Verkehrsmoral

Verkehrsmoral

— 16.04.2008

Kein Pardon für Rotlicht-Rüpel

Die Zahl der Ampelsünden nimmt zu. Die Polizei will den gefährlichen Trend mit verstärkten Kontrollen stoppen, die Politik plant höhere Bußgelder. Ein Volk sieht rot.

Das Mädchen hatte wohl einen Schutzengel, sonst wäre es nicht mehr am Leben. Als Merve C. in der Hamburger Altstadt die Straße überqueren wollte, hörte sie gerade noch, wie das Auto mit Vollgas angerast kam. "Dabei hatte ich Grün", sagt die 13-Jährige empört. Nun liegt sie mit eingegipstem Arm, geschwollenem Auge und Schrammen auf der Stirn im Krankenhaus. Laut Polizei hatte ein 59 Jahre alter BMW-Fahrer das Rotlicht der Ampel ignoriert. Kein Einzelfall. In der Hansestadt ist die Zahl der bei Rotlichtunfällen verletzten Menschen 2007 deutlich angestiegen – auf 633 gegenüber 545 im Jahr zuvor. Die Polizei begegnet der wachsenden Disziplinlosigkeit mit verstärkten Kontrollen. Bei einer sechsstündigen Stichprobe haben die Beamten 99 Autofahrer erwischt, die bei Rot in die Kreuzung einfuhren.

Laut Bußgeldkatalog wird ein Verstoß gegen das Haltegebot mit mindestens 50 Euro und drei Punkten in Flensburg geahndet.

Eine Fußgängerin konnte sich vor den Augen der Polizisten nur durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen. Trauriger Alltag in deutschen Großstädten. Und es sind keineswegs nur Autofahrer, die sich ums Ampelsignal nicht scheren. Zwei Fälle der vergangenen Tage: In Bremen erlitt eine 57-jährige Fußgängerin lebensgefährliche Kopfverletztungen: Sie wollte bei Rot über die Straße, wurde von einem Auto erfasst und durch die Luft geschleudert. In Köln landete eine Radfahrerin mit einer blutenden Kopfplatzwunde im Krankenhaus. Die 33-Jährige war bei Rot über die Kreuzung geradelt und von einem Transporter über den Haufen gefahren worden. Nachdem in Köln fünf Menschen binnen neun Monaten bei Rotlichtunfällen gestorben waren, rief Polizeidirektor Helmut Simon 2007 die Aktion "Köln steht bei Rot" ins Leben – mit Kontrollen an Kreuzungen sowie Zivilpolizisten und uniformierten Fußstreifen, die Rotsünden unnachgiebig zur Anzeige bringen.

Zeigt die Ampel länger als eine Sekunde Rot, gibt es 125 Euro Bußgeld, vier Punkte und einen Monat Fahrverbot.

2006 verunglückten in Deutschland 10.223 Menschen, weil sie die "Verkehrsregelung durch Polizeibeamte oder Lichtzeichen" missachteten, so das Statistische Bundesamt. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Ob die vergleichsweise milden Strafen – ein einfacher Rotlichtverstoß kostet ab 50 Euro – oder der fehlende Kontrolldruck daran schuld sind, ist umstritten. Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), hält die bestehenden Sanktionen für ausreichend: "Wir haben ein Vollzugsdefizit", sagt der GdP-Chef. "Für die notwendigen Kontrollen fehlt es als Folge des jahrelangen Personalabbaus an Beamten." Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) will die Sünder mit härteren Strafen zur Räson bringen. "Rote Ampeln zu missachten ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein schwerer Verstoß gegen die Verkehrsordnung und eine der häufigsten Ursachen für schwere Unfälle", sagt der Minister zu AUTO BILD. "Im neuen Bußgeldkatalog habe ich schärfere Strafen dafür vorgesehen. Das muss jetzt rasch umgesetzt werden!"

Autoren: Matthias Moetsch, T. Willcocks

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