Unfall

Verkehrsgerichtstag in Goslar

— 27.01.2012

Dürfen Herzkranke ans Steuer?

Wenn Autofahrer am Steuer einen Herzinfarkt erleiden, führt das nicht selten zu tödlichen Unfällen. Beim Verkehrsgerichtstag in Goslar wird deshalb über ein Fahrverbot für Herzpatienten diskutiert.

(dpa) Wenige Tage nach Weihnachten im Kreis Osnabrück: Ein 72-Jähriger Autofahrer ist nachts auf einer Landstraße unterwegs. Er erleidet einen Herzinfarkt und verliert die Kontrolle. Sein Wagen streift ein entgegen kommendes Auto und stößt mit einem zweiten zusammen, dessen Fahrer verletzt wird. Für den 72-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät. Unfälle wie dieser passieren jährlich zu hunderten auf Deutschlands Straßen. Grund genug für den Verkehrsgerichtstag (VGT) in Goslar, darüber zu diskutieren, ob vor allem ältere Autofahrer mit schweren Herzkrankheiten die Fahrerlaubnis verlieren sollten. "Bislang fehlt eine genaue Festlegung, wann das Risiko noch tragbar ist und wann nicht", sagte VGT-Präsident Kay Nehm.

So lief der 50. Verkehrsgerichtstag in Goslar

Nach Auffassung des ACE-Experten beurteilen sich Ältere als Fahrer häufig sehr selbstkritisch und realistisch.

Die Fahrerlaubnisverordnung und die Leitlinie der Bundesanstalt für Straßenwesen seien für Ärzte, die die Fahreignung von Patienten begutachten sollen, nur eingeschränkt hilfreich, erklärte der Kardiologe Hermann Hubert als Referent beim VGT. Auch der ADAC bemängelt das Fehlen konkreter Regelungen, wann Menschen mit Herzkreislauf-Erkrankungen Auto fahren dürfen und wann nicht. Hier seien Grenzwerte erforderlich, sagte ADAC-Juristin Kristina Benecke. Dabei müsse allerdings ein Kompromiss zwischen dem Wunsch nach Mobilität und dem Schutz der Allgemeinheit gefunden werden.

ACE: "Menschen mit Herzschwäche nicht generell fahruntüchtig"

Vorrangiges Ziel sei es, möglichst vielen Menschen die eigenständige Mobilität zu bewahren – sei es durch Auflagen oder Beschränkungen der Fahrerlaubnis, erläuterte Benecke. Nur wo dies nicht möglich sei, müsse der Führerschein im Interesse der Sicherheit entzogen werden. Menschen mit Herzschwäche seien nicht generell fahruntüchtig, sagte der Verkehrssicherheitsexperte des ACE Auto Club Europa, Gert Schleichert. Bei allen Maßnahmen sei deshalb Augenmaß gefragt. Hinzu komme, dass das Unfallrisiko von Herzpatienten eher gering sei.

Verschiedene Studien zeigten, dass der Anteil der Verkehrsunfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen maximal ein Prozent beträgt, erläuterte Schleichert. Wenn sich ein Herzpatient an die Empfehlungen seines Arztes halte, liege das Unfallrisiko bei eins zu 20.000. Das Risiko, einen Unfall mit Todesfolge zu verursachen, sei bei gesunden 18- bis 20-Jährigen jedenfalls 20-fach höher. Nach Auffassung des ACE-Experten beurteilen sich Ältere als Fahrer häufig sehr selbstkritisch und realistisch. Auch deshalb sei eine Debatte um eine Fahreignungsprüfung für Senioren abwegig. "Wir brauchen keinen Senioren-TÜV".

Auch der Deutsche Anwaltverein (DAV) macht sich für ältere Menschen am Steuer stark. "Eine feste Altersgrenze, die das Führen eines Kraftfahrzeuges verbietet, ist nicht mit dem Grundsatz der Eigenverantwortlichkeit des Fahrers zu vereinbaren und wird daher strikt abgelehnt", sagte DAV-Verkehrsrechtsanwalt Andy Ziegenhardt.

Verkehrsmediziner: Ärztliche Gutachten sind keine Lösung

Ärztliche Gutachten zur Fahrtüchtigkeit greifen in das "Recht auf selbstbestimmte Mobilität" ein, sagte der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin, Rainer Matern. Es sei zu befürchten, dass vor allem Gutachten von Ärzten, die Verkehrsmedizin nebenbei betreiben, im Einzelfall eher weniger zuverlässig seien. Da es für derartige Gutachten keine Qualitätskontrolle gebe, sei auch offen, wie viele Kranke tatsächlich ihre Fahrerlaubnis verlieren müssen, damit das Risiko vielleicht um einen Verkehrsunfall abnimmt.

Eine verpflichtende Untersuchung für Herzpatienten, die sich ans Steuer setzen wollen, werde zudem nicht alle Risiken beseitigen, vermutete ADAC-Juristin Benecke. "Denn selbst mit den strengsten Untersuchungspflichten lassen sich Unfälle aufgrund von Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht in jedem Fall vermeiden".

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