direktor der Klinik für Unfallchirurgie am Klinikum Rechts der Isar in München, teilt diese Einschätzung. Zwar hat er ebenfalls keine konkreten Zahlen. Aber aus seiner täglichen Routine erkenne er eine Zunahme solcher Smartphone-Unfälle.

Experten sehen Handyhersteller in der Pflicht

Telefonieren während der Fahrt kostet 60 Euro und einen Punkt in Flensburg.

Das Gefährdungspotenzial werde ausgeblendet, stellt die Deutsche Akademie für Verkehrswissenschaft fest. Als Veranstalter des 53. Verkehrsgerichtstages in Goslar hat sie das Thema deshalb in dieser Woche auf die Tagesordnung gesetzt. Das Telefonieren per Handy ist – auf Empfehlung des Verkehrsgerichtstages – seit Langem verboten. Es wird mit 60 Euro Bußgeld und einem Punkt in Flensburg geahndet. "Das Handyverbot wurde erlassen, als das mobile Telefonieren noch in den Kinderschuhen steckte", sagt Verkehrsgerichtstag-Präsident Kay Nehm. Durch das Smartphone sei das Problem der Ablenkung jedoch noch viel größer geworden, sagt Nehm. Gefährdet sind vor allem junge Fahrer, die es gewohnt sind, über soziale Medien wie WhatsApp, Twitter oder Facebook zu kommunizieren, stellt der Verkehrssicherheitsrat fest. So habe rund ein Viertel der 18- bis 24-Jährigen bei einer Befragung eingeräumt, auch während der Fahrt SMS zu schreiben. "Hier sind die Hersteller gefordert", sagt ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner. "Smartphones sollten künftig einen Autofahrermodus haben, der gewisse Dienste im Auto unterbindet, wenn sie die Verkehrssicherheit beeinträchtigen." Der Automobilclub von Deutschland AvD setzt auf "sprachgesteuerte Lösungen". Ein komplettes Smartphone-Verbot im Auto sei kaum realistisch, meint die Sprecherin der Deutschen Verkehrswacht, Hannelore Herlan. Die Einhaltung eines solchen Verbotes sei nicht zu kontrollieren.

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