F1: Weltmeister Vettel im Interview

Vettel-Interview: Seine Weltmeister-Saison

— 18.11.2010

"Monza war der Wendepunkt"

AUTO BILD MOTORSPORT trifft den frischgebackenen Formel 1-Weltmeister in Abu Dhabi spricht mit ihm über seine turbulenten ersten Tage als Champion. Außerdem lässt er die Saison Revue passieren

Der Bub aus Heppenheim ist zurück. Zurück in Abu Dhabi, zurück an der Stätte seines historischen Triumphes. Es ist neun Uhr, als er am Donnerstagmorgen von seinem Zimmer im Yas-Hotel nach unten kommt. Da steht er jetzt vor uns, einen Drei-Tages-Flaum im Gesicht, irgendwie glücklich, aber doch neben der Spur – als hätte man in eine Waschmaschine gesteckt und mit 1600 Umdrehungen durchgeschleudert. Morgens Salzburg, mittags Milton Keynes, abends Abu Dhabi. Die Zeit hat ihn überholt, nicht seine Gegner. Er ist zwar zurück in der Wüste, aber er weiß nicht, wo ihm der Kopf steht. Wie viel Uhr, welcher Tag, welches Jahr? Völlig egal. Das Leben hat seit Sonntag den Turbo bei Seb gezündet, der viel lieber auf der Bremse steht. Heimat, Hessen, Heppenheim, da fühlt er sich zuhause. Aber er gehört plötzlich einer ganzen Nation. Weltmeister werden ist schwer genug. Aber Weltmeister sein ist noch schwerer.

Für Vettel (hier mit Teamkollege Webber, links) ging es nach der WM-Feier ohne Schlaf in den Flieger zurück nach Europa.

ABMS: Herr Vettel, wie waren Ihre ersten Tage als Weltmeister?
Sebastian Vettel: Nach der Feier am Sonntag ging es gleich weiter ohne Schlaf in den Flieger. In Österreich gab es dann einen großen Empfang und viele Fragen zu beantworten. Abends haben wir das Ganze mit einer kleinen Feier ausklingen lassen. Dann ging es wieder in den Flieger nach England, wo uns noch einmal das gleiche Programm erwartete. Aber es war schön, weil ich das ganze Team noch einmal sehen konnte – auch die Mitarbeiter aus der Fabrik. Seit Mittwochnachmittag bin ich wieder zurück in Abu Dhabi. Manchmal wusste ich nicht mehr, wo ich bin, wenn ich im Flieger kurz eingenickt war. Das war ein ziemlich strammes Programm, aber in recht kurzer Zeit konnten wir viele Leute glücklich machen.
Sie waren die ganze Zeit mit Ihrem Teamkollegen Mark Webber unterwegs. Haben Sie sich ausgesprochen?
Wir hatten nach dem Rennen am Sonntag gleich ein etwas längeres Gespräch. Er kam zum Gratulieren rüber und dann haben wir gleich mal Klartext geredet. Ich hatte ein paar Sachen, die mich über das Jahr gestört haben, er auch, aber wir haben das Ganze aus der Welt schaffen können. Ich würde jetzt nicht sagen, wir haben uns lieb. Denn wir hatten schon unsere Gründe, weshalb wir das ein oder andere Mal mit den Hörnern aneinander gestoßen sind. Aber ich denke, der Eine respektiert den Anderen.

Vettel: "Man hängt nur ab und zu den Fuß zum Bremsen raus"

Kämpften Kopf an Kopf: Die Red Bull-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber.

Sie sind in fast allen Statistiken der Jüngste. Wie bleiben Sie da noch Sie selbst?
Für mich ist das nicht so wichtig, dass ich der Jüngste bin. Was mehr zählt, ist das Erreichte, der Sieg, die Weltmeisterschaft. Ob die Karriere etwas Besonderes war, kann man immer erst danach sagen. Wer weiß, was noch kommt? Bis jetzt bin ich sehr stolz auf das, was ich erreicht habe. Dass ich nicht der älteste Fahrer bin, weiß ich auch. Und ob einem durch das Alter am Ende der Karriere einige Sachen schwerer fallen, kann ich nicht beurteilen.
Aber für die Nachwuchspiloten bedeutet Ihr früher Titel natürlich extremen Druck.
Man selbst nimmt das ganz anders wahr, denn man konzentriert sich immer auf das, was vor einem liegt. Natürlich ging es von außen gesehen bei mir recht schnell, aber ich selbst hatte immer nur das eine Ziel, den nächsten Schritt zu machen. So packt man jede Aufgabe einzeln an und hängt nur ab und zu den Fuß raus zum Bremsen, um zu sehen, wo man eigentlich gerade steht. Und wenn man dann sieht, was die Formel 1 eigentlich bedeutet, ist das schon Wahnsinn. In den letzten Tagen zum Beispiel kam mit der Gedanke, wie lange ich eigentlich kein Formel 1-Rennen mehr live habe sehen können, weil ich ja Teil davon bin. Früher war die Formel 1 für mich ein Erlebnis. Und jetzt bin ich Weltmeister. Unglaublich.

