Verkehrsrecht

Die StVO im Klartext Die StVO im Klartext

Verkehrsrecht

— 29.08.2002

Die StVO im Klartext

So einfach kann ein Gesetz sein: Sprachkritiker Wolf Schneider hat die Verkehrsregeln übersetzt – in Umgangssprache. Und siehe da: Jetzt versteht es wirklich jeder.

Aus 54 Worten mach sechs

Wir machen jetzt mal den Test: Standen Sie heute auch so lange an der roten Ampel? Ja? Na sehen Sie, schon falsch. Ampeln gibt es gar nicht. Zumindest laut Straßenverkehrsordnung (StVO). Denn da heißen die Dinger Wechsellichtzeichen. Und beim Abbiegen blinken wir auch nicht, nein, wir betätigen den Fahrtrichtungsanzeiger. Steht so im Gesetz. Das klingt ziemlich irre, und das ist es auch.

Die Straßenverkehrsordnung, sozusagen das Grundgesetz der Straße, ist ein furchtbar dicker Wälzer mit verschachtelten Satz-Ungetümen und abenteuerlichen Wort-Konstruktionen. Das Regelwerk, nachdem wir uns alle richten sollen, das verstehen nur Juristen. Wenn überhaupt. Im Auftrag des Auto Club Europa (ACE) hat der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider, 77, das Vorschriften-Dickicht jetzt radikal gelichtet, gekürzt und in normales Alltagsdeutsch übersetzt. Das Ergebnis: Die StVO im Klartext.

Mal als Beispiel: Mit 54 Worten regelt Paragraph 36, Absatz 5, die "Zeichen und Weisungen der Polizeibeamten" (s. oben). Wolf Schneider braucht dafür nur sechs: "Polizisten dürfen Verkehrsteilnehmer zur Kontrolle anhalten." Ob die Beamten das mit einer Kelle, einer roten Leuchte oder sonstwas machen (wie im Original beschrieben) ist wohl ziemlich wurscht. Oder Paragraph 32 über "Verkehrshindernisse": In der StVO stolze 67 Worte lang und mit dem umständlichen Hinweis versehen, dass Verkehrshindernisse "wenn nötig mit einer Lichtquelle zu beleuchten oder durch andere zugelassene lichttechnische Einrichtungen kenntlich zu machen" sind. Mal im Ernst, liebe Juristen: Dass zum Beleuchten ein Scheinwerfer nicht schaden kann, weiß wohl jeder selbst. Schneider braucht für die gleiche Vorschrift übrigens nicht mal die Hälfte des Textes. Geht doch...

Leitfaden für gutwillige Verkehrsteilnehmer

"Der bisherige Text war ein Hammer, mit dem ahnungslose oder böswillige Verkehrsteilnehmer juristisch erschlagen werden konnten", sagt der Sprachkritiker, "wir haben versucht, daraus einen Leitfaden für gutwillige Verkehrsteilnehmer zu machen." Dazu gehört auch eine neue Gliederung der StVO. Schneiders Beispiel: "Was ein Radfahrer außer der Kinderbeförderung noch zu beachten hat, das ist auf vier weit voneinander entfernte Paragrafen verteilt. Da hat der Begriff über den Menschen gesiegt. Wir machen es umgekehrt."

Vielleicht wird Schneiders Fassung eines Tages wirklich zum Gesetz. Immerhin hat Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) selbst erkannt, dass die Straßenverkehrsordnung vereinfacht werden muss. Rund 200 Verbände hat er um Verbesserungsvorschläge gebeten. 82 davon haben geantwortet, angeblich veränderten die meisten aber entweder gleich den ganzen Inhalt der StVO – oder nur ein paar Satzzeichen.

Ende November soll im Verkehrsministerium eine erste Auswertung aller Vorschläge vorliegen. Dann geht das ganze an die Bundesländer und in die Bürgerbefragung, am Ende müssen auch noch die Juristen im Ministerium zustimmen. Ob die aber besonders viel Begeisterung für Schneiders Fassung zeigen, ist zumindest fraglich. ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner jedenfalls ahnt schon: "Sprache, Kürze und Prägnanz, das haben die Juristen nicht so drauf."

StVO: alt gegen neu

Verkehrsregeln können so einfach sein. Hier ein paar ausgesuchte Beispiele der "neuen" Straßenverkehrsordnung. Selbst wenn sie vielleicht nicht geändert werden sollte – stilistisch hat sie schließlich schon die vergangenen 30 Jahre überdauert: Das will uns die gute alte StVO wirklich sagen. Die komplette Neufassung hat autobild.de für Sie als PDF-Dokument angelegt. Einfach hier klicken und runterladen. Viel Spaß mit der Langfassung! Und den Beispielen. Urteilen Sie selbst: besser, klarer, verständlicher? Oder hat der Kollege Schneider es sich zu einfach gemacht?

ALT: "§ 1 Grundregeln" Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird. NEU: "§ 1 Grundregeln für alle Verkehrsteilnehmer" Wir alle benutzen die Straße. Also müssen wir auf einander Rücksicht nehmen und uns mit Vorsicht und Umsicht bewegen. Falls die Umstände es erfordern, müssen wir auch auf Rechte verzichten, die diese Verordnung uns einräumt.

ALT: "§ 32 Verkehrshindernisse" Es ist verboten, die Straße zu beschmutzen oder zu benetzen oder Gegenstände auf Straßen zu bringen oder dort liegen zu lassen, wenn dadurch der Verkehr gefährdet oder erschwert werden kann. Der für solche verkehrswidrigen Zustände Verantwortliche hat sie unverzüglich zu beseitigen und sie bis dahin ausreichend kenntlich zu machen. Verkehrshindernisse sind, wenn nötig mit einer Lichtquelle zu beleuchten oder durch andere zugelassen lichttechnische Einrichtungen kenntlich zu machen. NEU: § 2 Die Straße darf nicht beschmutzt werden. Gegenstände, die den Verkehr erschweren oder gefährden, haben auf der Straße nichts zu suchen. Bis zu ihrer Beseitigung müssen sie beleuchtet oder anderweitig kenntlich gemacht werden.

ALT: "§ 26 Fußgängerüberwege" An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge mit Ausnahme von Schienenfahrzeugen den Fußgängern sowie Fahrern von Krankenfahrstühlen oder Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten. Stockt der Verkehr, so dürfen Fahrzeuge nicht auf den Überweg fahren, wenn sie auf ihm warten müssten. An Überwegen darf nicht überholt werden. NEU: "§ 18 Zebrastreifen" Auf Zebrastreifen sind Fußgänger bevorrechtigt gegenüber allen Fahrzeugen außer Straßenbahnen. Auch wenn sich kein Fußgänger nähert, darf an Zebrastreifen nicht überholt, bei einem Stau nicht auf ihnen gewartet werden.

ALT: "§ 36,5 Zeichen und Weisungen der Polizeibeamten" Polizeibeamte dürfen Verkehrsteilnehmer zur Verkehrskontrolle einschließlich der Kontrolle der Verkehrstüchtigkeit und zu Verkehrserhebungen anhalten. Das Zeichen zum Anhalten kann der Beamte auch durch geeignete technische Einrichtung am Einsatzfahrzeug, eine Winkerkelle oder eine rote Leuchte geben. Mit diesen Zeichen kann auch ein vorausfahrender Verkehrsteilnehmer angehalten werden. Die Verkehrsteilnehmer haben die Anweisungen der Polizeibeamten zu befolgen. NEU: § 99 Polizisten dürfen Verkehrsteilnehmer zur Kontrolle anhalten.

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