Versteckte Preiserhöhungen

Versteckte Preiserhöhungen Versteckte Preiserhöhungen

Versteckte Preiserhöhungen

— 23.03.2002

Die Teuro-Tour

Die Kunden schimpfen, doch die Statistiker beruhigen: Werden die Verbraucher mit der neuen Währung abgezockt? AUTO BILD hat an Tankstellen eingekauft - und nachgerechnet.

Alles leere Versprechungen?

Hier können sie nicht gewesen sein, die Herren Hahlen und Meister. An dieser Aral-Tankstelle im Hamburger Osten, wo die Straßen karg und die Geldbeutel leer sind. Wo mit jedem Cent gerechnet wird und man sich nicht so leicht für dumm verkaufen lässt. Von Schlipsträgern schon gar nicht. Sonst hätten sie es vielleicht nicht gesagt, die Herren Hahlen und Meister. Der Erste ist Präsident des Statistischen Bundesamtes und meint: "Der Euro hat die Lebenshaltungskosten nicht erheblich beeinflusst." Der Zweite ist Direktoriumsmitglied bei der Bundesbank und behauptet: "Der Euro ist kein Teuro." Wirklich nicht?

Wolfgang, der tätowierte Trucker am Aral-Stehtisch in der Ecke, behauptet das Gegenteil. "Die Politiker haben uns versprochen, dass nichts teurer wird", sagt Wolfgang, "und jetzt ist doch alles teurer geworden - so sieht das aus!" Wie die Brötchen, die Wolfgang hier jetzt 30 Cent statt 50 Pfennig kosten - also über 15 Prozent mehr.

Nathalie (18), angehende Zahnarzthelferin aus der Praxis um die Ecke, stellt in der Tankstelle fest: "Der 20-Euro-Schein geht schneller weg als früher ein 20-Mark-Schein." Wer hat nun Recht - die Schlipsträger mit ihren Zahlen und Tabellen? Oder die Verbraucher mit ihren alltäglichen (T)Euro-Erlebnissen?

Höchst unterschiedliches Preisniveau

Stichprobe an einer anderen Tankstelle, einer von DEA. Mit einer Einkaufsliste von zehn Produkten, vom Wischerblatt bis zum Toilettenpapier. Und mit den alten DM-Preisen von derselben Tankstelle im Kopf. Ergebnis: Wischerblätter, Felgenreiniger, Motoröl, Autopolitur, Waschen und Toilettenpapier wurden mit dem Euro teurer.

Scheibenwaschkonzentrat, Schokolade und Cola kosten weniger, der Münz-Staubsauger mit 51 Cent so viel wie vorher. Im Dezember 2001 hätten wir insgesamt 105,50 Mark bezahlt (53,94 Euro), jetzt 55,11 Euro. Macht eine Steigerung von 2,17 Prozent - etwa so viel, wie die Statistiker für den Jahres- und Währungswechsel auch errechnet hatten. Punkt für die Schlipsträger. Repräsentativ ist das natürlich nicht. Auch weil jeder Tankstellenpächter (mit Ausnahme der 870 Shell-"Select"-Stationen) seine Shop-Preise selbst festlegen kann.

Und weil wir auf unserer Teuro-Tour erstaunt festgestellt haben: Der Euro, der die Preise in Europa angleichen soll, schafft das nicht mal innerhalb Deutschlands. Da kostet Felgenreiniger an der einen Tankstelle 5,09 Euro, an der anderen das Doppelte. Selbst eine Tafel Schokolade variiert zwischen 76 Cent und 1,09 Euro. Schon seltsam, diese Preise. Was ist nun mit Wolfgang und Nathalie, mit den vielen empörten Kunden, die sich täglich bei den Verbraucherzentralen melden: alle nur Nörgler? Von wegen. Es kommt halt drauf an, was man zahlt und wo man zahlt.

Rüsselerlebnis: Saugen mit einer Mark

Bei einer anderen Shell-Tankstelle kostet eine Packung Kaugummi statt 1 Mark (51 Cent) 80 Cent. Im Parkhaus eines Einkaufscenters sind für eine Stunde statt 50 Pfennig (26 Cent) 40 Cent fällig. In Leipzig nimmt die Stadt für City-Parkplätze pro halbe Stunde jetzt sogar 50 Cent statt vorher 50 Pfennig. Und in Berlin wurde selbst das Abschleppen teurer: Von umgerechnet 130 auf 137 Euro. Punkt für die Verbraucher.

Aber was heißt hier eigentlich immer Euro? Wer denkt, die Mark hätte ausgedient, der sollte mal sein Auto an einer Tankstelle saugen. Einige Pächter haben ihre Automaten zwar auf die neue Währung umgestellt (1 Euro statt 1 Mark, dafür doppelte Saugzeit), die meisten müssen ihren Kunden immer noch Cent gegen Mark wechseln - weil die Hersteller Lieferprobleme haben. "Ich habe die neuen Münzeinheiten im Herbst bestellt. Bekommen soll ich sie im April 2003", klagt ein DEA-Pächter.

Auf dem Heimweg, an der A-1-Raststätte Stillhorn vor Hamburg, begegnen wir der Klofrau Maria (33) und ihrem ganz speziellen Euro-Problem. Die Russin hat bemerkt: "Früher haben die Leute meist 50 Pfennig gegeben, jetzt nur noch zehn Cent." Oder gar nichts: Ein junger Mann verschwindet in diesem Augenblick durch die Tür, ohne etwas in die Schale zu legen. "Nu, was soll ich da machen?", fragt sie. Keine Ahnung. Vielleicht hätten die Herren Hahlen und Meister da eine Idee. Aber bei Maria waren sie wahrscheinlich auch noch nie...

Preisbeispiele Motoröl 19,52 Mark, jetzt 10,05 Euro (7 Cent teurer). Wischerblätter 39,93 Mark, jetzt 20,95 Euro (53 Cent teurer). Autowäsche 9,95 Mark, jetzt 5,25 Euro (16 Cent teurer). Scheibenwaschmittel 5,95 Mark, jetzt 3 Euro (4 Cent billiger). Ritter Sport 2 Mark, jetzt 1 Euro (2 Cent billiger). Staubsaugen 1 Mark, jetzt 51 Euro (nicht teurer).

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