Am Boxenfunk nach dem Rennen haben Sie von Ihrer Zeit im Kart erzählt, dass Sie und Ihr Vater dort eigentlich immer die Underdogs waren.
Naja, erst einmal war ich froh, dass ich überhaupt etwas denken konnte. Denn was da plötzlich alles auf dich hereinbricht, kannst du mit nichts vergleichen. Und dann kommen einem Bilder von früher in den Kopf und du denkst Dir: Hoffentlich weckt mich jetzt keiner auf.
Ein großes Ziel haben Sie jetzt erreicht. Und nun?
Erst einmal darf ich die Zeit genießen, dann werde ich es mit Freunden und Familie feiern. Und dann wird der Fokus bald wieder auf der nächsten Saison liegen. Und auf der Titelverteidigung.
Nicht eine Stärke oder Charaktereigenschaft macht einen Weltmeister aus. Was ist dennoch Ihre prägnanteste Stärke?
Dass ich niemals aufgebe, gehört auf jeden Fall dazu. Ich hab die Meisterschaft in diesem Jahr genau einmal angeführt, und zwar zum Schluss. Das ist sehr effizient und es reicht. Aber ich glaube, dass eine Handvoll Fahrer in der Formel 1 auf einem sehr hohen Level agieren. Und trotzdem setzt sich am Ende nur einer durch. Da ist nicht nur der Speed entscheidend, sondern die Kombination von vielem. Und während so eines Jahres ist es leicht, die Zügel etwas schleifen zu lassen. Deshalb muss man sich immer wieder selbst wachrütteln und sein Ding so machen, wie man selbst es für richtig hält. Und ganz entscheidend ist, dass man nicht aufhört, an sich zu glauben. Ich muss aber auch sagen: Das Team hat mir immer das Gefühl gegeben, dass sie an mich glauben. Egal, ob es gut aussah oder schlecht.

Das Rennen in Monza brachte Vettel Glauben an den Titel

Holte beim Saisonabschluß in Abu Dhabi noch den WM-Titel: Sebastian Vettel im Red Bull RB6.

Würden Sie die These unterstreichen, dass Monza das Rennen war, wo Sie rein vom Kopf her die Wende geschafft haben?
Ja, denn in Spa – dazu stehe ich – habe ich einen Fehler (Crash mit Button; d. Red.) gemacht. Das war für mich kein gravierender Fehler. Ich habe versucht jemand anderen zu überholen und es ging in die Hose. Danach habe ich viel Kritik einstecken müssen, gerade in der Presse. Und es war eine große Lehrstunde für mich, die wichtigste Lektion in diesem Jahr. Ich war immerhin in einer gewissen Favoritenposition und musste lernen damit umzugehen, lernen nur auf einen kleinen Kreis von Leuten zu hören und die eigene Energie nur in diese Leute zu investieren, weil du weißt: Nur da bekommst du es auch zurück. Und Monza war das Rennen danach. Der GP war ziemlich hart, aber ich habe bis zur letzten Runde gekämpft. Und am Ende hat es sich mit Platz vier ausgezahlt. Deshalb war das ein ganz besonderes Rennen – von der Einstellung her. Ich habe einfach losgelassen. Von da an hatte ich den festen Glauben an den Titel, ohne zu verkrampft zu sein.
Haben Sie sich Ihr WM-Rennen schon angeguckt?
Nicht ganz, nur in Ausschnitten. Die letzten 15 Runden habe ich am Sonntagabend mit meinen Mechanikern angeschaut. Das war schon ein komisches Gefühl, denn während des Rennens wusste ich ja bis zum Schluss nicht, wie der WM-Stand aussieht. Und vor allem die Gesichter der Mechaniker oder die wackelnden Füße meines Teamchefs zu sehen, war schon etwas Besonderes. Wir haben alles richtig gemacht und uns nicht beirren lassen. Was die anderen machen, lag nicht in unserer Hand und so sind wir das Rennen angegangen. Jetzt gibt es natürlich wieder Einige, die sagen: Er hat Glück gehabt. Doch wenn man das ganze Jahr betrachtet, hatten auch wir viele negative Momente, wo ich mich gefragt habe: Warum ausgerechnet ich? Aber wir haben unsere Chance genutzt, die anderen nicht. Fertig, Aus.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

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